KIRCHENFENSTER Saanenland
29.08.2025 KircheDankbarkeit – eine Kraft, die verbindet
Ein Streifzug durch die vielen Dimensionen eines oft unterschätzten Wortes
Der September trägt ein leises Abschiednehmen vom Sommer in sich. In der Natur beginnt die Zeit der Ernte, der Reife, der ...
Dankbarkeit – eine Kraft, die verbindet
Ein Streifzug durch die vielen Dimensionen eines oft unterschätzten Wortes
Der September trägt ein leises Abschiednehmen vom Sommer in sich. In der Natur beginnt die Zeit der Ernte, der Reife, der Rückkehr vom Berg ins Tal, des Zurückschauens – und vielleicht auch der Dankbarkeit. Doch was bedeutet eigentlich «dankbar sein» in einer Zeit, in der immer noch vieles selbstverständlich erscheint, in der das Vergleichen oft lauter zu uns spricht als das Staunen? Ist Dankbarkeit ein Gefühl, eine Haltung oder gar ein geistlicher Weg?
In diesem Artikel werfe ich einen Blick auf die Kraft der Dankbarkeit – aus verschiedenen Perspektiven: theologisch, psychologisch, sozial und persönlich. Denn Dankbarkeit ist mehr als ein höfliches «Merci» – sie ist eine Haltung, die verbindet: Menschen untereinander, den Menschen mit sich selbst und – so meine ich – mit Gott.
Die biblische Spur: Danken als Gebet
Die Bibel kennt kein Leben ohne Dank. Vom ersten Buch Mose bis zur Offenbarung zieht sich ein roter Faden des Dankens – manchmal spontan und jubelnd, manchmal trotzig und leise.
«Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» (Psalm 103,2) Dieses Psalmwort ist nicht nur eine Einladung zum Lob, sondern auch eine Erinnerungskultur. Wer dankt, erinnert sich – an Bewahrung, an Begegnung, an unerwartete Hilfe. Die Psalmen, das Gebetbuch Israels, sprechen oft von der Dankbarkeit mitten in der Bedrängnis: Nicht weil das Leben leicht ist, sondern weil es getragen wird.
Im Neuen Testament wird diese Haltung fortgeführt. Paulus schreibt an die Thessalonicher: «Seid dankbar in allen Dingen.» (1. Thess 5,18) Diese Aufforderung ist kein naiver Optimismus, sondern Ausdruck eines Glaubens, der auch im Dunkeln die Spur des Lichts sucht.
Die psychologische Perspektive:
Dankbarkeit tut gut
Auch die moderne Psychologie hat die Dankbarkeit entdeckt – als Ressource für seelische Gesundheit. Studien zeigen: Menschen, die sich regelmässig in Dankbarkeit üben, sind zufriedener, schlafen besser und leiden seltener unter Depressionen.
Das amerikanische Forscherduo Robert Emmons und Michael McCullough fand in Langzeitstudien heraus, dass das tägliche Notieren von drei Dingen, für die man dankbar ist, das Wohlbefinden signifikant steigert. Dankbarkeit verschiebt den Fokus: Weg vom Mangel, hin zur Fülle. Sie verändert die innere Haltung und lässt Menschen resilienter werden gegenüber Krisen.
Interessant ist: Es geht dabei nicht darum, Schönfärberei zu betreiben oder Probleme zu verdrängen – sondern sich bewusst zu machen, dass es selbst im Schweren oft kleine Lichtblicke gibt. Ein Lächeln. Eine Nachricht. Eine Tasse Tee. Wer sie wahrnimmt, stärkt seine innere Kraftquelle.
Sozial betrachtet: Dankbarkeit schafft Beziehung
In einer Welt, die stark auf Leistung, Individualität und Selbstoptimierung ausgerichtet ist, kann Dankbarkeit auch ein soziales Korrektiv sein. Sie anerkennt, dass wir nicht alles aus eigener Kraft schaffen – dass wir empfangen, getragen und beschenkt werden, oft ohne es zu merken.
Ein einfaches, ehrliches «Danke» – sei es gegenüber einer Nachbarin, einem Pfleger, einer Busfahrerin oder dem Pöstler – kann Türen öffnen. Es schafft Nähe, wo Distanz war. Es baut Brücken zwischen Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Weltanschauung.
In der reformierten Tradition hat sich Dankbarkeit immer auch in diakonischem Handeln ausgedrückt. Wer sich beschenkt, weiss, teilt. Die Dankbarkeit wird so zur Quelle sozialer Verantwortung. Sie schaut nicht nur zurück, sondern auch nach vorn – und fragt: Wem kann ich heute ein Segen sein?
Spirituelle Tiefe: Dankbarkeit als Lebensstil
Viele geistliche Traditionen – von christlicher Mystik über das Judentum bis hin zu buddhistischen Achtsamkeitspraktiken – sehen in der Dankbarkeit eine Schule des Lebens. Sie ist nicht nur Reaktion, sondern eine Haltung: eine Weise, die Welt zu sehen. Nicht alles gelingt. Nicht alles ist gut. Aber vielleicht wird uns mehr geschenkt, als wir denken.
Der Reformator Johannes Calvin sprach vom «Herzen, das sich erhebt» – und meinte damit eine Lebenshaltung, die in der Dankbarkeit erfährt, dass Gott gegenwärtig ist. In dieser Perspektive wird Danken zu einer Form von Gebet – still oder laut, mit oder ohne Worte.
Praktische Impulse: Dankbarkeit leben im Alltag
Wie aber können wir im Alltag dankbar leben – ohne uns dazu zu zwingen oder ins Gekünstelte zu verfallen? Hier einige Impulse, die sich leicht in den Tagesablauf integrieren lassen: − Dankbarkeitsbuch führen: Jeden
Abend drei Dinge notieren, für die man an diesem Tag dankbar ist – auch wenn sie klein erscheinen.
− Segensmoment beim Essen: Vor dem Essen einen Moment der Stille einhalten, vielleicht gar ein Gebet, und das Bewusstsein stärken, dass vieles (Nahrung, Gemeinschaft, Gesundheit) nicht selbstverständlich ist. − «Danke sagen»-Tage: Sich einmal pro Woche vornehmen, mindestens drei Menschen bewusst zu danken – schriftlich, mündlich oder telefonisch.
− Natur wahrnehmen: Einen Spaziergang machen mit dem Fokus: «Was berührt mich heute?» Die Farben, ein Geruch, das Vogelzwitschern – bewusste Wahrnehmung als Weg zur Dankbarkeit.
− Kirchliche Rituale nutzen: Am Gottesdienst teilnehmen, einen persönlichen Eintrag ins Gebetsbuch schreiben, eine Kerze anzünden...
Ein persönliches Wort
«Ich war lange krank, viel allein. Es gab Tage, da konnte ich nichts Positives sehen», erzählte ein älteres Gemeindemitglied. «Aber irgendwann begann ich, am Abend zu überlegen: Was war heute gut? Manchmal wars nur der Sonnenstrahl auf dem Sofa oder der Apfel, den mir jemand brachte. Aber es hat mir geholfen. Heute danke ich für jeden Spaziergang – weil ich weiss, dass es nicht selbstverständlich ist.»
Dankbarkeit verbindet Himmel und Erde
Dankbarkeit verändert den Blick – auf das Leben, auf andere, auf Gott. Sie ist keine Flucht vor dem Schmerz, sondern eine Kraft, die uns aufrichtet. In ihr liegt eine tiefe Wahrheit: dass wir nicht alles machen können, sondern vieles empfangen. Dass wir nicht allein sind. Und dass das Leben – trotz allem – ein Geschenk ist.
Vielleicht ist genau das der tiefste Sinn der Dankbarkeit: innehalten, zurückschauen, danken – und mit offenem Herzen weitergehen.
PETER KLOPFENSTEIN, PFARRER
LOBE DEN HERRN, MEINE SEELE
Psalm 103 (Zürcher Bibel)
Von David. Lobe den Herrn, meine Seele,
und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen.
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Der all deine Schuld vergibt
und alle deine Krankheiten heilt,
der dein Leben aus der Grube erlöst,
der dich krönt mit Gnade und Erbarmen,
der dich mit Gutem sättigt dein Leben lang.
Dem Adler gleich erneuert sich deine Jugend.
Taten der Gerechtigkeit vollbringt der Herr
und Recht für alle Unterdrückten.
Seine Wege hat er Mose kundgetan,
den Israeliten seine Taten.
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
langmütig und reich an Güte.
Nicht für immer klagt er an,
und nicht ewig verharrt er im Zorn.
Nicht nach unseren Sünden handelt er an uns,
und er vergilt uns nicht nach unserer Schuld.
So hoch der Himmel über der Erde,
so mächtig ist seine Gnade über denen, die ihn fürchten.
So fern der Aufgang ist vom Untergang,
so fern lässt er unsere Verfehlungen von uns sein.
Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt,
so erbarmt der Herr sich derer, die ihn fürchten.
Denn er weiss, welch ein Gebilde wir sind,
bedenkt, dass wir Staub sind.
Des Menschen Tage sind wie Gras,
er blüht wie eine Blume des Feldes:
Wenn der Wind darüber fährt, ist er dahin,
und seine Stätte weiss nicht mehr von ihm.
Aber die Gnade des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten,
und seine Gerechtigkeit über Kindeskindern,
über denen, die seinen Bund halten
und seiner Gebote gedenken in der Tat.
Der Herr hat im Himmel seinen Thron errichtet,
und sein Königtum herrscht über das All.
Lobt den Herrn, ihr seine Boten,
ihr starken Helden, die ihr sein Wort vollbringt,
gehorsam seinem gebietenden Wort.
Lobt den Herrn, all seine Heerscharen,
ihr seine Diener, die ihr seinen Willen tut.
Lobt den Herrn, all seine Werke,
an allen Orten seiner Herrschaft.
Lobe den Herrn, meine Seele.