Kulturbrücke
15.05.2026 KolumneANJA MOOSMANN
Viele Menschen aus allen Herren Ländern geniessen regelmässig die Schönheit und Einzigartigkeit unserer Natur und die liebliche Landschaft unserer Region – «come up – slow down» eben. Verstopfte Strassen und längeres Anstehen an ...
ANJA MOOSMANN
Viele Menschen aus allen Herren Ländern geniessen regelmässig die Schönheit und Einzigartigkeit unserer Natur und die liebliche Landschaft unserer Region – «come up – slow down» eben. Verstopfte Strassen und längeres Anstehen an Skiliften oder beim Einkaufen sind im Saanenland in der Hochsaison somit keine Seltenheit. Einige Einheimische werden sich wohl daran stören – jedoch sind wir auf unsere Gäste angewiesen und sollten stolz darauf sein, an einem Ort leben zu dürfen, wo andere Ferien machen. Zudem eröffnet uns dies Möglichkeiten für Begegnungen mit anderen Kulturen und – wer weiss – vielleicht auch aussergewöhnliche Freundschaften…
Unsere Familie begegnet anderen Menschen seit jeher offen und unvoreingenommen. Wir sind interessiert an Traditionen und Lebensweisen in uns fremden Ländern. Etwas skeptisch waren wir aber ehrlicherweise, als wir eine Familie aus Abu Dhabi in unserer Ferienwohnung begrüssen durften. Vorurteile gegenüber Menschen aus dem arabischen Raum sind in Europa weit verbreitet und oft tief in gesellschaftlichen Stereotypen verwurzelt. Gewaltbereitschaft und Terrorismus sowie Frauenunterdrückung werden nicht selten mit Menschen aus arabischen Ländern in Verbindung gebracht. Diese Klischees ignorieren meiner Meinung nach die enorme Vielfalt innerhalb der arabischen Welt, die verschiedene Länder, Kulturen, Religionen und Lebensstile umfasst.
Und wissen Sie was? Die Begegnung mit unseren Freunden aus Abu Dhabi war ausserordentlich schön und bereichernd! Wie dankbar und grosszügig sie sich gegenüber uns zeigten, war einzigartig. Obwohl sich die Frauen nie im Garten aufhielten – aus Angst, meinem Mann oder meinem Sohn zu begegnen. Gegenüber meiner Tochter und mir zeigten sie sich jedoch äusserst kommunikativ und freundlich. Die Herren jedoch hüteten sich, auch nur ein Wort mit uns Frauen zu wechseln, da in ihrer Kultur ein direktes Gespräch mit einer fremden Frau oft als ungebührlich oder aufdringlich gilt.
Der Höhepunkt war zweifellos der Besuch der ganzen Familie bei meinen Schwiegereltern auf der Alp. Auch weitere Tanten und Onkel sowie die Grossmutter – sie alle waren in dieser Woche in unserer Region zu Gast – wurden mobilisiert, um dieses Erlebnis miteinander zu teilen. Interessant war, dass zu diesem Zeitpunkt das Zusammensein von Frauen und Männern wohl keine Rolle zu spielen schien. Was für einige von ihnen wohl grenzwertig war (das Kopftuch wurde kurzerhand zur Maske, um sich die ungewohnten Gerüche von der Nase fernzuhalten), faszinierte andere ungemein. Mein Schwiegervater wurde im Stall mit Fragen gelöchert und die Verständigungsschwierigkeiten gekonnt mit Zeichensprache umgangen. Ein unvergessliches Erlebnis für alle – auch für uns!
Der Abschied von unseren neuen Freunden fiel uns unerwartet schwer. Die Dankbarkeit ihrerseits war schier unendlich. So kamen sie noch Jahre später, wenn sie wieder in der Gegend waren, regelmässig vorbei und deckten uns mit Geschenken ein. Fünf bis sechs traditionelle arabische Kleidungsstücke hängen seither in meinem Kleiderschrank, die Datteln und weitere arabische Spezialitäten wurden immer mit Genuss vertilgt.
Offen sein gegenüber Anderem, Ungewohntem eröffnet Möglichkeiten für besondere Freundschaften und schafft so manche wunderbare Erinnerung.
anja.moosmann@anzeigervonsaanen.ch
