Iranist Mahdi Rezaei-Tazik: «Die Menschen müssen weiterhin im Iran leben können»
10.04.2026 InterviewDen Sturz des iranischen Regimes wünschten sich fast alle, sagt der Politologe und Iranist Mahdi Rezaei-Tazik – doch es sei fraglich, ob ein Krieg der richtige Weg dazu sei.
TOBIAS GRADEN
Mahdi Rezaei-Tazik, wie geht es den Menschen im Iran, die ...
Den Sturz des iranischen Regimes wünschten sich fast alle, sagt der Politologe und Iranist Mahdi Rezaei-Tazik – doch es sei fraglich, ob ein Krieg der richtige Weg dazu sei.
TOBIAS GRADEN
Mahdi Rezaei-Tazik, wie geht es den Menschen im Iran, die Sie kennen?
Mahdi Rezaei-Tazik: Mit Menschen im Iran in Kontakt zu treten, ist derzeit wegen der Internetabschaltungen schwierig. Deshalb habe ich kein vollständiges Bild von der aktuellen Stimmung in der Gesellschaft.
Gleichwohl: Was halten – soweit es Ihnen bekannt ist – die Menschen im Iran von den Angriffen Israels und der USA?
Objektive Studien dazu gibt es keine, und ein vollständiges Bild von ausserhalb zu gewinnen, ist kaum möglich. Meinem Eindruck nach ist die Gesellschaft gespalten. Ein Teil erhofft sich vom Krieg das Ende des Regimes und die Entwicklung hin zu einer säkularen Demokratie. Doch diese Stimmung kippt mindestens in der Diaspora. Die Menschen befürchten, dass die Infrastruktur des Landes weiterhin angegriffen wird, etwa die Gas- und Stromanlagen. Man befürchtet die vollständige Zerstörung des Landes bei gleichzeitigem Fortbestehen des Regimes. Doch ob mit diesem Regime oder ohne es: Die Menschen müssen weiterhin im Iran leben können.
Atina Tabé, eine Schauspielerin mit iranischen Wurzeln, die in Biel tätig war, hat in einem Interview kürzlich gesagt: «Freiheit für Iran hat sich noch nie so nah angefühlt wie jetzt.» Teilen Sie diese Hoffnung?
Wie gesagt, ich habe kein vollständiges Bild vom Puls der iranischen Gesellschaft. Ich sehe jedoch drei Szenarien und ordne sie nach ihrer Wahrscheinlichkeit. Erstens: Das Regime überlebt und geht Kompromisse ein. Zweitens: Das Regime wird gestürzt und die Bevölkerung schafft den Übergang. Drittens: Das Regime wird geschwächt, verschiedene Gruppierungen werden von externen Akteuren unterstützt, und es kommt zu Konflikten bis hin zu einer Art Bürgerkrieg.
Wäre es aus Ihrer Sicht denn wünschenswert, die USA würden einen Regime Change anstreben?
Den Sturz des Regimes wünschen sich fast alle, jedoch sind sich nicht alle darüber einig, ob Krieg der richtige Weg ist. Und die Frage, ob der Krieg völkerrechtskonform ist oder nicht, wurde längst verneint. Doch die Hauptfrage ist: Wie würden sich die USA und Israel im Hinblick auf die territoriale Integrität des Iran verhalten? Würde bei einem Sturz der Verteidigungsapparat weiterhin zerstört werden wie in Syrien? Denn der Iran – ob mit Regime oder ohne – braucht sein Militär. Er ist umgeben von Autokratien.
Inwiefern ist es überhaupt realistisch, dass das Regime in nächster Zeit gestürzt werden könnte? Es scheint trotz der Eliminierung hochrangiger Exponenten nicht zu wanken.
Ich sehe keine Spaltungen unter den Revolutionsgarden, und ich habe nichts von Rücktritten hochrangiger Militärs gehört. Es gibt zurzeit keine Indizien, dass das Regime gestürzt würde. Die entscheidende Frage ist wohl, ob die USA Bodentruppen einsetzen werden. Mit grösster Wahrscheinlichkeit werden sie dies nicht tun. Doch Kriege werden am Boden entschieden.
Es kann ja gerätselt werden, was denn tatsächlich die Motive der USA für den Kriegseintritt waren. Was ist Ihre These?
Für die USA geht es vor allem um die Kontrolle von Öl und Gas und um Einfluss auf Chinas Versorgungsrouten.
Haben sich die USA von Israel in diesen Krieg hineinziehen lassen?
Diese These wurde etwa von Joe Kent vertreten, dem zurückgetretenen Chef der US-amerikanischen Terrorabwehr. Ich halte es allerdings für plausibel, dass Trump in erster Linie davon ausging, man könne das iranische Regime rasch stürzen.
Die Ziele von Israel und den USA dürften sich jedenfalls unterscheiden.
Das dürfte so sein. Den USA geht es mutmasslich primär um die Kontrolle über die Energieversorgung und um geopolitischen Einfluss. Israel hingegen hat wohl tatsächlich den Sturz des Regimes zum Ziel. Egal, welches der möglichen Szenarien eintritt – das Regime überlebt und macht Zugeständnisse; es wird gestürzt und die Opposition übernimmt; oder es kommt zu einem Bürgerkrieg –, gehört Israel zu den Gewinnern, in allen drei Fällen.
Inwiefern?
Im ersten Szenario könnte sich Israel als eine Art Befreier positionieren und langfristig sogar eine Annäherung zwischen den zwei Ländern erreichen. Im zweiten Szenario wäre das Regime zumindest erheblich geschwächt. Und im dritten Szenario wäre der Iran mit sich selbst beschäftigt. Doch der Krieg wird im kollektiven Gedächtnis des Iran tiefe Spuren hinterlassen, unabhängig vom Ausgang. Israel wird entweder als geachteter Partner oder als Feindbild wahrgenommen werden.
Israel kann aber seine Kräfte auch nicht überdehnen.
Das behaupte ich nicht. Israel ist eher als Kurzstreckenläufer zu verstehen. Es versucht, Kriege blitzartig zu führen und sie so rasch wie möglich zu beenden. Doch das Regime im Iran ist eher ein Langstreckenläufer. Ihm geht es vor allem um seine eigene Existenz. Es will das Ende des Krieges, nicht bloss einen Waffenstillstand. Es will eine Garantie dafür, dass es nicht mehr angegriffen wird. Denn es dürfte sich im Klaren sein, dass es nicht jeden Angriff überleben kann.
Was bräuchte es denn aus Sicht Israels für ein Ende des Krieges?
Eine Anerkennung Israels seitens des Regimes sowie ein Ende der Unterstützung von Milizen wie der Hisbollah. Oder alternativ eben eine weitgehende Destabilisierung des Iran auf Kosten seiner Bevölkerung.
Der Iran hat den Krieg erfolgreich regionalisiert und mit der Strasse von Hormus ein aus seiner Sicht sehr nützliches Pfand in der Hand. War es nicht sehr absehbar, dass er dieses auch einsetzen würde?
Ja, das hat das Regime seit Jahren angedroht. Diese Drohungen wurden jedoch seitens der USA offenkundig nicht ernst genommen. Dabei ist das nichts Neues: Bereits während des Ersten Golfkriegs hat das Regime versucht, die Strasse zu sperren.
Wie ist es denn Ihrer Meinung nach zu erklären, dass die USA den Iran unterschätzt haben?
Ich führe dies auf Fehleinschätzungen, ein gewisses Überlegenheitsgefühl und ein mangelndes Verständnis moderner Kriegsführung zurück. Diese zeichnet sich durch Asymmetrie, fehlende klare Fronten und hohe zivile Opferzahlen aus. Und man muss sich bewusst sein: Wenn es wirklich hart auf hart kommt, wird das iranische Regime alles versuchen, um sein Überleben zu sichern.
Für den Iran bedeutet seine bisherige Kriegsführung allerdings, dass er international zunehmend isoliert ist – Russland ist geschwächt, China scheint sich nicht aktiv einsetzen zu wollen, und in der Region bringt er praktisch alle Nachbarn gegen sich auf. Was bedeutet dies für die Zukunft?
Es gilt in der Analyse auch die Sicht des Regimes zu berücksichtigen. Die USA greifen den Iran auch von Nachbarstaaten aus an – daher sieht sich das Regime gezwungen, diese ebenfalls unter Druck zu setzen.
Wie sehen dies die Menschen im Iran?
Von dieser Aussenpolitik hält das Volk nichts. Die Iraner haben in allen Bewegungen ausgerufen: «Weder Gaza noch Libanon – ich opfere mich für Iran.» Doch die Zukunft hängt davon ab, wie der Krieg zu Ende geht.
Welche Folgen wird der Krieg für die Proxies des Iran haben? Mit der Hisbollah jedenfalls scheint Israel nun ein für alle Mal aufräumen zu wollen.
Dies dürfte sich erst nach Ende des Krieges beantworten lassen, denn dazu ist der Ausgang des Krieges entscheidend. Die Hisbollah wird weiter geschwächt, aber ich bezweifle, dass ihre Ideologie verschwindet.
Und die Huthis im Jemen?
Sie könnten künftig verstärkt eingesetzt werden, falls der Konflikt weiter eskaliert. Zentral aber ist die Frage, ob der Iran auch künftig die Strasse von Hormus kontrollieren wird oder nicht. Und dies ist noch nicht entschieden.
Wie sehen Sie die Position Europas in diesem Krieg?
Wäre Europa militärisch dazu in der Lage, hätte es sich vermutlich am Krieg beteiligt. Die ganze Welt zahlt für diesen Krieg gegen den Iran. Bleibt die Strasse von Hormus weiterhin gesperrt, werden wir dies noch umso stärker spüren.
Wie sehen Sie die Rolle der Schweiz? Immerhin hat sie bislang als Schutzmacht der USA im Iran fungiert.
Die Schweiz ist geopolitisch nicht von Bedeutung, sie hat in diesem Konflikt kein Gewicht. Sie könnte sich aber für einen Übergang hin zu einer säkularen Demokratie einsetzen.
Wäre eigentlich der Sturz des Regimes durch eine fremde Macht das, was sich die Menschen im Iran auch tatsächlich wünschen?
Zu Beginn des Krieges haben viele Menschen einen solchen Ansatz unterstützt. Mit der zunehmenden Zerstörung der Infrastruktur wächst jedoch die Skepsis. Viele Menschen erkennen, dass externe Akteure auch massive Schäden in Kauf nehmen – etwa an Energieanlagen, an der Wasserinfrastruktur oder am kulturellen Erbe.
Jedenfalls scheint der Krieg bislang das Regime im Innern eher gestärkt als geschwächt zu haben. Teilen Sie diesen Eindruck?
Die Rhetorik des Regimes deutet darauf hin. Es kann nach innen und aussen behaupten, es habe den allergrössten Krieg gewonnen. Dazu reicht es, dass es den Krieg nicht verliert. Ich glaube, danach wird sich für eine gewisse Zeit die Lage für Dissidenten verschlechtern. Das Regime wird einige politische Gefangene hinrichten. Doch wenn die Sanktionen mittelfristig gelockert oder gar aufgehoben werden, dürfte sich die Situation für die Menschen verbessern.
Hat das Regime allenfalls seinen Rückhalt gar stärken können, indem es in der Bevölkerung eine Art Zusammenrücken gibt?
Zumindest gibt es dieses Zusammenrücken, jedenfalls in Teilen. Dies insbesondere, weil viele die Widerstandsfähigkeit des Regimes unterschätzt haben.
Mitten im Krieg haben die Mullahs vor einigen Tagen drei Teilnehmer an den Protesten von Dezember und Januar gehängt. Wie ist dies zu deuten?
Das ist eine Abschreckungsmassnahme aus Angst vor neuen Protesten. Ich deute dies eher als Zeichen der Schwäche, nicht als eines der Stärke des Regimes. Deswegen hat es auch Kundgebungen zu seinen Gunsten organisiert. So konnte es die Strassen mit den eigenen Anhängern füllen und es so seinen Gegnern schwerer machen, den öffentlichen Raum zu erobern. Es dürften sich aber auch Regimegegner an den Kundgebungen beteiligt haben
– aus nationalistischen Gründen. Der Iranismus ist die einflussreichste Ideologie im Iran.
Etwa 20 Prozent der Bevölkerung im Iran gelten als Unterstützer des Regimes. Wie muss man sich das Zusammenleben mit den anderen 80 Prozent vorstellen?
Die oft genannte Zahl von rund 20 Prozent könnte stimmen. Ich kenne Familien, die unter ihren Mitgliedern Streit haben. Das Regime hat die Obermacht, also muss man irgendwie koexistieren.
Noch vor wenigen Wochen sind Zehntausende Menschen im Iran gegen das Regime auf die Strasse gegangen – das ist derzeit und in absehbarer Zukunft schwer vorstellbar.
Eher nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe. Etwa die Unsicherheit durch den Krieg und die massive Repression des Regimes. Manche Menschen befinden sich aber auch in einem Loyalitätskonflikt gegenüber ihrem Land oder sie haben Angst vor einem Staatszerfall. Ein Faktor ist schliesslich auch die starke Kontrolle des öffentlichen Raums durch das Regime. Doch historisch gesehen hat es immer wieder Proteste gegeben. Die zeitlichen Abstände dazwischen sind kürzer geworden, und die Bewegungen haben sich zunehmend säkularisiert und radikalisiert. Ich vermute, es wird wieder zu einer Protestbewegung kommen, aber nicht in absehbarer Zeit.
Donald Trump hat kürzlich sinngemäss gesagt, wenn die USA und Israel fertig seien, sollten die Menschen im Iran die Institutionen übernehmen. Gibt es überhaupt Kräfte, die dies tun könnten?
Die Opposition im In- und Ausland sollte nicht unterschätzt werden. Entscheidend bleibt jedoch der Ausgang des Krieges.
Welche Rolle sehen Sie für Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs?
Viele hoffen immer noch, dass er für einen Übergang stehen könnte. Doch viele Menschen haben auch das Gefühl, dass er sich für den Krieg entschieden hat. Wenn man nun sieht, wie die Infrastruktur des Landes zerstört wird, hat auch er die USA und Israel zur Zurückhaltung aufgerufen – doch das weckt nun Skepsis. Denn jeder Mensch, der denken kann, weiss: Ein Krieg kann eskalieren, der Krieg kennt keine Grenzen. Pahlavi hätte damit rechnen müssen, dass es so weit kommen könnte.
Es gäbe aber ohnehin keine Kraft im Iran, die ihn tragen würde.
Da bin ich mir nicht sicher. Bei den letzten Protesten im Januar wurde sein Name oft skandiert, das ist unbestritten. Aber ich habe die Parolen der letzten sechs Bewegungen analysiert: Zuvor wurde er so gut wie nie erwähnt.
Inwiefern unterscheiden sich die Vorstellungen der Diaspora und der Bevölkerung im Iran selber, was die Zukunft des Landes betrifft?
In der Diaspora scheinen monarchistische Kräfte stärker vertreten zu sein. Aber grundsätzlich ist die Diaspora genau so heterogen wie die iranische Gesellschaft.
Welcher Fortgang der Ereignisse wäre nun wünschenswert?
Ideal wäre aus Sicht vieler Menschen gewesen, wenn das Regime in den ersten Tagen gestürzt worden wäre. Doch das ist nicht der Fall. Sie befürchten darum, dass der Krieg weiter eskaliert und die Zerstörung der Infrastruktur schlimmer wird. Persönlich spreche ich mich für ein Ende des Krieges aus.
Was halten Sie vom am Mittwoch bekannt gewordenen 15-Punkte-Plan zur Beendigung des Krieges?
Es ist ja derzeit nicht einmal gesichert, ob tatsächlich ein Dialog stattfindet, wie er in den Medien geschildert wird. Insofern lässt sich darüber noch nicht viel sagen. Ich denke aber, dass das Regime den USA in vielen Punkten entgegenkommen wird. Allerdings nicht in der Frage der Raketen. Das Regime wird niemals auf die Raketen verzichten. Es gibt ja keine Garantie dafür, dass es nicht wieder angegriffen wird. Ein gewisses Abschreckungspotenzial wird es sicher erhalten wollen.
Sie sind vor 22 Jahren in die Schweiz gekommen. Aus welchen Gründen?
Ich wollte nicht ins iranische Militär eintreten und habe mich für ein Leben mit mehr Potenzial entschieden. Für den Iran habe ich mich dann erst in der Schweiz zunehmend interessiert und mein Studium entsprechend gewählt. So habe ich mich auf die Geschichte des Iran spezialisiert.
Sie haben also in der Ferne einen neuen Bezug zur Heimat gefunden?
Ehrlich gesagt: Ich habe mich im Ausland zu einem Exilanten entwickelt. Und so konnte ich den Iran und das Regime aus einer neuen Perspektive beobachten.
Wann waren Sie zuletzt im Iran?
Seit ich das Land verlassen habe, war ich nie mehr im Iran. Es wäre nach all meinen kritischen Äusserungen über das Regime heute auch nicht mehr möglich. Jeder, der sich im Ausland gegen das Regime gestellt hat, kann im Iran zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt werden. Und ob man nach diesen zehn Jahren rauskommt, ist fraglich.
Wie steht es um Ihr Heimweh?
Ich liebe den Iran und vermisse ihn, doch die Schweiz ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Meine zwei Kinder sind hier zur Welt gekommen. Ich versuche, auf der wissenschaftlichen Ebene einen Beitrag zum Verständnis des Iran zu leisten.
Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie derzeit auf die Ereignisse um den Iran blicken?
Es macht mich unvorstellbar traurig. Ein Teil der Diaspora freut sich, wenn der Iran bombardiert wird, aber mich macht das traurig. Gleichzeitig bin ich mir darüber im Klaren, dass das Regime viel dazu beigetragen hat, dass das Land nun angegriffen wird. Und gleichzeitig sehe ich, wenn ich die Fakten betrachte, dass die USA und Israel den Krieg hätten vermeiden können.
Dieser Artikel erschien als Samstagsinterview im «Bieler Tagblatt vom 28. März 2026.
ZUR PERSON
• Geboren am 16. Juli 1983
• Einreise in die Schweiz 2005
• Iranisch-schweizerischer Politikwissenschaftler und Iranist
• Fokus in der Forschung: Religionskritik und Säkularismus (Trennung von Staat und Religion)
• Assoziierter Forschender des Instituts Mittlerer Osten und muslimische Gesellschaften der Universität Bern
TG

