«Unser Ziel ist es, die Selbstständigkeit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern»
17.03.2026 InterviewSchon seit gut 20 Jahren begleitet die Juga junge Menschen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Besonders bekannt ist die Jugendfachstelle für grosse Projekte wie Mini Gstaad, Love Limits oder der Ferienpass. Doch wir wollten wissen, wie der normale Alltag – ohne ...
Schon seit gut 20 Jahren begleitet die Juga junge Menschen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Besonders bekannt ist die Jugendfachstelle für grosse Projekte wie Mini Gstaad, Love Limits oder der Ferienpass. Doch wir wollten wissen, wie der normale Alltag – ohne Projekte – dort aussieht. Lara Pichler, Leiterin der Juga im Saanenland, gibt uns einen Einblick.
PAULA H. MITTAG
Was ist die Juga?
Die Kinder- und Jugendfachstelle ist ein Teilbereich der professionellen Sozialen Arbeit und handelt im Auftrag der Gemeinde und des Kantons. Wir begleiten und unterstützen junge Menschen auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit und Mündigkeit. Die Juga bietet Raum für Begegnungen, Aktivitäten und Gespräche. Wir helfen dabei, eigene Ideen umzusetzen, und stehen bei allen Themen zur Seite, die junge Menschen beschäftigen.
Gibt es regelmässige Besuchende und wie viele sind es ungefähr?
Letztes Jahr haben rund 3500 Kinder und Jugendliche den Treff in Saanen und Gstaad genutzt. Die Juga ist nicht nur ein Jugendtreff, sondern auch ein Angebot für Familien oder Menschen, die Unterstützung brauchen. Es gibt regelmässige Besucher:innen, aber auch Jugendliche, die nur ein- oder ein paar Mal vorbeikommen.
Warum kommendie Kids?
Die Gründe sind ganz unterschiedlich. Viele kommen, um Freund:innen zu treffen oder einfach einen Ort zu haben, an dem sie willkommen sind. Andere möchten bei Projekten mitmachen oder über etwas sprechen, das sie beschäftigt. Für manche ist es einfach wichtig, einen sicheren Raum zu haben, in dem sie sein dürfen, wie sie sind.
Kostet die Juga etwas?
Nein, die Juga ist kostenlos. Möglich ist das, weil wir im Auftrag der Gemeinde und des Kantons arbeiten und von ihnen finanziert werden.
Wie alt sind die Kinder?
Offiziell sind wir eine Anlaufstelle für Sechs- bis Einundzwanzigjährige. Wenn Jugendliche aber schon länger von uns begleitet werden, unterstützen wir sie auch darüber hinaus, teilweise bis zum 25. Lebensjahr. Danach vermitteln wir sie an eine passende Fachstelle weiter. Sie werden nicht «verbannt», sondern wir bleiben an ihrer Seite. Auch Familienangehörige – Eltern, Tanten, Grosseltern – können sich an uns wenden, wenn sie sich Sorgen um ein Kind oder eine jugendliche Person machen.
Was sind die Grundsätze der Juga?
Unser Ziel ist es, die Selbstständigkeit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern, damit sie zu aktiven Teilen der Gesellschaft werden können. Wir sind während der Öffnungszeiten für sie da, bei Sorgen, Fragen oder Problemen. Alter, Religion, Herkunft oder politische Haltung spielen dabei keine Rolle. Jede und jeder ist willkommen.
Was ist Ihre oberste Priorität?
Die Bedürfnisse der Jugendlichen haben oberste Priorität. Wir sind da, um sie zu unterstützen. Wenn wir merken, dass viele Jugendliche biken, überlegen wir uns, was es dafür braucht – so ist etwa der Pumptrack entstanden. Auch der Skatepark geht auf ein Bedürfnis junger Menschen zurück. Wir richten uns nicht nur bei den Angeboten nach den Jugendlichen, sondern auch in der Planung. Beratungstermine werden oft relativ spontan vereinbart, denn mit Jugendlichen kann man selten drei Monate im Voraus planen. Vieles muss kurzfristig und individuell organisiert werden.
Wo liegt aktuell Ihr Schwerpunkt?
Dieses Jahr sind wir im Projektbereich etwas weniger stark engagiert. Stattdessen möchten wir uns stärker auf die Beziehungs- und Treffarbeit konzentrieren. Trotzdem haben Angebote noch Platz und bleiben erhalten – wie der Girlstreff. Viele Mädchen trauen sich weniger, wenn eine grosse Gruppe Jungs anwesend ist. Ein geschützter Rahmen hilft, damit sie sich austauschen und bestimmte Themen offen ansprechen können. Neben jungen Frauen achten wir auch auf ruhigere Jugendliche, Kinder mit besonderen Bedürfnissen und solche mit speziellen Interessen, etwa im kreativen Bereich. Wir möchten möglichst breit aufgestellt sein und unsere Angebote für alle zugänglich machen.
Wenn es ernst wird: Wie geht die Juga mit schwierigen Themen um?
Jugendliche haben manchmal Mühe, ihre Probleme älteren Personen oder Lehrpersonen anzuvertrauen. Wir verstehen uns als neutrale Stelle, an die sie sich wenden können. Bei Themen wie Alkohol- und Drogenkonsum, Gewalt, Abhängigkeit oder Mobbing suchen wir das Gespräch. Wir fragen nach: Warum machst du das? Gibt es Alternativen? Was sind die Risiken? Gerade beim Thema Mobbing haben wir eine klare Nulltoleranz. Der Jugendtreff soll ein Ort sein, an dem sich alle wohlfühlen. Ausgrenzung oder ständiges Ärgern geht nicht. Gleichzeitig setzen wir stark auf Prävention. Wir achten auf eine respektvolle Wortwahl und darauf, dass in unserer Musik keine sexistischen oder gewaltverherrlichenden Inhalte laufen.
Wie garantieren Sie ein Vertrauensverhältnis zwischen den Jugendlichen und den Betreuenden?
Die Neutralität spielt eine riesige Rolle. Wenn jemand zum Beispiel berichtet, dass er viel Alkohol trinkt, ist es wichtig, dass wir neutral bleiben, ihn nicht verurteilen oder unsere eigene Meinung aufdrängen und uns so gegen den Jugendlichen stellen. Man braucht eine gewisse Akzeptanz und sollte vielmehr darauf achten, was die Person im Moment braucht. Es ist sehr wichtig, mit den Jugendlichen auf einer neutralen Ebene zu sprechen. Andernfalls würden sie das Gespräch ablehnen oder sich nicht mehr wohlfühlen. Neutralität ist essenziell, um Jugendliche zu verstehen und ihnen näherzukommen.
Konkurrenz oder Ergänzung – wie steht Ihr zur Schule?
Wir sind ein ausserschulisches Angebot. Das ist zentral, denn es gibt Jugendliche mit schulischen Schwierigkeiten, die eine externe Anlaufstelle brauchen. Die Schule ist an Lehrpläne gebunden und kann gewisse Themen nur begrenzt behandeln. Es können Fragen offen bleiben oder es fehlen Ressourcen. Hier verstehen wir uns als Ergänzung und auch als Entlastung. Wir unterstützen zudem bei der Lehrstellensuche, beim Schreiben von Bewerbungen oder bei Fragen rund um Arbeit und Ausbildung.
Sehen Sie Social Media eher als Fluch oder als Chance?Verändert hat sich in den letzten Jahren der Einfluss der sozialen Medien. Durch Social Media sind neue Bedürfnisse und andere Schwerpunkte entstanden, die wir berücksichtigen müssen. Soziale Medien vermitteln oft ein verzerrtes Bild der Realität und erzeugen dadurch Druck. Deshalb ist es wichtig, Jugendliche auch in diesem Bereich zu sensibilisieren. Wir thematisieren, wie Algorithmen funktionieren, was der ständige Konsum mit uns macht und wie man reflektiert damit umgehen kann. Bildschirmzeiten könnten durchaus sinnvoll sein, etwa um die eine Nutzung bewusster zu regulieren.




