Kirche ist Präsenz Über das Dasein, das bleibt
30.01.2026 KircheDie Kirche ist offen.
Es ist kein Gottesdienst angekündigt. Keine Musik, keine Predigt, kein Programm. Menschen kommen und gehen. Manche setzen sich nur für wenige Minuten in eine Bank. Andere bleiben länger. Tränen werden weggewischt. Hände liegen gefaltet im ...
Die Kirche ist offen.
Es ist kein Gottesdienst angekündigt. Keine Musik, keine Predigt, kein Programm. Menschen kommen und gehen. Manche setzen sich nur für wenige Minuten in eine Bank. Andere bleiben länger. Tränen werden weggewischt. Hände liegen gefaltet im Schoss. Es gibt keine richtigen Worte. Und niemand verlangt sie.
Nach dem Unglück in Crans-Montana, nur wenige Kilometer von hier entfernt, habe ich oft gespürt, dass jedes Wort zu viel ist. Es wurde viel geschrieben, erklärt, gedeutet – Kluges und weniger Kluges. Und ich merkte: Ich möchte in diesen Chor nicht einstimmen. Nicht, weil es nichts zu sagen gäbe. Sondern weil es Momente gibt, in denen Worte nicht tragen.
Was trägt, ist das Dasein. Eine offene Kirche. Ein stilles Gebet. Ein Raum, in dem Menschen sein dürfen – mit ihrer Angst, ihrer Trauer, ihrer Sprachlosigkeit.
In solchen Momenten wird mir neu bewusst: Kirche ist nicht zuerst Meinung. Kirche ist Präsenz.
Diese Präsenz ist nichts Abstraktes. Sie hat Orte. Mehrere.
Kirchen und Kapellen, die zum Saanenland gehören: in Saanen, Gstaad, Lauenen, Gsteig und Abländschen. Unterschiedlich in Grösse und Geschichte, vertraut für die Menschen vor Ort. Sie stehen mitten im Dorf oder etwas abseits, still oder belebt, alt oder schlichter gebaut. Und doch verbindet sie etwas Wesentliches: Sie sind da.
Seit Jahrhunderten begleiten diese Räume Menschen durch ihr Leben. Hier wurde gefeiert und getrauert, gebetet und geschwiegen, gehofft und gezweifelt. Vieles hat sich verändert im Lauf der Zeit – und doch sind diese Orte geblieben: offen, verlässlich, tragend. Wer eintritt, muss nichts erklären und nichts leisten. Die Kirche ist einfach da. Mit offenen Türen. Als Raum, der trägt. Als Zeichen dafür, dass es im Saanenland Orte gibt, die nicht fragen, wer wir sind oder was wir denken, sondern uns aufnehmen, so wie wir kommen.
Was diese Orte ausstrahlen, ist mehr als Stein und Geschichte. Es ist eine Haltung. Die Erfahrung, dass es gut tut, wenn jemand da ist. Wenn ein Ort bleibt. Wenn man nicht alles erklären muss. Vielleicht ist es genau das, was wir Menschen immer wieder suchen: Räume – und Menschen –, die tragen, ohne zu fordern.
So verstehe ich auch mein Dasein hier im Saanenland. Nicht zuerst als Rolle oder Aufgabe, sondern als Mensch unter Menschen. Als jemand, der mitgeht, zuhört, aushält, schweigt. Manchmal mit Worten, wenn sie helfen. Oft ohne Worte, wenn sie nicht reichen. Präsenz zeigt sich nicht im Tun, sondern im Dableiben. Im Verlässlichsein. Im gemeinsamen Aushalten dessen, was schwer ist – und im Teilen dessen, was trägt.
Dieses Dasein zeigt sich im Alltag auf viele, oft leise Arten. In Gottesdiensten und Feiern, die Menschen durch ihr Leben begleiten. In Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen, mit Familien, mit älteren Menschen. In Gesprächen am Küchentisch, bei Besuchen, bei einem Kaffee nach der Feier. In Angeboten, die Gemeinschaft ermöglichen, Trost geben, Freude teilen oder einfach Raum schaffen für Begegnung. All das geschieht nicht allein durch das Pfarramt, sondern durch Mitarbeitende und viele freiwillig Engagierte, die Zeit, Herz und Aufmerksamkeit schenken. Kirche lebt dort, wo Menschen füreinander da sind – verlässlich, aufmerksam, mit offenen Augen für das, was gerade gebraucht wird.
Vielleicht ist es gerade diese Haltung des Dableibens, die mich sensibel macht, wenn Menschen aus der Kirche austreten. Nicht aus Ärger und nicht wegen Zahlen. Sondern weil Beziehung berührt ist. Und doch gehört auch das dazu: Menschen gehen ihre Wege, manchmal näher, manchmal weiter weg. Kirche zeigt ihre Verlässlichkeit nicht darin, dass sie alle hält, sondern darin, dass sie bleibt – offen, ansprechbar, präsent. Ohne Vorwurf. Ohne Bedingung.
Vielleicht ist es genau das, was Kirche im Kern ausmacht: dass sie bleibt. Dass Türen offen sind, auch wenn niemand weiss, wer als Nächste oder Nächster eintritt. Dass Räume da sind für Freude und Dankbarkeit, für Zweifel und Trauer, für Fragen ohne schnelle Antworten. Kirche muss nicht laut sein, um da zu sein. Sie zeigt ihre Stärke im Stillen, im Verlässlichen, im Mittragen.
So möchte ich Kirche hier im Saanenland erleben – und mitgestalten: als offene Räume in unseren Dörfern, als menschliche Nähe in bewegten Zeiten, als Präsenz, die nicht bewertet, sondern begleitet.
Nicht zuerst mit Meinungen. Sondern mit Dasein.
MARIANNE KELLENBERGER



