Maternité Alpine zieht ins Spital – geplante Geburten werden pausiert
03.02.2026 GesundheitswesenAn der ausserordentlichen Generalversammlung der Genossenschaft Geburtshaus Simmental-Saanenland haben die Mitglieder dem Umzug der Maternité Alpine ins Spital Zweisimmen zugestimmt. Gleichzeitig wurde bekannt, dass geplante Geburten dort vorerst nicht mehr angeboten werden. Der ...
An der ausserordentlichen Generalversammlung der Genossenschaft Geburtshaus Simmental-Saanenland haben die Mitglieder dem Umzug der Maternité Alpine ins Spital Zweisimmen zugestimmt. Gleichzeitig wurde bekannt, dass geplante Geburten dort vorerst nicht mehr angeboten werden. Der Entscheid fiel nicht leicht – und ist das Resultat eines langen Ringens um Sicherheit, Qualität und finanzielle Tragbarkeit.
SONJA WOLF
Warum musste eine ausserordentliche GV einberufen werden?
Als Präsidentin Anne Speiser die ausserordentliche Generalversammlung eröffnete, machte sie klar, dass es um mehr ging als um einen neuen Standort. «Es ist eine komplexe und auch emotionale Angelegenheit», sagte sie.
Zwar hatte die Verwaltung den Mietvertrag mit der Spital STS AG bereits im November 2025 unterzeichnet, dies jedoch ausdrücklich unter Vorbehalt der Zustimmung der Genossenschaft. Gemäss den Statuten lag das letzte Wort bei den Mitgliedern.
Entscheidend war jedoch, dass sich mit dem Umzug auch das Angebot der Maternité Alpine verändert: Ab dem 1. Juli 2026 werden vorerst keine geplanten Geburten mehr angeboten. Dieser Schritt machte es aus Sicht der Verwaltung zwingend, die Genossenschafterinnen und Genossenschafter in die Entscheidung einzubeziehen.
Die Generalversammlung folgte dem Antrag der Verwaltung deutlich. Der Umzug ins Spital Zweisimmen sowie die Kündigung des bisherigen Mietvertrags wurden bei vier Enthaltungen gutgeheissen.
Warum werden keine geplanten Geburten mehr angeboten?
Ein entscheidender Faktor ist die Einstellung des Operationsbetriebs und der Wegfall der Anästhesie im Spital Zweisimmen per Oktober 2025. Ohne einen OP-Saal in unmittelbarer Nähe, in dem rasch chirurgisch interveniert werden könnte – etwa bei einem Not-Kaiserschnitt –, verändern sich die Sicherheitsvoraussetzungen für eine dezentrale Geburtshilfe grundlegend.
Geburten unter diesen Bedingungen stellen sehr hohe Anforderungen an die praktische Erfahrung, Verfügbarkeit und Kontinuität des Hebammenteams. Gleichzeitig haben sich die personellen Rahmenbedingungen seit der Gründung des Geburtshauses verändert. Das Team ist heute jünger, Wechsel sind häufiger – etwa durch eigene Familiengründungen. Die für dieses anspruchsvolle Umfeld nötige personelle Stabilität rund um die Uhr dauerhaft zu gewährleisten, sei deshalb zunehmend schwierig.
«Es ist ein Ringen um eine Grundsatzfrage, wie wir das Angebot weiterführen können – in einem sicheren Bereich für uns alle», erklärte Susanne Reber, Co-Betriebsleiterin und Hebamme.
Gleichzeitig betonte sie, dass es sich um eine bewusste «Pausierung» der geplanten Geburten handelt: «Dieses Wort ist bewusst gewählt, weil wir uns offenhalten, die Geburtsbetreuung in Zukunft wieder aufzunehmen.»
Warum finden Geburten bis zum Umzug noch statt?
Trotz fehlender Chirurgie im Spital Zweisimmen werden geplante Geburten bis zum Sommer 2026 weiterhin begleitet. «Wir sind gut aufgestellt, die Geburten bis dahin zu betreuen», sagte die Co-Betriebsleiterin Reber.
Entscheidend sei die Verlässlichkeit gegenüber den Frauen, die bereits angemeldet sind. «Alle Frauen, die bei uns zur Geburt angemeldet sind, können ihre Geburt bei uns durchführen.» Ab Juli 2026 würden hingegen keine neuen Geburtsanmeldungen mehr angenommen.
Die Pausierung stehe deshalb nicht im Zusammenhang mit dem neuen Standort, sondern mit den internen Ressourcen und den seit Oktober 2025 erschwerten Rahmenbedingungen für eine sichere, geplante Geburtshilfe.
Was sind die Gründe für den Umzug ins Spital Zweisimmen?
Die finanzielle Situation der Maternité Alpine ist seit der Betriebsaufnahme angespannt. Jährliche Defizite konnten bisher nur dank Spenden, Förderbeiträgen und Unterstützung der Gemeinden ausgeglichen werden. Der Umzug ins Spital Zweisimmen ist deshalb ein zentraler Schritt, um die Fixkosten dauerhaft zu senken und den Betrieb langfristig zu sichern. «Langfristig brauchen wir eine andere Lösung», sagte Vizepräsident Martin Hefti an der GV. Der Umzug ermögliche Einsparungen bei Miete, Infrastruktur und Personal, ohne das Grundangebot für Frauen und Familien aufzugeben (zu den einzelnen Posten siehe Kasten).
Gleichzeitig verbessert die räumliche Integration im Spital Zweisimmen die Anbindung an die Notfalllogistik. Bei medizinisch notwendigen Verlegungen – etwa bei ungeplanten Geburten oder zur weiteren Abklärung von Mutter oder Neugeborenem – sind die Wege zur Ambulanz oder zum Helikopterlandeplatz deutlich kürzer.
Was bedeutet der Umzug für die Genossenschaft?
Trotz der räumlichen Integration bleibt die Maternité Alpine eine eigenständige Genossenschaft. «Es geht nicht um eine Übernahme durch die STS AG», betonte Präsidentin Anne Speiser. «Unsere Unabhängigkeit war ein zentraler Punkt in den Verhandlungen.» Gespräche über eine räumliche Integration habe es bereits seit Jahren gegeben, realisierbar geworden sei sie jedoch erst unter den veränderten Rahmenbedingungen am Spitalstandort Zweisimmen.
Was wird sich am Geburtshaus ändern?
«Bis auf die geplanten Geburten bleibt das gesamte Angebot rund um die Geburt bestehen», sagte Reber im Gespräch mit dieser Zeitung nach der GV.
Dazu gehören insbesondere die stationäre Wochenbettbetreuung, eine ambulante Vor- und Nachsorge, Geburtsvorbereitungskurse, eine 24-Stunden-Anlaufstelle für geburtshilfliche Fragen oder die Unterstützung in Notfallsituationen.
Das Geburtshaus wird im ersten Stock des Spitals Zweisimmen, direkt neben dem Notfall, untergebracht. Vorgesehen sind zwei grosse Familienzimmer, ein Schwangerschaftszimmer sowie ein Gebärzimmer für ungeplante Geburten. Auch das Maternité-Ambiente soll erhalten bleiben. «Wir werden die Räume schön gestalten», sagte Reber im Gespräch nach der GV. Entscheidend sei jedoch nicht nur die Atmosphäre: «Der wichtigste Faktor ist die Betreuung – und die bleibt gleich. Im Wochenbett können wir weiterhin individuell auf Mutter und Kind eingehen.»
Der Umzug soll möglichst rasch erfolgen, in ein bis zwei Tagen, so dass es zu keiner Unterbrechung des Angebots kommen wird.
Wird die Maternité künftig schwarze Zahlen schreiben?
Nein – aber das Defizit soll deutlich kleiner werden. Vizepräsident Martin Hefti präsentierte ein provisorisches Budget: Für das Übergangsjahr 2026 wird aufgrund von Umzugs- und Rückbaukosten noch ein Verlust von rund 280’000 Franken erwartet. Ab 2027 soll sich das jährliche Betriebsdefizit auf etwa 25’100 Franken reduzieren.
«Wir werden auch künftig auf Spenden angewiesen sein, da das Angebot nicht vollständig kostendeckend betrieben werden kann», sagte Hefti. «Aber wir bewegen uns in einem Bereich, der langfristig tragbar ist.»
FINANZIELLE EFFEKTE DES UMZUGS
– Wegfall des eigenen Hauswirtschaftsdienstes: Reinigung, Wäsche und Verpflegung werden künftig direkt über die Spital STS AG bezogen. Dadurch entfallen Löhne und Infrastrukturkosten für einen eigenen Hauswirtschaftsbetrieb.
– Reduktion von Hebammen-Pikettdiensten: Durch die Pausierung geplanter Geburten müssen nicht mehr rund um die Uhr zwei Hebammen gleichzeitig für Geburten bereitstehen.
– Wegfall des ärztlichen Hintergrunddienstes: Da im Spital Zweisimmen keine Anästhesie und kein Operationsbetrieb mehr vorhanden sind, kann im Notfall nicht mehr direkt chirurgisch interveniert werden. Der bisherige fachärztliche Hintergrunddienst entfällt damit als sicherheitsrelevante Struktur. (Ein grosser Dank ging an dieser Stelle an Dr. Nadine Kleinebekel, die der Genossenschaft all die Jahre zur Verfügung stand.)
– Tiefere Miet- und Nebenkosten: Die neuen Räumlichkeiten im Spital Zweisimmen sind deutlich günstiger als der bisherige Standort an der Eggetlistrasse und beinhalten zusätzliche Dienstleistungen.
– Weniger kostenintensive Verlegungen: Durch die direkte Anbindung an Notfall, Rettungsdienst und Helikopterlandeplatz entfallen Transporte vom bisherigen Standort ins Spitalareal.
– Zusätzliche Entlastung durch Beitrag der Spital STS AG an die Miete: Die Spital STS AG beteiligt sich aus kantonalen Mitteln für integrierte Versorgung an den Mietkosten der Maternité Alpine.
SWO




