Gstaad gibt Schweizermeisterschaft im Geräteturnen ab
25.09.2026 SportVier Verbände haben die Anmeldefrist für die Schweizermeisterschaften im Geräteturnen verpasst. Darunter ist ausgerechnet der Kanton Bern, wo die SM der Turner in Gstaad hätte stattfinden sollen. Der TV Saanen-Gstaad zog daraufhin die Konsequenzen und gab die Organisation zurück. Der ...
Vier Verbände haben die Anmeldefrist für die Schweizermeisterschaften im Geräteturnen verpasst. Darunter ist ausgerechnet der Kanton Bern, wo die SM der Turner in Gstaad hätte stattfinden sollen. Der TV Saanen-Gstaad zog daraufhin die Konsequenzen und gab die Organisation zurück. Der «Anzeiger von Saanen» hat bei den Beteiligten nachgefragt, wie es dazu kommen konnte.
IN KÜRZE
• Bern, Waadt und Graubünden haben die Anmeldefrist für die Schweizer Meisterschaften der Geräteturner verpasst. Ihre Turner sind deshalb von der SM ausgeschlossen. Schaffhausen ist bei den Turnerinnen vom gleichen Problem betroffen.
• Die SM der Turner hätte am 31. Oktober und 1. November in Gstaad stattfinden sollen. Der TV Saanen-Gstaad wollte die Meisterschaft jedoch nicht ohne die Turner der ausgeschlossenen Verbände durchführen und gab die Organisation zurück. Der STV verlegte den Anlass nach Lenzburg.
• Die vier betroffenen Verbände wollen erreichen, dass ein administratives Versäumnis künftig nicht mehr sämtliche Turnerinnen oder Turner eines Verbandes von einer SM ausschliesst.
SONJA WOLF
Der Fall wurde Anfang dieser Woche durch die Tamedia-Zeitungen «Berner Zeitung» und «Der Bund» publik: Geräteturnerinnen und Geräteturner aus vier Verbänden sind von den diesjährigen Schweizermeisterschaften ausgeschlossen, weil ihre Verbände die Anmeldung nicht fristgerecht eingereicht haben. Betroffen sind Bern, Waadt und Graubünden bei den Turnern sowie Schaffhausen bei den Turnerinnen.
Für das Saanenland hat der Entscheid weitreichende Folgen. Die Schweizermeisterschaften der Turner Einzel und Mannschaften hätten am 31. Oktober und 1. November in Gstaad stattfinden sollen. Der TV Saanen-Gstaad hat die Organisation inzwischen zurückgegeben. Der Schweizerische Turnverband (STV) führt die Meisterschaften nun selbst in Lenzburg durch.
Gstaad sprang kurzfristig ein
Dabei war Gstaad erst im Juni kurzfristig als Austragungsort eingesprungen. Ursprünglich hatte der Kunstturnerverband Bern die Durchführung der SM übernommen. Im Juni zeichnete sich jedoch ab, dass die Organisation in Bern nicht wie vorgesehen möglich sein würde. Nach Angaben von Rolf Wenger, Präsident des Gstaader Organisationskomitees, waren dem STV unter anderem die zur Verfügung stehenden Hallenzeiten für die nötigen Vorbereitungen und den Aufbau inklusive Livestream zu knapp. Wenger wurde daraufhin vom STV angefragt, ob Gstaad übernehmen könne.
Am 13. Juni sagte der TV Saanen-Gstaad zu. Viel Zeit blieb nicht: Normalerweise wird eine Schweizermeisterschaft wesentlich länger im Voraus vorbereitet.
Doch der Verein verfügte über ein erfahrenes Team und hatte bereits 2010 und 2024 Schweizermeisterschaften durchgeführt. «Wir haben Vollgas gegeben», sagt Wenger.
Dafür sagte der Verein den bereits geplanten Getu-Cup vom 17. Oktober ab – zwei Grossanlässe innerhalb von zwei Wochen waren personell nicht zu stemmen. Für die SM wurden unterdessen Turnhallen, Zelt und Tribünen reserviert, Sponsoren gesucht und weitere Vorbereitungen getroffen.
Zwei Tage nach Anmeldeschluss
Am 7. Juli erfuhr Wenger vom STV, dass Bern, Waadt und Graubünden nicht an der SM der Turner teilnehmen dürfen. Schaffhausen war von der entsprechenden SM der Turnerinnen betroffen. Anmeldeschluss war am 5. Juli gewesen.
Für Wenger war insbesondere der Ausschluss Berns kaum nachvollziehbar: Sein Verein war gerade kurzfristig eingesprungen, um die Schweizermeisterschaft im Kanton Bern zu retten – nun sollte sie ausgerechnet ohne die Turner des Gastgeberkantons stattfinden.
Hinzu kommt: Zu diesem Zeitpunkt ging es noch gar nicht um die Namen der Turner, die an der SM starten würden. Die definitive Anmeldung der qualifizierten Athleten erfolgt erst Ende September. Bis zum 5. Juli musste eine provisorische Anmeldung des Verbandes erfolgen; auch Wertungsrichter mussten gemeldet werden.
Der STV erklärt auf Anfrage des «Anzeigers von Saanen», die Anmeldung erfolge gemäss Wettkampfvorschriften über das Online-Tool «STV-Contest». Für die fristgerechte und vollständige Anmeldung seien die Mitgliederverbände verantwortlich. Diese seien erstmals am 22. Januar über den Anmeldeschluss vom 5. Juli informiert worden und hätten danach noch drei weitere Informationen zur Anmeldung und zur geltenden Frist erhalten. Warum also ging es trotzdem bei vier Verbänden schief?
Was bei der Berner Anmeldung passierte
Für die Anmeldung der Berner Geräteturner ist das Getu Team Bern zuständig. Marco Navarra hatte diese Aufgabe interimistisch übernommen.
Er bestätigt gegenüber dem «Anzeiger von Saanen», dass die Anmeldung nicht korrekt abgeschlossen wurde. Nach seiner Darstellung hatte er die notwendigen Angaben im Online-Tool bearbeitet, die Anmeldung wurde jedoch nicht erfolgreich übermittelt. Navarra bestreitet das Versäumnis nicht. Er kritisiert vielmehr die Konsequenz, die daraus gezogen wurde.
Bereits am Dienstag nach dem Anmeldeschluss informierte der STV nach Navarras Angaben die Verbandsverantwortlichen darüber, dass vier Verbände ausgeschlossen seien. Die vier betroffenen Verbände schlossen sich daraufhin zusammen und suchten gemeinsam nach einer Lösung.
«Uns ist wichtig, dass nicht die einzelnen Turner bestraft werden», sagt Navarra.
Die Athleten werden bestraft»
In diesem Punkt sind sich Navarra und Wenger einig. Niemand stelle in Abrede, dass die Anmeldefrist verpasst worden sei, sagt auch Wenger. Doch für ihn trifft die Sanktion die Falschen.
«Das ist Breitensport, keine Olympischen Spiele oder eine WM», sagt Wenger. Die Verantwortlichen erledigten ihre Verbandsarbeit neben Beruf und Alltag. Wenn dabei ein administrativer Fehler geschehe, würden nun nicht diejenigen bestraft, die ihn verursacht hätten, sondern sämtliche betroffenen Turner. Diese hätten ein ganzes Jahr auf die Schweizermeisterschaft hingearbeitet. Nach Wengers Angaben wären durch den Ausschluss in den drei Männerverbänden insgesamt rund 60 bis 70 Turner betroffen.
Auch aus dem TV Saanen-Gstaad hätten drei Turner Chancen gehabt, sich für die Heim-SM zu qualifizieren.
Keine gemeinsame Lösung
Und so teilte das Gstaader OK dem STV mit, dass es die Schweizermeisterschaft nur durchführen könne, wenn eine Lösung für die ausgeschlossenen Verbände gefunden werde. In seinem Schreiben betonte das OK ausdrücklich, dass es hinter verbindlichen Terminen und Reglementen stehe. In begründeten Ausnahmefällen müsse aber eine gewisse Flexibilität möglich sein – insbesondere dann, wenn administrative Versäumnisse von Funktionären die Ursache seien und am Ende die Athleten die Konsequenzen tragen müssten.
Wenger hoffte auf ein gemeinsames Gespräch – und genau hier setzt seine schärfste Kritik an. Über Wochen habe er versucht, Klarheit zu erhalten und mit den Verantwortlichen an einen Tisch zu kommen. Rückmeldungen seien ausgeblieben, Zuständigkeiten für ihn unklar gewesen. Gerade nachdem Gstaad dem Verband wenige Wochen zuvor kurzfristig aus der Patsche geholfen habe, hätte er sich einen anderen Umgang gewünscht.
Schliesslich blieb der STV beim Ausschluss. Damit war für das Gstaader OK die zuvor angekündigte Konsequenz klar: Es gab die Schweizermeisterschaft zurück. Der STV übernahm die Organisation und verlegte den Anlass nach Lenzburg.
STV hält am Reglement fest
Der Schweizerische Turnverband verweist gegenüber dem «Anzeiger von Saanen» auf die für alle geltenden Wettkampfvorschriften. Fristen und Anforderungen seien verbindlich und würden gegenüber allen Verbänden gleich angewendet. Eine vollständige und fristgerechte Anmeldung sei Voraussetzung für die Teilnahme. Technische Probleme mit dem Anmeldesystem seien ihm nicht bekannt bzw. um die Anmeldefrist herum gemeldet worden.
Auch früher seien bei STV-Anlässen bereits Anmeldefristen verpasst worden. In diesen Fällen seien die Wettkampfvorschriften ebenfalls umgesetzt worden.
Auf die konkrete Frage des «Anzeigers von Saanen», ob das Reglement dem STV überhaupt einen Ermessensspielraum für eine Ausnahme gelassen hätte, geht der Verband in seiner Antwort nicht ausdrücklich ein.
Vier Verbände wollen eine Änderung
Für die vier ausgeschlossenen Verbände ist die diesjährige SM inzwischen abgehakt. Bern, Waadt, Graubünden und Schaffhausen stehen seit Juli miteinander in Kontakt. Nach Angaben Navarras trafen sich ihre Vertreter regelmässig per Videokonferenz und versuchten gemeinsam, beim STV eine andere Lösung zu erreichen.
Nun richtet sich ihr Blick nach vorne. Ihr Ziel sei, dass künftig nicht mehr ein ganzer Verband – und damit sämtliche qualifizierten Turnerinnen oder Turner – wegen eines administrativen Fehlers ausgeschlossen werden könne. Eine Busse für die verantwortlichen Funktionäre, eine Verwarnung oder ein kurzes Nachmeldefenster sind Möglichkeiten, die von den Betroffenen genannt werden.
Und zumindest in einem Punkt scheint die Auseinandersetzung beim STV etwas ausgelöst zu haben. Auf die Frage des «Anzeigers von Saanen», ob die Häufung der Fälle Anlass gebe, den Anmeldeprozess zu überprüfen, schreibt der Verband: «Die aktuelle Situation [nehmen wir] zum Anlass, die gewonnenen Erkenntnisse zu prüfen und den Anmeldeprozess sowie die Kommunikation mit den Verbänden weiterzuentwickeln.»
Für Gstaad kommt die angekündigte Überprüfung allerdings zu spät. Der Verein hat in diesem Herbst nun weder die Schweizermeisterschaft noch seinen traditionellen Getu-Cup. Dieser hätte dem Verein Einnahmen gebracht und war bereits geplant. Für die Schweizermeisterschaft hatte das OK während Wochen gearbeitet. Die entstandenen direkten Auslagen will der STV nach Angaben Wengers übernehmen.



