Gewerbeverein: zwischen Fachkräftemangel und Konfliktkultur
29.05.2026 GstaadDer Fachkräftemangel beschäftigt auch das Gewerbe im Saanenland zunehmend. An seiner Hauptversammlung präsentierte der Gewerbeverein deshalb erste konkrete Schritte für das Projekt «Gstaad Life & Work» – und sensibilisierte gleichzeitig über den Umgang mit ...
Der Fachkräftemangel beschäftigt auch das Gewerbe im Saanenland zunehmend. An seiner Hauptversammlung präsentierte der Gewerbeverein deshalb erste konkrete Schritte für das Projekt «Gstaad Life & Work» – und sensibilisierte gleichzeitig über den Umgang mit Unternehmensausschlüssen bei öffentlichen Projekten.
SONJA WOLF
Ein zentrales Thema war die Zusammenarbeit zwischen dem lokalen Gewerbe und der Infrastrukturabteilung der Gemeinde Saanen. Konkret ging es um Unternehmensausschlüsse bei öffentlichen Infrastrukturprojekten im Gemeindegebiet. Der Gewerbeverein hatte dazu Gespräche mit Gemeindevertretern gesucht.
Laut dem Vorstand seien in den vergangenen 15 Jahren insgesamt drei Ausschlüsse ausgesprochen worden – mit zusammen zehn Jahren Sperrdauer. Zwei Fälle hätten Ingenieure betroffen.
Der Gewerbeverein stellte dabei nicht einzelne Fälle in den Vordergrund, sondern die grundsätzliche Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und Unternehmen. Diskutiert wurden zwischen den Vertretern der Gemeinde und dem Gewerbeverein unter anderem ein früheres und klareres Controlling bei Qualität, Dokumentation und Abrechnungen. Auch ein fairer Umgang in Konflikten sowie bessere Möglichkeiten zur Deeskalation wurden als Ergebnis des Zusammentreffens festgehalten. Im Gespräch war etwa auch eine neutrale Ombudsstelle oder externe Fachperson, wenn Konflikte eskalieren.
Präsident Jonas Wanzenried betonte an der Versammlung, dass man sich «gemeinsame Verantwortung statt gegenseitiges Misstrauen» wünsche.
Mehr als Luxus und Tourismus
Breiten Raum nahm an der Versammlung auch das Projekt «Gstaad Life & Work» ein. Dahinter steckt eine gemeinsame Initiative von Gewerbeverein, Hotelierverein und Gstaad Saanenland Tourismus (GST), welche die Ferienregion Gstaad stärker als Lebensund Arbeitsraum positionieren will.
Auslöser sei der zunehmende Fachkräftemangel gewesen, erklärte Projektleiter Markus Iseli vom GST. Neben strukturellen Problemen spiele auch die Aussenwahrnehmung eine Rolle. Gstaad werde oft nur mit Luxus, Tourismus und Tradition verbunden. «Das ist ein Teil unserer DNA – aber nicht das ganze Gstaad, das wir täglich erleben», sagte Iseli.
Im Zentrum des Projekts steht deshalb die Idee, eine Standortmarke für die Destination Gstaad zu entwickeln. Während Gstaad touristisch bereits eine starke Marke sei, fehle bisher eine gemeinsame Wahrnehmung als alltäglicher Lebens- und Arbeitsraum. Genau das solle sich ändern.
In einer Pilotphase bis Ende 2026 soll das Projekt nun konkretisiert werden. Geplant ist, ein gemeinsames Erscheinungsbild und eine klare Ausrichtung zu entwickeln, damit die Region künftig gezielter um Arbeitskräfte werben kann. Die eigentliche Umsetzung ist ab 2027 vorgesehen.
Finanziell ist die Pilotphase gesichert: Eine gewerbliche Sammelaktion brachte statt der angestrebten 30’000 Franken knapp 50’000 Franken ein.
Langfristig soll «Gstaad Life & Work» laut den Verantwortlichen nicht nur Werbung machen, sondern verschiedene Akteure besser vernetzen. Vorgesehen sind unter anderem ein gemeinsamer digitaler Auftritt sowie Kampagnen, welche die Ferienregion Gstaad als attraktiven Ort zum Leben und Arbeiten positionieren sollen.
Neue Gesichter im Vorstand
Die Jahresrechnung schloss mit einem Gewinn von rund 3000 Franken ab. Der Verein zählt aktuell 242 Mitglieder. Neu in den Vorstand gewählt wurden Marco Reinle (T&R Oberland AG) und Lukas Breu (Breu Steiner Rechtsanwälte). Verabschiedet wurden Patrick Welten, Monica Bigler und Jürg Schwenter, der den Gewerbeverein während 17 Jahren im Landesteil Oberland West vertreten hatte.
Auch bei den Mutationen gab es Bewegung: Mehrere Betriebe traten aus dem Verein aus, gleichzeitig wurden neue Mitglieder aufgenommen – darunter Breu Steiner Rechtsanwälte, Gfeller Tiefbau GmbH, Hauswartprofi Saanenland GmbH, Health & Motion AG, Reuteler Bautechnik GmbH, Securiton AG und SunnySolution.
RECHTLICHE GRUNDLAGE FÜR NICHTBERÜCKSICHTIGUNGEN
Der «Anzeiger von Saanen» stellte der Gemeinde Saanen mehrere grundsätzliche Fragen zu Rechtsgrundlage, Verfahren und Dauer von Nichtberücksichtigungen. Die Gemeinde schreibt dazu: Als rechtliche Grundlage verweisen wir auf folgende Bestimmungen des öffentlichen Beschaffungswesens (IVöB):
– Art. 12 (Teilnahmebedingungen): Anbieter müssen zuverlässig sein und eine einwandfreie Leistungserbringung gewährleisten.
– Art. 44 (Ausschlussgründe): Dieser Artikel ermöglicht den Ausschluss von Anbietern bei schwerwiegenden Verfehlungen.
– Im Unterschied zu einem formellen Ausschluss gemäss Art. 44 IVöB handelt es sich bei der Nichtberücksichtigung um eine präventive Auswahlentscheidung im Rahmen eines nicht öffentlichen Verfahrens. Auf eine weitergehende Stellungnahme verzichtet die Gemeinde, man sehe derzeit keinen zusätzlichen Kommunikationsbedarf.
MOA
«Wir wünschen uns eine partnerschaftliche Zusammenarbeit»
Der Gewerbeverein Saanenland thematisierte an seiner Hauptversammlung Unternehmensausschlüsse bei öffentlichen Infrastrukturprojekten. Präsident Jonas Wanzenried erklärt im Interview die Haltung des Vereins.
SONJA WOLF
Warum beschäftigt sich der Gewerbeverein überhaupt mit Unternehmenssperrungen?
Wir haben uns in der Abteilung Bau gefragt, wie solche Unternehmenssperrungen oder Unternehmensausschlüsse eigentlich funktionieren. In den letzten 15 Jahren wurden insgesamt drei Ausschlüsse ausgesprochen – zusammen zehn Jahre Sperrdauer. Zwei davon betreffen Ingenieure.
Warum ist das aus Sicht des Gewerbevereins relevant?
In unseren Statuten steht ausdrücklich, dass wir die Interessen unserer Mitglieder vertreten – auch in Bauund Planungsfragen sowie in verwaltungsrechtlichen Verfahren. Und gerade mit Blick auf kommende Projekte wollten wir das Gespräch mit der Gemeinde suchen.
Sie haben deshalb das Gespräch mit der Infrastrukturabteilung gesucht?
Ja. Wir haben mit Gemeindepräsidentin Petra Schläppi, mit Klaus Romang und mit dem neuen Abteilungsleiter Infrastrukturen Philipp Becker zusammengesessen und gefragt, ob man die bisherige Praxis gemeinsam reflektieren könnte.
Was hat den Gewerbeverein dabei besonders beschäftigt?
Uns ist aufgefallen, dass solche Ausschlüsse offenbar vor allem in dieser Abteilung vorkommen.
Was wurde konkret besprochen?
Wir haben drei Punkte diskutiert. Erstens ein fristgerechtes und adäquates Controlling. Zweitens einen fairen Umgang in Konflikten. Und drittens bessere Möglichkeiten zur Deeskalation.
Was meinen Sie mit besserem Controlling?
Die öffentlichen Submissionen sind heute sehr komplex. Die Ordner werden immer dicker. Deshalb ist es wichtig, dass frühzeitig klar kommuniziert wird, welche Qualität, welche Dokumentation und welche Abrechnungsparameter erwartet werden. So können Unternehmen rechtzeitig das Richtige liefern.
Sie kritisieren also, dass Probleme teilweise zu spät erkannt werden?
Wir finden, dass ein gutes, unterstützendes Controlling möglichst früh greifen sollte. Wenn etwas fehlt, nicht korrekt dokumentiert ist oder anders abgerechnet werden soll, sollte man das während der Projektumsetzung feststellen und nicht erst Jahre später.
Sie sprechen auch von Deeskalation. Was meinen Sie damit konkret?
Wir haben vorgeschlagen, in schwierigen Fällen eine neutrale Ombudsstelle oder einen externen Fachingenieur beizuziehen. Gerade wenn die Parteien nicht mehr richtig miteinander reden können, kann eine neutrale Drittperson helfen, gegenseitiges Verständnis wieder aufzubauen.
Warum ist Ihnen dieser Punkt wichtig?
Weil wir solche Situationen aus unserer eigenen Berufserfahrung kennen. Manchmal hilft es enorm, wenn beide Seiten ihre Sicht einer neutralen, sachverständigen Person schildern können.
Was ist die grundsätzliche Haltung des Gewerbevereins?
Wir wünschen uns gemeinsame Verantwortung statt gegenseitigen Misstrauens. Lösungsorientierte Fairness sowie grundsätzlich eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und Unternehmen. Gleichzeitig ist für uns klar, dass unsere Unternehmen ihre Leistungen in gewohnt guter Qualität erbringen sollen. Mit der Neustrukturierung der Infrastrukturabteilung und dem neuen Abteilungsleiter sind wir zuversichtlich, dass sich daraus auch eine Chance ergibt, die Zusammenarbeit und den gegenseitigen Austausch weiter zu stärken.




