Junge Talente auf den Spuren grosser Namen
02.10.2026 KulturBei der vierten Alberto Lysy International Violin Competition treten 22 junge Geigentalente aus der ganzen Welt an. Der Final bringt dieses Jahr gleich zwei Neuerungen: ein Sinfonieorchester als musikalische Begleitung und die Kirche Saanen als Austragungsort.
MAXIME ...
Bei der vierten Alberto Lysy International Violin Competition treten 22 junge Geigentalente aus der ganzen Welt an. Der Final bringt dieses Jahr gleich zwei Neuerungen: ein Sinfonieorchester als musikalische Begleitung und die Kirche Saanen als Austragungsort.
MAXIME VÖGELE
«Es war immer ein Wunsch von Alberto Lysy gewesen, dass man so einen Wettbewerb macht», erzählt Çetin Köksal, Co-Organisator der Alberto Lysy International Violin Competition, eines Wettbewerbs für junge Geiger:innen aus der ganzen Welt. Initiiert wurde der Wettbewerb von der Association Rencontres Musicales Camerata Lysy von Château-d’Oex. Inzwischen wird er in Zusammenarbeit mit dem Menuhin Center Saanen organisiert. Zur vierten Ausgabe treten vom 8. bis 10. Oktober 2026 22 ausgewählte Kandidat:innen im Saanenland gegeneinander an.
Zwei Vereine, ein Organisationsteam
Die Organisation des Wettbewerbs liegt hauptsächlich bei Silvia Simionescu von der Association Rencontres Musicales Camerata Lysy und Çetin Köksal, Präsident des Menuhin Centers Saanen. Simionescu kümmert sich unter anderem um die Betreuung der Kandidat:innen. Als ehemalige Studentin von Alberto Lysy und Bratschenprofessorin verfügt sie über ein grosses Wissen und Netzwerk. Köksal übernimmt viele lokale Angelegenheiten, etwa die Reservation von Räumen und Hotels. Für eine strikte Aufgabenteilung sei die Organisation jedoch zu klein: «Jeder macht das, wofür er gerade Kapazität oder Zeit hat. Wichtige Entscheidungen treffen wir jeweils gemeinsam.»
Ergänzt wird das Team unter anderem durch Igor Keller, der für die Technik zuständig ist. Neben technischem Know-how bringt er dem Wettbewerb dieses Jahr einen besonderen Trumpf: Als Konzertmeister des Sinfonieorchesters St. Gallen hat er wesentlich dazu beigetragen, dass das Orchester am Finaltag spielt. Dass die Finalist:innen mit einem Sinfonieorchester statt mit Klavierbegleitung spielen können, bringe dem Wettbewerb einen grossen Mehrwert. «Wir sind stolz, dass uns das gelungen ist», sagt Köksal freudig.
Internationale Strahlkraft
183 Bewerbungen aus 44 Nationen gingen für die diesjährige Ausgabe ein. Bei der letzten Ausgabe vor zwei Jahren waren es noch 100. Für Çetin Köksal zeigt sich darin eine starke Entwicklung: «Es ist – in aller Bescheidenheit – besser, als wir uns vorgestellt haben.»
Auffällig sei zudem, wie jung und wie weit viele der Bewerber bereits seien. «Es sind nicht nur die technischen Fähigkeiten, die sie haben, sondern die erstaunliche musikalische Reife», sagt Köksal. Viele kämen aus Asien, wo er unter anderem eine intensive Talentförderung als Grund für das hohe Niveau sieht. Gleichzeitig hätten sich auch die pädagogischen Lehrmethoden in den vergangenen Jahren weiterentwickelt.
Neben dem Sinfonieorchester hätten vermutlich auch die Erhöhung des Preisgeldes – der erste Platz ist mit 10’000 Franken dotiert – und die Zusammenarbeit mit Musikfestivals zur Attraktivität des Wettbewerbs beigetragen. Bestandteil der Preise sind unter anderem Konzertauftritte am Menuhin Festival und neuerdings auch am Nume Festival in Italien. «Sich an einem Menuhin Festival präsentieren zu dürfen, ist sicher eine riesige Chance», fügt Köksal an.
Mehr als nur Preisgeld
Neben den Konzertauftritten und dem Preisgeld gibt es zusätzlich eine Leihgabe einer Jean-Baptiste-Vuillaume-Geige für vier Jahre zu gewinnen. Welcher dieser Preise für die Geiger:innen am wertvollsten ist, beantwortet Çetin Köksal so: «In dieser Reihenfolge: Auftritte, Geld, Geige.» Zu Beginn sei man davon ausgegangen, dass die Leihgabe einer hochklassigen Geige ein Hauptmotivator für die Teilnehmenden sei. Inzwischen sehe man das nüchterner: «Wir waren erstaunt, weil viele Kandidaten schon mit fantastischen Instrumenten ankommen.»
Dass der Wettbewerb diese Preise bieten kann, ermöglicht zu einem wesentlichen Teil das Vermögen der Association Rencontres Musicales Camerata Lysy. Sie erhielt einen Teil des Nachlasses von Alberto Lysy mit der Auflage, dessen musikalisches Erbe mit Meisterkursen, Konzerten und eben diesem Wettbewerb weiterzutragen.
Kompetenz und Unabhängigkeit
Die 22 Geigentalente präsentieren sich an der Alberto Lysy International Violin Competition einer fünfköpfigen Jury. Zur Auswahl der Jurymitglieder sagt Çetin Köksal: «Das Wichtigste ist sicher Kompetenz und Integrität.» Die Jurymitglieder seien hoch angesehene Musiker und an Musikhochschulen tätig.
Ebenso wichtig sei, dass die Jurymitglieder unabhängig und fair urteilen und keine persönlichen Interessen verfolgen. Um potenzielle Interessenkonflikte möglichst klein zu halten, versucht man die Jury diversifiziert zusammenzustellen und Jurymitglieder von Ausgabe zu Ausgabe teilweise zu wechseln. Unterschiedliche Sichtweisen seien dabei ausdrücklich erwünscht: «Wenn alle immer gleicher Meinung sind, ist es langweilig. Es soll kontroverse Diskussionen geben.» Köksal räumt ein, dass persönliche Verbindungen in der Musikwelt trotzdem nie ganz auszuschliessen seien: «Es ist eine kleine Welt, in der wir uns bewegen.» Schlussendlich sei es deshalb auch eine Vertrauensfrage.
Abschluss in der Kirche Saanen
Schon im Voraus freut sich Çetin Köksal auf das Abschlusskonzert am 10. Oktober, welches dieses Jahr erstmals in der Kirche Saanen stattfinden wird. So schön das Kirchgemeindehaus Gstaad sei, sagt er mit einem Schmunzeln, sei es sicher speziell in der Kirche Saanen, mit der besonderen Akustik und Geschichte. «Ich glaube daran, dass die Schwingungen all jener Musiker, die dort ihre Konzerte gegeben haben, auch ihre Spuren hinterlassen haben.» Diese musikalische Geschichtsträchtigkeit der Kirche wolle man den Kandidat:innen auch mitteilen und näher bringen.
Köksal hofft deshalb auch auf zahlreiche Zuhörer:innen. Der Eintritt zum Abschlusskonzert ist frei und ein gut besetztes Kirchenschiff würde nicht zuletzt auch den jungen Musiker:innen etwas bedeuten.
Mehr Informationen gibt es unter: www.albertolysy.ch
ZU ALBERTO LYSY
Alberto Lysy (1935–2009) war ein argentinischer Geiger, Dirigent und Musikpädagoge sowie ein enger Schüler Yehudi Menuhins. Gemeinsam mit Menuhin gründete er 1977 die International Menuhin Music Academy (IMMA) in Gstaad, die er während vieler Jahre leitete. 1971 gründete Lysy zudem die Camerata Lysy, ein Ensemble, mit dem er international konzertierte und das später eng mit der Ausbildungsarbeit der IMMA verbunden war. Damit prägte Lysy über Jahrzehnte das Musikleben und die Nachwuchsförderung im Saanenland.
MAV


