Vier gerissene Lämmer: War es ein Luchs?
02.12.2024 GstaadAm Wasserngrat wurden Ende Oktober vier Lämmer offenbar von einem Luchs gerissen. Ungewöhnlich ist, dass der Luchs gleich vier Tiere auf einmal reisst und sie dann liegen lässt. Das wirft Fragen bei den Betroffenen Schafhaltern auf.
Kerem S. Maurer
«Am 28. Oktober wurden am Wasserngrat vier unserer Lämmer gerissen», berichtet Pascal Brand auf Anfrage. Wer hat die jungen Nutztiere gerissen? Dazu das Jagdinspektorat des Kantons Bern: «Aufgrund des Rissbildes ist eindeutig davon auszugehen, dass die Tiere von einem Luchs getötet wurden.» Risse durch Luchse an Nutztieren kämen zwar vor, seien aber eher selten. Und weil der Luchs bei seiner Beutewahl «eher konservativ ist», sei die Anzahl an Luchsrissen im Verhältnis zu der Verfügbarkeit an Nutztieren grundsätzlich gering, so das Jagdinspektorat, und: «Bei der Analyse der letzten zehn Jahre erkennen wir bei Schaf- und Ziegenrissen durch Luchse einen rückläufigen Trend.» Zahlen dazu gab das Jagdinspektorat allerdings keine heraus.
Wildhut lehnt DNA-Analyse ab
Um sicher zu gehen, was für ein Tier die Lämmer gerissen hatte, verlangte Pascals Vater Philipp Brand vom Wildhüter, der an den Ort des Geschehens gerufen wurde, eine DNA-Analyse. Doch dieser habe, obschon er Abstriche von den getöteten Tiere genommen habe, abgelehnt. Warum? Ein Wildhüter erkenne anhand des Rissbildes, ob es sich beim Prädator um ein Grossraubtier handle und auch, ob es ein Luchs oder ein Wolf war, schreibt das Jagdinspektorat. «DNA-Proben werden dann eingeschickt, wenn der Wildhüter aufgrund untypischer Rissbilder unsicher ist, und zur Bestimmung des Individuums. Letzteres üblicherweise im Zusammenhang mit dem Wolfsmanagement.» Doch Pascal Brand war skeptisch. «Wir wollten auf Nummer sichergehen und haben deshalb selbst eine DNA-Analyse veranlasst», sagt er und verweist auf einen Verein, der in einem solchen Fall den Landwirten helfe und die Kosten für die Analyse übernehme. «Es könnte ja sein, dass der Wildhüter keine DNA-Analyse machen liess, um den Wolf zu schützen», mutmasst Pascal Brand und nennt einen ihm bekannten Fall, bei dem es zuerst geheissen habe, es sei ein Luchs gewesen und sich später – aufgrund eines selbst veranlassten DNA-Tests – herausstellte, dass es doch ein Wolf gewesen sei. «Allerdings akzeptiert das Jagdinspektorat keine selbst in Auftrag gegebene DNA-Analysen», sagt Philipp Brand. Das Jagdinspektorat wehrt sich gegen solche Vorwürfe. «Das Jagdinspektorat und seine Mitarbeiter haben den Auftrag, Informationen über Grossraubtiere zu sammeln und transparent zu informieren», schreibt es und weist darauf hin, dass der Wildhüter, der im vorliegenden Fall am Wasserngrat das Rissbild begutachtet habe, «gut ausgebildet und sehr erfahren» sei.
Luchsrisse werden immer entschädigt
«Wird als Verursacher einer Reisssituation ein Grossraubtier erkannt, werden die Besitzer der Nutztiere entschädigt – es sei denn, es handelt sich um unzureichend geschützte Nutztiere, die vom Wolf in den Tal- und Hügelzonen sowie in den Bergzonen I und II gerissen werden», erklärt das Jagdinspektorat und betont, dass dagegen Risse von Luchsen in jedem Fall entschädigt würden. Doch Pascal Brand geht es nicht ums Geld. «Wenn wir wissen, wer die Lämmer gerissen hat, können wir entsprechend darauf reagieren», sagt er und meint damit explizit nicht, dass Grossraubtiere einfach abgeschossen werden sollen. «Wenn wir mit den Grossraubtieren leben wollen, müssen wir wissen, wann und mit wem wir es wo zu tun haben.»
Warnmeldungen bei Luchssichtungen ergeben keinen Sinn
In einem Leserbrief, der den vorliegenden Fall thematisierte, wurde die Frage aufgeworfen, warum es keine Warnung per Whatsapp gebe, wie dies bei Wolfsichtungen in der Region üblich sei. Diese Frage stellten wir der Stiftung KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement. Dort hiess es, dass eine solche Warnmeldung dann am ehesten Sinn ergebe, wenn Wölfe nicht dauerhaft im Gebiet leben. Im Kanton Bern gibt es bis heute keine Wolfsrudel, jedoch Einzelwölfe. Beim Luchs sei die Situation ganz anders. Der sei mittlerweile in der Region Simmental-Saanenland heimisch geworden. Die bewegten sich hier überall, was Meldungen über Sichtungen nicht mehr sinnvoll mache. Philipp Brand versteht, dass per Whatsapp-Warnung nicht über Luchssichtungen informiert werde, aber: «Bei einem zeitgleichen Riss von vier Schafen ist es unverständlich, wenn die anderen Nutztierhalter nicht gewarnt werden.»
Im Zusammenhang mit der Recherche zu diesem Artikel haben wir noch weitere Fragen an das Jagdinspektorat gerichtet, um zu eruieren, welche Vorkehrungen der Kanton aufgrund dieser Geschehnisse plant. Wir werden in einer späteren Ausgabe darüber berichten.

