Leidenschaft im Herzen: «Es war eine Berufung, unsere Kraft in Afrika zu investieren»
23.06.2026 GesellschaftEin Leben zwischen der Schweiz und Afrika: Daniel und Annekäthi Berger-von Siebenthal engagieren sich seit Jahrzehnten mit Herzblut für die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Im Gespräch blicken sie zurück: Was einst mit einem mutigen Aufbruch nach Kamerun ...
Ein Leben zwischen der Schweiz und Afrika: Daniel und Annekäthi Berger-von Siebenthal engagieren sich seit Jahrzehnten mit Herzblut für die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Im Gespräch blicken sie zurück: Was einst mit einem mutigen Aufbruch nach Kamerun begann, wurde zu einer Lebensaufgabe voller Begegnungen, Herausforderungen und bewegender Erinnerungen.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Vor 25 Jahren begegneten wir ihm erstmals an einem glühend heissen Tag in N’Djaména, der Hauptstadt des Tschad: Daniel Berger, gelernter Automechaniker und Theologe aus Leidenschaft im Dienst der Menschen Afrikas. Er besuchte uns – meine Frau Ariane (†) und mich, eben erst angekommen – damals in unserem Haus, wo wir uns auf eine Mitarbeit in einem Projekt im Osten des Landes vorbereiteten. Aus dieser Visite erwuchs eine langjährige, warmherzige Freundschaft mit Daniel und seiner Frau Annekäthi, geborene von Siebenthal. Aber das ist nicht alles: Jahre später hatten wir das Privileg, mit ihrem Sohn und dessen Familie auf dem Archipel der Komoren im Indischen Ozean zusammenzuarbeiten. Und schliesslich führte uns einer jener feinen Winkelzüge des Lebens in dasselbe Gstaader Medien- und Verlagshaus: Daniel, inzwischen pensioniert, im Auslieferdienst, und ich, kurz vor dem Ruhestand, unter anderem als freier journalistischer Mitarbeiter dieser Zeitung. Was lag da näher, als im Gespräch mit Daniel und Annekäthi Berger auf ihren langen Lebensweg zurückzublicken, den sie dem afrikanischen Kontinent gewidmet haben – und der sie bis heute nicht loslässt.
Daniel, als wir uns an jenem Tag – wenn ich mich richtig erinnere im Februar 2001 – im Tschad erstmals begegneten, warst du gerade in einer speziellen Mission unterwegs.
Daniel Berger (DB): Ja, seit dem Jahr 2000 bin ich viel in Afrika unterwegs gewesen und dabei mindestens fünfzigmal über die Sahara geflogen. Da ich früher an einem Theologieseminar in Kamerun junge Leute ausgebildet und unterrichtet hatte, liegt mir die Bildung der Jugend sehr am Herzen. In vielen Ländern Afrikas sind 50 Prozent der Menschen unter 20 Jahre jung. Weil ihr Hunger zum Lernen und die Wissbegierde sehr ausgeprägt sind, begannen wir dann in drei Ländern christliche Korrespondenzkurse mit allerlei Studienfächern anzubieten. Das Lehrmaterial wurde zu Beginn in der Schweiz gedruckt und auch von hier aus versandt sowie korrigiert, später vor Ort. Bis heute haben wir 15 Länder mit diesen Kursen bedient, vorwiegend in französischsprachigen Regionen West- und Zentralafrikas. Tausende junge Leute wurden so zum Studium motiviert. Pro Land erledigt ein verantwortliches einheimisches Ehepaar mit freiwilligen Helfenden die Arbeit. Ich betreute und besuchte diese Mitarbeitenden, darum war ich damals, als wir uns trafen, auch im Tschad unterwegs.
Es war nicht dein erstes Projekt in Afrika. 1988 hattet ihr euch als Familie von der Schweiz kommend im Norden Kameruns niedergelassen – notabene mit drei kleinen Kindern. Wie kam es dazu?
DB: Während einer mehrmonatigen Reise durch Nord- und Südamerika hatte ich zum Glauben gefunden und mein Interesse am Globalen Süden wurde geweckt. Zehn Jahre später, nachdem ich auf meinem Beruf als Automechaniker gearbeitet und Annekäthi geheiratet hatte, bewarben wir uns bei einem christlichen Schweizer Hilfswerk. Zu diesem Zweck hiess es nun, zuerst in Neuenburg ein Jahr Französisch zu lernen und danach ein Theologiestudium in der Westschweiz zu absolvieren. Denn unser Auftrag lautete, in Kamerun ein theologisches Institut zur Ausbildung einheimischer Pastoren aufzubauen. Im Januar 1988 war es so weit: Wir starteten als fünfköpfige Familie auf die grosse Reise nach Maroua im Norden Kameruns. Ab dem Sommer begannen wir mit den Vorbereitungen für das Institut im Dorf Godigong, und im Dezember wurde die erste Klasse mit vierzehn Studenten eröffnet.
War es schwierig, euch in diesem ländlichen Gebiet zu integrieren?
DB: Der Kontakt zu den Menschen war nicht schwer, denn das Leben findet im Freien statt. Drinnen ist man nur bei einem Regenguss oder in der Nacht, daher nennt man das Haus auf Fulani «Suudu», was ungefähr Bettdecke bedeutet. Natürlich blieb die Sprachbarriere eine Herausforderung. Obwohl wir in den ersten Monaten die Fulani-Sprache gelernt hatten, unterrichtete ich auf Französisch, da wir Studenten aus acht verschiedenen Volksgruppen hatten. Die Vielfalt der Sprachen und Kulturen in Kamerun sind einzigartig, es gibt rund 250 Sprachen – Französisch ist die nationale Kommunikationssprache, sie wird überall schon an der Grundschule unterrichtet.
Annekäthi Berger (AB): Neben der Sprache musste auch das Einkaufen auf dem Markt mit dem Verhandeln der Preise zuerst gelernt werden, das war eine Herausforderung.
Wie muss man sich euren Alltag vorstellen?
DB: In der Regel unterrichtete ich am Morgen und Nachmittag je zwei Lektionen am Institut. Dazwischen bereitete ich mich vor. Neben der Schule war ich auch für den Unterhalt der Wohngebäude der ausländischen Mitarbeitenden zuständig. Die ersten Jahre hatten wir keinen Anschluss ans Stromnetz, daher musste am Abend der Generator gestartet werden. Danach setzten wir draussen beim Brunnen die Pumpe in Gang, um die Zisterne zu füllen. Was das Wasser in dieser trockenen Gegend bedeutet, versteht man erst, wenn die Pumpe defekt ist. Dann musste man schnell handeln und reparieren.
AB: Ich konnte mir meine Zeit selbst einteilen, um genug Zeit für die Kinder, Einkäufe und die Vorbereitung der Kurse zu haben. Denn ich hatte die Aufgabe, am Nachmittag die Frauen der Studierenden in Handarbeiten wie Stricken, Häkeln, Nähen und anderem mehr zu unterrichten. Das bereitete mir besonders Freude.
Welche Umstände haben euch besonders beeindruckt oder geprägt?
DB: Die Jahre in Kamerun waren sehr intensiv und bereichernd. Weil die Regenzeit nur drei Monate dauert, arbeiten die Menschen in dieser Zeit hart, um die Felder zu bestellen. Wer diese Zeit verpasst, hat im folgenden Jahr nichts zu essen. Deshalb besitzt jede Familie in der Regel zwei Hirsespeicher, damit sie ein ganzes Jahr ohne Regen überleben kann. Wir schwitzten auch viel, besonders in den Monaten vor der Regenzeit. Von März bis Mai gab es in der Nacht keine richtige Abkühlung mehr. Wenn Meteo Schweiz von einer Tropennacht spricht, lachen wir… AB: Mich beeindruckte, wie streng es die Frauen hatten: beim Dorfbrunnen Wasser holen, Holz suchen, auf dem offenen Feuer das Essen kochen – und Kleider waschen wie bei uns vor hundert Jahren.
Und die Kinder? Wie erging es ihnen?
AB: Die Kinder genossen die Freiheit. Da fast immer schönes Wetter herrschte, verbrachten sie die meiste Zeit draussen. Sie hatten einen Hund, Katzen, Hasen und Hühner. Leider mussten die zwei Älteren, als sie in die Schule kamen, in ein Internat. Sie kamen nur alle vier Wochen für ein langes Wochenende nach Hause. Das war für uns alle sehr hart. Als das Internat dann schloss, hatten wir noch für zwei Jahre eine Lehrerin, welche die Kinder bei uns unterrichtete – was wir sehr genossen. Kurz vorher war unser jüngster Sohn in einem abgelegenen Spital zur Welt gekommen. Die Strasse dorthin war voller Schlaglöcher. Nach dieser Geburt in Afrika erholte ich mich erstaunlich schnell.
Gibt es ein spezielles Erlebnis, das ihr erzählen möchtet?
DB: Einmal wollten wir einen Freund, einen meiner ehemaligen Studenten, besuchen, der in einem Dorf weit weg von der geteerten Strasse lebte. Allein der Umstand, dass wir extra mit dem Auto gekommen waren, um einen der ihren zu besuchen, war für diese Menschen ausserordentlich. Unser Freund war noch nicht zu Hause, aber die Leute behandelten uns wie ihre Verwandten. Als er zurückkam, ging das Fest erst richtig los – die schönste Ziege im Dorf wurde geschlachtet. Wir waren sehr beschämt darüber, weil die Menschen ja nicht viel hatten. Ich teilte meine Empfindung mit meinem Freund. Dieser antwortete jedoch: «Euer Kommen ist für unser Dorf ein grosser Gewinn. Die Ziege ist das Beste, was wir geben können, es ist kein Verlust. Entspanne dich, so läuft das bei uns.» Wir können viel lernen von der afrikanischen Gastfreundschaft. Im Westen denken wir anders, der wahre Reichtum ist jedoch nicht dort, wo wir ihn erwarten oder suchen.
Aus welchen Gründen seid ihr 1995 in die Schweiz zurückgekehrt?
AB: Unsere älteste Tochter hatte die Primarschule abgeschlossen und wir hatten den Eindruck, dass es besser für unsere Kinder wäre, eine Ausbildung in der Schweiz zu absolvieren.
Wie habt ihr die Rückkehr erlebt?
AB: Die Integration in der Schweiz stellte sich als eher schwierig heraus. In Afrika war es sehr einfach, Nachbarn und Freunde zu treffen, da – wie schon erwähnt – alle draussen leben. Im Wohnblock in Uster, in dem wir nach der Rückkehr die ersten fünf Jahre wohnten, waren immer alle Türen zu. Das stresste unsere Kinder so sehr, dass sie in Erwägung zogen, bei allen Hausglocken zu läuten, um endlich die Nachbarn kennenzulernen. Durch unseren jüngsten Sohn hatte ich aber schnell Kontakt zur Nachbarschaft.
Afrika spielte aber in eurem Leben weiterhin eine Rolle.
DB: Ab dem Jahr 2000 begann ich von Frutigen aus, als Leiter einer Schweizer Organisation die erwähnten Korrespondenzkurse für das französischsprachige Afrika aufzubauen.
AB: Ich arbeitete in einem Altersheim in Frutigen auf meinem früher erlernten Beruf als Pflegefachfrau. Zwischendurch hatte ich die Möglichkeit, meinen Mann auf Reisen nach Afrika zu begleiten. Dadurch lernte ich die verschiedenen Mitarbeitenden kennen. Es war berührend und interessant, ihr grosses Engagement zu sehen. Dreimal waren wir auch zu Besuch in unserem ehemaligen Wohnort in Kamerun, einmal war eine Tochter dabei, ein anderes Mal die Söhne.
Später, als die Kinder ausgeflogen waren, folgte ein Engagement in Nordafrika. Welche Aufgabe hattet ihr dort?
DB: Die letzten Jahre vor der Pensionierung reduzierte ich mein Arbeitspensum auf siebzig Prozent, was uns ermöglichte, ab 2017 für drei Jahre eine Teilzeitaufgabe in Marokko zu übernehmen. Dort betreuten und unterstützten wir jeweils im Frühjahr während drei Monaten schwarzafrikanische Studenten im Rahmen der protestantischen Kirche Marokkos. Viele waren zum ersten Mal in einem fremden Land, weg von ihrer Familie. Die Kirche war für sie eine Art Ersatzfamilie und wir walteten als ihre Ersatzgrosseltern. Das war eine geniale Vorbereitung für den Ruhestand, wie ich im Nachhinein bemerkte. Nach meiner Pensionierung machte ich mit meinem Nachfolger noch einmal einen Besuch in Togo, wo wir alle ehemaligen Mitarbeitenden aus West- und Zentralafrika trafen, um Abschied zu nehmen. Mit einigen war ich über zwanzig Jahre unterwegs gewesen…
Und heute? Habt ihr immer noch Projekte in Afrika?
DB: Dank der vielen Kontakte in Afrika und der Schweiz organisiere ich ab und zu einen Transport nach Afrika. Damit verschicke ich Literatur und Bibeln für die Studierenden. Die letzte Reise in den Kongo machte ich im März 2020, gerade vor dem Lockdown.
Von dort war die Anfrage gekommen, ob wir beim Aufbau eines Landwirtschaft-Lehrbetriebs helfen könnten. Zur Förderung dieses Projekts haben wir den Verein «Impuls-Afrika» gegründet. Wir sind in den Vorbereitungen zur Umsetzung dieses Programms. Es ist wichtig, den jungen Leuten aufzuzeigen, wie fruchtbar ihr eigenes Land ist. Der Kongo könnte den ganzen afrikanischen Kontinent ernähren.
Warum tut ihr all das für die Menschen Afrikas – auch noch im Ruhestand? Was treibt euch an?
DB: Für uns war es nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung, unsere Kraft in Afrika zu investieren. Wir haben weiterhin Kontakt mit den ehemaligen Studenten und sehen mit Freude, was sie aus ihrem Leben gemacht haben. Die Saat ist aufgegangen – das macht uns glücklich.
AB: Ich bin überzeugt, dass uns Gott in diese Aufgabe geführt hat. Wir schauen dankbar auf diese Zeit zurück, auf all die wertvollen Menschen, mit denen wir ein Stück Weg gehen durften.
IMPULS-AFRIKA: CHRISTLICHES JUGENDHILFSPROGRAMM IN KONGO-KINSHASA
Die Demokratische Republik Kongo ist mit zahlreichen politischen Problemen und grosser Armut konfrontiert. Zahlreiche Familien leben mit weniger als einem US-Dollar pro Tag. Dank des landwirtschaftlichen Projekts in Kikwit erlernen junge, arbeitslose Einheimische die Grundlagen der Landwirtschaft mit manueller Feldarbeit, den Umgang mit Kleintieren und eignen sich weitere praktische Fähigkeiten an. Das Programm versteht sich als Hilfe zur Selbsthilfe. www.impuls-afrika.ch
ZU DEN PERSONEN:
Annekäthi Berger-von Siebenthal, geboren 1955, stammt aus dem Turbach und ist in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Sie ist gelernte Krankenpflegerin FASRK. Daniel Berger kam 1956 in Bülach ZH zur Welt und verbrachte seine Kindheit im Zürcher Unter land. Auf seine Lehre als Automechaniker folgte ein Theologiestudium in der Westschweiz. Die beiden sind seit 1981 verheiratet und haben vier erwachsene Kinder. Sie wohnen in Frutigen.







