Kletterinnen gelingt Erstbegehung
12.03.2026 SportEnde Januar gelang den Kletterinnen Fay Manners (UK) und Melanie Grünwald (AT) die Erstbegehung einer neuen Mixed-Kletterroute oberhalb des Glacier 3000. Für sie ein Zeichen, «dass Frauen genauso Teil der Welt der Erstbegehungen sind.»
JONATHAN ...
Ende Januar gelang den Kletterinnen Fay Manners (UK) und Melanie Grünwald (AT) die Erstbegehung einer neuen Mixed-Kletterroute oberhalb des Glacier 3000. Für sie ein Zeichen, «dass Frauen genauso Teil der Welt der Erstbegehungen sind.»
JONATHAN SCHOPFER
Der internationalen Seilschaft mit der Britin Fay Manners und der Österreicherin Melanie Grünwald ist die Erstbegehung einer neuen Mixed-Kletterroute gelungen. Die Route befindet sich am Tête aux Chamois, oberhalb des Skigebiets des Glacier 3000. «Mixed» bedeutet, dass das Klettergelände aus Eis, Schnee und nacktem Felsen besteht. Die Route ist mit M7+ A0 bewertet: M7+ steht für sehr anspruchsvolles Mixedklettern und A0, dass eine kurze Passage technisch mithilfe eines Fixpunkts (z.B. Haken/Schlinge) überwunden wurde. Die zum Teil leicht überhängende Route mit dem Namen «Elles Aussi» stellt die erste Linie an dieser Wand dar, die von einer rein weiblichen Seilschaft eröffnet wurde. «Der Name ‹Elles Aussi› – sie auch – soll ein kleines, aber klares Zeichen setzen, dass Frauen genauso Teil der Welt der Erstbegehungen sind», so das Kletterduo und weiter: «Diese Route gemeinsam zu eröffnen, hatte daher für uns auch eine symbolische Bedeutung.»
Die Idee zur Erstbegehung
Die Idee zur Route stammte von Fay Manners, die mehrere ihrer vergangenen Winter damit verbracht hatte, in der Region zu klettern. «Vor drei Jahren bin ich über das Buch ‹Dry Tooling et Mixte› vom Kletterer Simon Chatelan auf das Gebiet des Glaciers 3000 aufmerksam geworden», sagte Manners auf Anfrage. So kam es, dass sie dort gezielt nach natürlichen, nicht vorgebohrten Mixedlinien suchte.
Nachdem sie mehrere von Chatelan eröffnete Routen geklettert war, kontaktierte Manners den Alpinisten, um zu klären, ob er mit der Erschliessung einer neuen Linie an der Tête aux Chamois einverstanden wäre. Das war für sie wichtig, da Routen nie im luftleeren Raum entstehen – sie bauten immer auf dem Engagement anderer auf. «Seit über sieben Jahren prägt Chatelan das Gebiet massgeblich, mit mehr als 200 eröffneten Kletterrouten, teils mit Partnern, teils solo. Für uns war es eine Frage des Respekts, ihn vorab zu kontaktieren und unsere Pläne transparent zu machen.» Er begrüsste die Initiative ausdrücklich und wies darauf hin, dass nur wenige Kletternde in der Region motiviert seien, Winterrouten zu entwickeln.
Im steilen Gelände
Die Tête aux Chamois liegt direkt unterhalb der ersten Sektion der Glacier- 3000-Seilbahn und wird vom Col du Pillon über den Black-Tunnel erreicht – einen Zugang, der vor allem von Skifahrenden benutzt wird. Die Begehung sei durch die Unterstützung von Glacier 3000 ermöglicht worden, sagte Manners. «Mit Zusammenarbeit und der Flexibilität der Pistenrettung, die den Tunnel täglich speziell für uns öffnete.»
Die Suche nach der Partnerin
Angesichts der Schwierigkeit des Geländes suchte Manners nicht nur eine Kletterpartnerin, sondern auch jemanden, der nach langen Tagen in der Wand sicher mit schweren Rucksäcken Ski fahren kann.
«Partner:innen für winterliches Mixedklettern zu finden – insbesondere für Routenerschliessungen – ist nach wie vor schwierig», erklärte Manners. «Es bedeutet lange Tage in der Kälte, schwere Lasten wie die Bohrmaschine und metallene Sicherungsmittel zu tragen und permanent mit Unsicherheit bezüglich der Absicherung in vereisten Rissen umzugehen.»
Manners lud Melanie Grünwald ein, die nach einer fünfjährigen verletzungsbedingten Pause im vergangenen Sommer zum Alpinismus zurückgekehrt war. Mit jüngsten Solobegehungen in den Westalpen und an der Ama Dablam im Himalayagebirge in Nepal sowie einer neu entfachten Motivation für lange, alpine Tage in komplexem, multidisziplinärem Gelände erwies sich Grünwald als passende Partnerin. Ohne vorherige Drytooling-Erfahrung stellte die Route selbst im Nachstieg eine grosse Herausforderung dar. Drytooling ist im Kletterjargon das Nutzen von Eisgeräten am trockenen Fels. Dennoch zeigte sich Grünwald sehr motiviert, das Projekt zu unterstützen – insbesondere als Teil einer rein weiblichen Seilschaft. Für sie war die Begehung ebenso ein Beitrag zur Vision wie eine Gelegenheit, schnell zu lernen, ihr technisches Repertoire zu erweitern und Neuland zu betreten.
Neuland für beide
«Die ersten beiden Tage erwiesen sich als physisch und mental äusserst fordernd», so die Alpinistin Grünwald. Der Zustieg sei durch tiefen, bindungslosen Schnee und lockeres Gestein erschwert worden – Bedingungen, die in hartem Firn unproblematisch gewesen wären, hier jedoch höchste Konzentration verlangten.
Weiter oben gab es Verschneidung und zwei horizontale Felsüberhänge: Manners führte die Route, kletterte weitgehend frei und stürzte auch. Für eine kurze Passage griff sie auf das Aid-Klettern zurück – die Ausrüstung diente dabei auch als Aufstiegshilfe –, um Absicherung und Bohrhaken sicher zu platzieren.
Obwohl «Elles Aussi» aufgrund des kurzen A0-Abschnitts noch nicht vollständig frei geklettert wurde, hoffen Manners und Grünwald, dass zukünftige Seilschaften eine komplette freie Begehung versuchen und gegebenenfalls eine neue Bewertung vorschlagen. Sie sind sich dabei einig: «Besonders wünschenswert wäre eine Wiederholung und Befreiung durch eine weitere rein weibliche Seilschaft.»
Unter Druck entstehen Freundschaften
Trotz Grünwalds fehlender Drytooling-Erfahrung konnten sich die Kletterinnen aufeinander verlassen. «Solche Projekte schweissen zusammen – gerade weil es heikle Momente gibt und unter Druck entschieden werde», sagte Grünwald. Davor kannte sich das Kletterduo nur oberflächlich. «Aus der Seilschaft ist inzwischen eine enge Freundschaft entstanden. Trotz aller Ernsthaftigkeit der Bedingungen hatten wir unglaublich viel Freude – und genau das bleibt am stärksten in Erinnerung.»
Nach drei langen Wintertagen und 135 Metern Kletterei konnte schliesslich die Route rechtzeitig vor einsetzendem Schneefall abgeschlossen werden
– ein entscheidender Faktor.
Zurück nach der Verletzungspause
Eine Ground-up-Erstbegehung, also das Klettern von unten nach oben, bedeute, dass man nie sicher wisse, ob eine Linie wirklich «durchgeht». «Jeder Stand, jede Seillänge ist ein kleines Fragezeichen. Für mich persönlich war diese Erstbegehung besonders, weil sie Vertrauen symbolisiert: in die Partnerin, in den Prozess – und auch in den eigenen Körper nach einer langen Verletzungspause», so Melanie Grünwald.
GLOSSAR
• A0: Eine kurze Passage wird technisch überwunden – ein Fixpunkt (z.B. Haken/Schlinge) dient als Aufstiegshilfe.
• Befreiung: Eine Route wird nachträglich vollständig frei geklettert – hier: der A0-Abschnitt frei geschafft.
• Drytooling: Klettern am trockenen Fels mit Eisgeräten (oft auch Steigeisen).
• Firn: Altschnee, der zu einer festen, körnigen Schneeschicht umgewandelt ist.
• Frei klettern: Ausrüstung dient nur zur Sicherung, nicht zum Hochkommen.
• Nachstieg: Zweite Person klettert nach, von oben gesichert.
• Seillänge: Abschnitt zwischen zwei Standplätzen.
• Seilschaft: Zwei oder mehr Kletternde, die zusammen am Seil unterwegs sind.
• Stand: Sicherungsplatz, an dem eine Seillänge endet und die nächste beginnt.
• Verschneidung: Innenecke zwischen zwei Felsflächen.
JSC



