Der Rubi-Fonds fördert seit über 45 Jahren die Restaurierung historischer Bauernhäuser im Saanenland. Ein guter Grund, das Jubiläum nachträglich mit einer Zeitreise zu den Ursprüngen dieser faszinierenden Bauten zu zelebrieren. In der ...
Lebendiges Kulturerbe: Wie das Saanerhaus zu seiner Hausform kam
22.01.2026 KulturDer Rubi-Fonds fördert seit über 45 Jahren die Restaurierung historischer Bauernhäuser im Saanenland. Ein guter Grund, das Jubiläum nachträglich mit einer Zeitreise zu den Ursprüngen dieser faszinierenden Bauten zu zelebrieren. In der Serie stellen wir einige interessante Saanerhäuser vor: mit Geschichten über ihre Entstehung, ihre geschnitzten Fassaden und Malereien, ambitionierte Bauherren, Zimmermeister und die mehr oder weniger alltäglichen Menschen, die diese Häuser einst belebten – und es heute noch tun.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Wer verstehen will, wie das Saanerhaus des 17. und 18. Jahrhunderts – der grossen Blütezeit des Bauernhausbaus im Saanenland – zu seiner Bauform und seinem so typischen Aussehen kam, muss sich vorerst mit einem noch älteren Holzgebäude beschäftigen: dem sogenannten Heidenhaus in der Nähe des Lauenensees, vermutlich in den 1450er-Jahren erbaut. Man stelle sich vor: Gutenberg hatte gerade eben den Buchdruck erfunden!
Ein Mischbau, der Geschichte schrieb: Ständer trifft Block
Warum ist die Hausform der Epoche des Heidenhauses so aufschlussreich? Weil sie in vielerlei Hinsicht als Muster für die künftige Bauweise diente. Untenrum im Erdgeschoss wird auf die robuste, schwere Ständerbauweise gesetzt. Dabei trägt ein massives Grundgerüst aus senkrechten Holzständern und waagrechten Schwellen das ganze Obergeschoss samt Dach. In die Leerräume werden horizontale Wandhölzer eingeschoben, die man in den Ecken und in der Mitte mittels Nuten in die Ständer einführt. Auch die Raumaufteilung machte Schule: vorne zwei Stuben, hinten auf der ganzen Breite die Küche mit der Feuerstelle.
Im Obergeschoss kommt der Blockoder Strickbau zum Zug. Die Balken werden waagrecht aufeinandergeschichtet und an den Ecken kreuzweise verzahnt (Gwätte). Das Ergebnis: stabile Wände ganz ohne zusätzliche Stützen.
Mit dieser Kombination aus Ständerund Blockbau liessen sich fortan grössere, mehrgeschossige Chalets errichten – eine raffinierte Mischbauweise, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatte und im Berner Oberland bis heute Verwendung findet.
Das Heidenkreuz: Aberglaube oder einfach nur Statik?
Ein näherer Blick auf das Heidenhaus offenbart es: das sogenannte Heidenkreuz im Giebelfeld. Die Volkskultur dichtete ihm allerlei Magisches an: Schutz vor bösen Geistern, Relikt aus heidnischen Zeiten. Klingt gut, aber das Kreuz war wohl nur ein cleveres Stück Zimmermannslogik: Es verstrebt den senkrechten Pfosten unter dem Hauptfirst, damit dieser unter dem Dachgewicht nicht wegkippt. Die geschwungenen, schwalbenschwanzartig eingesetzten Streben? Wer weiss, vielleicht reine Zierde oder Laune des Zimmermeisters. Mit den neuen Bautechniken im frühen 16. Jahrhundert wurde das Heidenkreuz überflüssig – und es verschwand danach rasch von der Bildfläche.
Quellen: Christian Rubi: Die Zimmermannsgotik im Saanenland, Müller Marketing & Druck, Gstaad 2003; Christian Rubi: Das Saanerhaus des 17. Jahrhunderts, Verlag Buchdruckerei Müller, Gstaad; Bendicht Hauswirth: Saanenland, eine Geschichte – eine Zukunft, Müller Medien AG, Gstaad 2017
Hinweis: Im Magazin «Im Fokus», Müller Medien AG, Nr. 5/2025, werden der Rubi-Fonds sowie der Denkmalschutz des Kantons Bern in je einem Artikel näher vorgestellt.
www.fokus-saanenland.ch
Ein paar Worte vorab und Dank des Verfassers
Das Wissen über die Saanerhäuser, deren historische Hintergründe sowie die betreffenden Hauptprotagonisten (wie Bauherrschaften und Zimmermeister usw.) stammen vor allem aus den Restaurierungsdokumenten des Rubi-Fonds von Bendicht Hauswirth und der Fachliteratur von Christian Rubi. Diese und andere benutzte Quellen sind unter jedem Artikel vermerkt. Die präsentierten Häuser und Geschichten stellen eine Auswahl dar, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Viele der Fassaden sind vom Rubi-Fonds und/oder dem Bernischen Denkmalschutz fachgerecht restauriert worden. Ein Dankeschön allen Experten und Hauseigentümer:innen, die mit Wissen und Rat zum Gelingen dieser Serie beigetragen haben.







