Journalismus in Kinderhand
09.01.2026 KolumneMini-Gstaad im Sommer war ein ganz besonderes Projekt. Kinder zwischen sieben und 13 Jahren lernten spielerisch, wie eine Gesellschaft funktioniert: Sie wählten ihre eigene Regierung, stimmten über politische Themen ab, legten Preise fest oder eröffneten eigene Betriebe. ...
Mini-Gstaad im Sommer war ein ganz besonderes Projekt. Kinder zwischen sieben und 13 Jahren lernten spielerisch, wie eine Gesellschaft funktioniert: Sie wählten ihre eigene Regierung, stimmten über politische Themen ab, legten Preise fest oder eröffneten eigene Betriebe. Und ich durfte als Journalistin – und auch als Lehrerin – ein kleiner Teil dieses grossen Ganzen sein. Ein schönes, intensives und berührendes Erlebnis.
SONJA WOLF
Freitag, kurz vor 14 Uhr. Die Spannung steigt. Hinter der Wand beim Arbeitsamt von Mini-Gstaad wuselt es, Lachen und Wortfetzen dringen hervor. Etwa 30 Kinder tragen sich für die Berufe ein, die sie an diesem Nachmittag ausüben wollen. Baggerfahrer, Ärztin, Gemeindepräsident – alles hoch im Kurs. Ich hingegen laufe ein wenig nervös mit einem «Anzeiger von Saanen» unter dem Arm und einer Kamera um den Hals über das Areal und mache Werbung für einen Beruf, der es bei unter Zehnjährigen nicht ganz leicht hat: Journalist:in. Was ist das überhaupt? Und warum sollte man einen Artikel schreiben, wenn man auch mit einem Bagger im Erdreich herumfahren kann?
Doch dann kommen sie – die ersten Mutigen. Vier Kinder zwischen sechs und sieben Jahren stehen neugierig vor dem Newsstand und lassen sich auf die unbekannte Reise in den Journalismus ein. Für mich beginnt in diesem Moment mein persönliches Highlight des Jahres.
Nicht zuletzt, weil ich wieder unterrichten darf. Fast mein halbes Leben war ich Lehrerin, bevor ich vor gut sechs Jahren in den Journalismus wechselte. Zwei Stunden so vorzubereiten, dass sie Kinder unter zehn Jahren motivieren und fesseln, ist eine Herausforderung – und zugleich ein Geschenk. Erklären, gemeinsam etwas erschaffen, beobachten, zuhören, ermutigen. Und am Ende stolz auf das sein, was entstanden ist.
Wir blättern durch den «Anzeiger von Saanen», bestaunen Bilder, Inserate und Überschriften. Dann zeige ich meinen kleinen Kolleg:innen etwas, was sie kurz sprachlos macht: die leeren Seiten einer kommenden Ausgabe. Nur Titel, Kopfzeile und Impressum sind da. «Diese Seiten müssen wir zweimal pro Woche mit Inhalt füllen.»
Oh nein, auf diesen Schock hin kaufen sich meine kleinen Mitstreiter mit ihrem angesparten Spielgeld erst einmal ein Schokoladeneis am Kiosk. Der Journalismus kann warten!
Eislutschend und mit Schokospuren am Kinn schmieden wir unseren Plan: Interviews führen, Fragen stellen, fotografieren. Als die professionellen Kameras verteilt werden, ist das Eis vergessen – die Kamera ist das neue Begierdeobjekt Nummer eins. Eine kurze Einführung in Fotografie und Tonaufnahmen mit dem Handy, dann geht es los, unsere Interviewpartnerjagd durch Mini-Gstaad.
Ich renne mit, beobachte, flüstere Interviewfragen ein, erkläre, wie man mit der Kamera tolle Eindrücke einfängt – und freue mich. Über die Ernsthaftigkeit. Über die Begeisterung. Und über etwas, was mich beeindruckt: Die Kinder haben bereits zu Beginn der Woche darüber abgestimmt, dass Fotos nur mit Einwilligung der Fotografierten gemacht werden dürfen. Sie leben diese Regel so selbstverständlich, dass ich kein Wort darüber verlieren muss. Persönlichkeitsrechte werden hier mit einer Selbstverständlichkeit respektiert, die man sich im Erwachsenenalltag manchmal wünschen würde.
Während wir fieberhaft in unseren Journalisten-Workshop vertieft sind und ein bisschen ausser Puste auf der Jagd nach den schönsten Fotos sind, pulsiert Mini-Gstaad weiter: ein Spital, ein Ersatzteillager, eine Bank, eine gewählte Gemeindepräsidentin. Betriebe, Wahlen, Abstimmungen, Spielgeld. Ein Dorf, das zeigt, wie Gesellschaft funktioniert – spielerisch, ernsthaft und solidarisch.
Dass dieses Projekt bereits im Vorfeld mit dem «Prix pour l’engagement citoyen» ausgezeichnet wurde, überrascht mich nicht. Mini-Gstaad ist nur dank der breiten Unterstützung von Gemeinden, Betrieben, Sponsoren und vielen engagierten Menschen möglich geworden – und dank der Kinder, die Verantwortung übernehmen und diese Rolle mit beeindruckender Selbstverständlichkeit ausfüllen. Und mittendrin: unsere kleine Redaktion!
Als wir unseren ersten Interviewpartner finden und die Kinder konzentriert Fragen stellen, aufnehmen, fotografieren, weiss ich: Genau deshalb liebe ich diesen Beruf. Und genau deshalb war dieser Auftrag für mich etwas Besonderes. Teil eines so wichtigen und sinnvollen Projekts zu werden, das Kindern zutraut, Verantwortung zu übernehmen und Gesellschaft zu gestalten. Und ihnen zu zeigen, dass Journalismus nicht nur Schreiben ist – sondern Neugier, Respekt und Begeisterung für die Welt.
Wenn ich an diesen Nachmittag zurückdenke, sehe ich leuchtende Augen, schokoladenverschmierte Münder und kleine Wesen, die bäuchlings auf dem Boden liegen und im Serienmodus fotografieren.
Und ich weiss: Dieses Mini-Gstaad hat nicht nur Kinder regieren und wachsen lassen – es hat auch mich nachhaltig begeistert.
Das ganze Jahr über sind wir Journalistinnen und Journalisten mit Leidenschaft im Einsatz, um jede Woche zwei Zeitungen zu gestalten, die nicht nur über Relevantes und Wichtiges informieren, sondern auch Geschichten enthalten, die fesseln und manchmal zum Schmunzeln bringen. In unserer Serie «Mein persönliches Highlight» teilen wir stets Ende Jahr die Geschichten, die uns tief berührt, zum Lachen gebracht, zum Grübeln angeregt oder einfach begeistert haben. Kurz gesagt: Momente, die uns nicht losgelassen haben.

