«Irgendwann kommt der Tag, an dem man sonst abgehängt wird»
23.06.2026 RegionDie Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Ein Bahnbillett lösen auf dem Natel, ein Fotoalbum erstellen auf dem Computer: Was jüngere Semester mit ein paar Klicks problemlos schaffen, stellt ältere Menschen jedoch noch oft vor Probleme. Ein Kurs bei der Computeria, einem Angebot ...
Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Ein Bahnbillett lösen auf dem Natel, ein Fotoalbum erstellen auf dem Computer: Was jüngere Semester mit ein paar Klicks problemlos schaffen, stellt ältere Menschen jedoch noch oft vor Probleme. Ein Kurs bei der Computeria, einem Angebot von Pro Senectute, kann Abhilfe schaffen.
ANITA MOSER
Die Computeria Saanenland/Obersimmental gibt es seit 13 Jahren. Mitinitiiert wurde sie von Toni Reichenbach. Er erinnert sich: «Mitte der 90er-Jahre wurde die Landwirtschaftliche Vereinigung Saanenland LVS gegründet. Der Verein hat circa zehn Jahre später einen Computerkurs ausgeschrieben. Der Grund dafür war, dass das Digitale in der Landwirtschaft Einzug gehalten hatte. Man konnte die Tiere digital anoder abmelden und verschiedenes mehr. Mit diesem Kurs habe ich erste Gehversuche gemacht, weil ich das Gefühl hatte, irgendwann kommt der Tag, an dem man sonst abgehängt wird.» Toni Reichenbach kontaktierte Urs Bach, den damaligen Präsidenten von Pro Senectute Saanenland. Dieser wurde aktiv, nahm mit Pro Senectute Thun Kontakt auf, wo es bereits eine Computeria für Seniorinnen und Senioren gab.
Im November 2013 fand die erste Computeria in Saanen statt mit acht Teilnehmenden, Männern und Frauen, im März 2014 die erste in Zweisimmen. Heute findet die Computeria in der Regel einmal im Monat statt, alternierend im Maison Claudine Pereira und in der Schulanlage in Zweisimmen.
Individuelle Themenwahl
Das Angebot richtet sich an Seniorinnen und Senioren ab ca. 60 Jahren. Die Themen sind grundsätzlich nicht vorgegeben, sondern richten sich nach den Wünschen der einzelnen Teilnehmenden. Sie bringen auch ihre eigenen Geräte mit. «Bei der Anmeldung wird ein Themenwunsch verlangt. So kann ich die Mentoren entsprechend zuteilen. In der Regel bekommen alle Kursteilnehmenden einen Mentor zugewiesen», erklärt Urs Bach. Er ist nicht nur zuständig für die Computeria im Saanenland und im Obersimmental, sondern seit Beginn auch einer der Mentoren. Aktuell kann er auf neun Mentoren zurückgreifen – sich eingeschlossen. Sie verfügen alle über eine breite Erfahrung und dennoch hat jeder seine Präferenzen, seine Stärken. «Der eine kennt sich gut aus im Betriebssystem Apple, der andere ist Spezialist für Foto-Ordner und Fotoalben, ein weiterer für Excelund Wordprogramme usw.», sagt Urs Bach.
1:1-Betreuung – «Eine Komfortlösung»
Die 1:1-Betreuung hat sich bewährt. Zu Beginn gab es einen Mentor pro zwei Teilnehmende. «Das war nicht immer befriedigend, da die beiden Teilnehmenden nicht immer die gleichen Interessen oder Fragen hatten oder auch nicht mit den gleichen Betriebssystemen arbeiteten», so Urs Bach. In den letzten zwei Jahren habe es immer geklappt mit der 1:1-Betreuung. «Das ist eine Komfortlösung», sagt Toni Reichenbach.
In den 13 Jahren haben 414 Teilnehmende das Angebot genutzt, was einem Durchschnitt von 4,8 Personen pro Computeria entspricht.
Auch die Mentoren lernen dazu
«Die Computeria ist nicht nur für die Teilnehmenden ein Gewinn, sondern auch für uns Mentoren», betont Urs Bach. Je nach Themenwunsch müsse sich der Mentor vor dem Kurs einlesen. «Es kommt vor, dass jemand ein Smartphone hat, dessen Marke niemand kennt.» Dann müsse sich der Mentor vor dem Kurs via Internet schlau machen.
Von Senioren für Senioren
Die Mentoren sind auch alle im Seniorenalter. Kam mal die Idee auf, Jugendliche als Mentoren zu engagieren? «Nein, dieser Vorschlag kam nie», sagt Urs Bach dazu. Einige Teilnehmende hätten entsprechende Erfahrungen gemacht – zum Beispiel mit ihren Enkelkindern. «Wir haben aber Rückmeldungen bekommen, dass Jugendliche ‹viel zu tifig› instruieren.»
Freiwilligenarbeit
Die Mentoren leisten Freiwilligenarbeit, eine Entschädigung gibt es nicht. Das Kursgeld von 30 Franken geht vollumfänglich an die Pro Senectute. Damit werden Flyer finanziert und das Angebot wird gratis im Jahresprogramm aufgenommen. «Die Inserate in den beiden Lokalzeitungen im Saanenland und Obersimmental werden vom Förderverein Pro Senectute Saanenland übernommen», erklärt Urs Bach.
Die 30 Franken für drei Stunden seien unglaublich günstig und sehr grosszügig, betont Toni Reichenbach.
Die nächste Computeria findet am 29. Juni im Maison Claudine Pereira in Saanen statt.
www.computeria-saanen-zweisimmen.ch
«Ideal für Leute Ü60, die Unterstützung brauchen»
«Was ich ganz gut finde, ist die Eins-zueins-Betreuung», sagt Therese Mösching, Präsidentin des Fördervereins Pro Senectute Saanenland, zur Computeria.
ANITA MOSER
Therese Mösching, wie stehen Sie grundsätzlich zur Computeria?
Die Computeria ist ideal für Personen über 60, die manchmal etwas Unterstützung brauchen. Was ich ganz gut finde, ist die Eins-zu-eins-Betreuung. Die Mentoren gehen auf das individuelle Problem ein, Fragen werden beantwortet, Erlerntes wird vor Ort geübt und zwar am eigenen Gerät – am Natel, Laptop oder Tablet. Und man ist nicht in einer Gruppe, wo man sich vielleicht nicht getraut zu fragen, wenn man etwas nicht versteht.
Haben Sie auch schon einen Kurs besucht?
Ja, das habe ich.
Was war die Problemstellung?
Ich habe zuvor zwar Mails beantwortet, Briefe, Texte geschrieben und weitergeleitet. Mit dem Kurs habe ich mir verschiedene Sachen angeeignet wie Ordner, Fotobücher oder Tabellen erstellen. Vieles, was man auch im Alter gut gebrauchen kann.
Machen Sie aktiv Werbung für die Computeria?
Ja. Denn die meisten wissen gar nicht, wie es funktioniert. Ich spüre eine grosse Hemmschwelle, gerade wenn es um den Computer geht. In einer Gruppe einen Kurs zu belegen und Fragen zu stellen, ist für viele unangenehm.
Die Mentoren sind auch Ü60. Besteht die Idee, professionelle Mentoren anzustellen und sie zu entschädigen?
Wenn es das braucht, ist es sicher eine Überlegung wert. Aktuell ist das Bedürfnis zwar noch vorhanden, aber wie das in ein paar Jahren aussieht, wissen wir nicht. Denn die Nachfrage ist eher rückläufig. Urs Bach muss ziemlich viel Werbung machen für die Kurse.
Die nachfolgenden Generationen sind in die Thematik hineingewachsen – in der Schule, im Beruf, in der Freizeit. Denken Sie, es ist eine Frage der Zeit, bis keine Nachfrage mehr nach solchen Kursen besteht
Möglicherweise. Andererseits merke ich aber auch, dass Personen, die im Büro arbeiten, zwar mit ihren Programmen, die sie täglich nutzen, gut klarkommen. Wenn aber etwas Neues kommt, sind auch sie gefordert. Und sie sind dann vielleicht auch froh um entsprechende und altersgerechte Kurse. Wir werden sehen, wie es sich weiterentwickelt.
«Sich dem zu verweigern, ist nicht der Weg»
Smartphone, Tablet, Computer gehören mehr und mehr auch zum Alltag von Seniorinnen und Senioren. Der 84-jährige Toni Reichenbach war Mitinitiant der Computeria in unserer Region. Und er rät Seniorinnen und Senioren, Wissenslücken rechtzeitig zu schliessen. «Es geht nicht ringer, wenn man es hinausschiebt», sagt er im Interview.
ANITA MOSER
Toni Reichenbach, Sie haben Enkelkinder. Diese sind in der Regel sehr kompetent, was die digitalen Geräte betrifft. Wären sie nicht auch eine Anlaufstelle für Sie?
Meine Grosskinder sind sehr lieb, aber dafür sind sie nicht zu gebrauchen (lacht). Sie sind viel zu schnell. Die Mentoren von der Computeria sind sehr kompetent und sie passen sich dem Tempo der Kursteilnehmenden an. Das ist der grosse Unterschied.
Was motiviert Sie, die Computeria zu nutzen?
Ich kenne einen Landwirt, er ist eine Generation jünger als ich und sagt: «Von diesem Zeugs will ich gar nichts wissen.» Warum er das kann? Weil seine Frau es macht. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem man sich nicht auf andere abstützen sollte. Ich meine, sich dem zu verweigern, ist nicht der Weg. Und es geht nicht «ringer», wenn man es hinausschiebt.
Wofür nutzen Sie den Computer oder das Smartphone?
Ich schreibe Texte auf dem Computer – obwohl ich von Hand manchmal schneller wäre. Zum Beispiel habe ich vor ein paar Jahren ein paar Beiträge für das Turbach-Archiv verfasst. Auch schreibe ich meinen Lebenslauf auf dem Computer. Ich muss ihn noch ergänzen und den Rest können dann die Angehörigen übernehmen.
Schreiben Sie auch E-Mails?
Ja, ich schreibe Mails und löse zum Beispiel auch Billette auf dem Natel.
Machen Sie auch E-Banking?
Nein, E-Banking machen wir noch nicht. Mein vier Jahre älterer Bruder lacht mich deswegen aus – aber das ist seine Sache (lacht).
Erstellen Sie Fotoalben?
Fotoalben nicht, aber ich ordne die Fotos. Ein Fachmann würde zwar sagen, es sei ein «Fotognusch». Ich hatte einen Cousin, er war leidenschaftlicher Fotograf. Sein Sohn Thomas erzählte, er habe seinem Vater um die 10’000 Fotos durchforstet. Alles sei kunterbunt durcheinander gewesen. Ich versuche, meine Fotos strukturiert zu speichern. Was ich auch oft mache, ist googeln.
Wie oft nutzen Sie Natel und Computer?
Ich brauche das Natel heute viel öfter als früher, zum Beispiel auch zum Nachrichten lesen. Aber die Zeitung lese ich gerne in Papierform. Der Computer kommt hingegen nicht regelmässig zum Einsatz.
Twinten Sie?
Ja, ich habe aber auch immer Bargeld dabei. Beim Twinten muss man gut aufpassen, dass man nicht abgezockt wird. Diese Gefahr lauert leider überall.
Nutzen Sie das Angebot der Computeria noch immer?
Es kommt noch vor, aber nicht mehr so oft. Ich habe ein Problem, wahrscheinlich geht es anderen auch so: Wenn man etwas nicht nutzt, verliert man das Wissen.
Animieren Sie Bekannte für die Kurse?
Ja. Die Kurse sind auch ein geselliger Anlass. Und dann geht umso «ringer».
«Die Mentoren sind geduldig, extrem geduldig»
Als die Kinder noch zur Schule gingen, hat sich Hanni Hauswirth gegen Computer gewehrt. «Das kommt mir nicht ins Haus.» Heute sagt die 71-Jährige: «Es nützt dir nichts, dich gegen alles zu wehren.» Obwohl sie bereits Computerkenntnisse hatte, habe es sie Überwindung gekostet, sich für einen Kurs bei der Computeria anzumelden.
ANITA MOSER
Hanni Hauswirth, Sie schrieben für Ihren Zimmerei- und Landwirtschaftsbetrieb Offerten und Rechnungen, erledigten die Buchhaltung auf dem Computer. Und trotzdem hat es Sie Überwindung gekostet, sich für einen Kurs bei der Computeria anzumelden. Weshalb?
Ich habe jeweils die Inserate gelesen im «Anzeiger von Saanen», mich aber nicht getraut, mich anzumelden. Ich habe mich geschämt. Deshalb habe ich Jahr um Jahr verstreichen lassen. Schliesslich habe ich mich doch überwunden und mich angemeldet. Beim ersten Kurs war mir übel und schlecht. Ich habe geglaubt, dass die anderen denken: «Die kann grad gar nichts.» Aber es war wirklich super.
Wozu brauchen Sie den Computer?
E-Banking mache ich schon lange. Und ich habe schon vor dem Kurs während vieler Jahre die Buchhaltung auf dem Computer gemacht oder die Anmeldungen für die ausländischen Arbeiter. Andere Sachen verstand ich überhaupt nicht.
Zum Beispiel?
Ich wollte für jedes Grosskind ein Fotobuch machen als Geschenk zur Konfirmation. Diesbezüglich war ich jedoch eine Niete. Mein Mentor Urs Bach hat mir als Erstes gesagt – und das habe ich nie vergessen: «Du musst Fotos löschen, löschen, löschen.» Ich hatte zwar die Fotos immer vom Natel auf den Computer übertragen, aber es war ein Durcheinander. Ich habe probiert, Ordner zu erstellen, dann liess ich es wieder liegen und später wusste ich nicht mehr, wie es geht. Es war ein Chaos. Aber dank dem Kurs habe ich es geschafft. Ich habe schon drei Fotoalben gemacht.
Was schätzen Sie an der Computeria?
Die Mentoren sind geduldig, extrem geduldig, auch dann, wenn ich schon lange die Geduld verliere. Auch mit dem Natel konnten sie mir weiterhelfen.
Inwiefern?
Ich hatte keinen Zugang mehr zu meinen Bankdaten. Mein sechsjähriges Natel sei zu alt, hiess es. In Thun hat man mir die neuste Version «angedreht». Alles war wieder anders, es gab auch keine Gebrauchsanweisung. In der Computeria konnte man mir helfen.
Lösen Sie Tickets via Smartphone?
Ja, wir nutzen Easy Ride. Die Billettautomaten verschwinden ja nach und nach. Deshalb habe ich meinem Mann gesagt, dass wir die entsprechenden digitalen Angebote nutzen müssen. Wenn man nirgends mehr Billette lösen kann, haben wir keine andere Wahl – sonst werden wir abgehängt und müssten dann aber auch mit den Konsequenzen leben.
Sie waren nicht immer positiv gestimmt gegenüber Computern.
Genau. Als unsere Kinder in der Mittelstufe waren, habe ich mich gegen Computer gewehrt: «Das kommt mir nicht ins Haus.» Nun muss ich sagen: Es nützt dir nichts, dich gegen alles zu wehren. Man muss nicht alles haben und machen, aber bis zu einem gewissen Grad halt schon.
Wie oft brauchen Sie das Smartphone oder den Computer?
Das Natel täglich. Mein Mann oder ich haben es immer dabei. Die Zeitung lese ich aber noch in Papierform. Ich blättere gerne und auf dem Natel ist mir die Schrift zu klein. Den Computer nutze ich bei Bedarf.
Lesen Sie E-Mails auf dem Natel?
Ja, notgedrungen. Wir waren im Unterland, wollten eines morgens auf den Zug, doch Easy Ride funktionierte nicht mehr. Der Code für die Wiederherstellung kommt per Mail, das Mailprogramm hatte ich aber nur auf dem Computer und diesen nicht dabei. Via App konnte ich folglich gar nichts mehr machen.
Es ist wie mit dem Computer. Ich habe mich jahrelang dagegen gewehrt und jetzt ist das Mailprogramm halt auch auf dem Natel. Zug fahren ist sehr praktisch mit der SBB- oder BLS-App. Man muss einfach daran denken, sich wieder auszuloggen, Easy Ride zu stoppen. Bei Parkingpay ist es das Gleiche. Das habe ich auch bei der Computeria einrichten können und ich nutze es regelmässig.
Und wie ist es mit Twint?
Ich nutze Twint, mit einem Prepaid-Abonnement.
Animieren Sie Bekannte für die Kurse der Computeria?
Ja. Mit dem Argument, dass man sich nicht abhängen lassen soll.




