Mehr KI, mehr Mensch!
06.11.2026 SaanenHand aufs Herz: Wer verbringt seine Arbeitszeit schon gerne damit, endlose Excel-Tabellen auszufüllen, Rechnungen zu erstellen oder immer wieder dieselben administrativen Arbeiten zu erledigen? Künstliche Intelligenz (KI) nimmt uns bereits heute einen Grossteil dieser Routinearbeiten ...
Hand aufs Herz: Wer verbringt seine Arbeitszeit schon gerne damit, endlose Excel-Tabellen auszufüllen, Rechnungen zu erstellen oder immer wieder dieselben administrativen Arbeiten zu erledigen? Künstliche Intelligenz (KI) nimmt uns bereits heute einen Grossteil dieser Routinearbeiten ab. Und in Zukunft dürften es noch viel mehr werden. Was machen wir mit der gewonnenen Zeit?
Mit dieser Frage haben wir uns kürzlich an der Kaderklausur von Gstaad Saanenland Tourismus (GST) auseinandergesetzt. KI ist längst in unserem Arbeitsalltag angekommen. Wir nutzen sie für Recherchen, Textarbeiten, Übersetzungen, Sitzungsprotokolle und die Aufbereitung touristischer Informationen. Auch unser digitaler Gästeassistent, der Chatbot Sarina auf unserer Website, basiert auf KI. Wir haben uns gezielt Kompetenzen angeeignet, um neue Technologien dort einzusetzen, wo sie uns einen Mehrwert bringen. Doch das dürfte erst der Anfang einer rasanten Entwicklung sein. Wie wird unsere Arbeit in zwei, fünf oder zehn Jahren aussehen?
Ich bin überzeugt, dass KI unsere Arbeitswelt grundlegend verändern wird. Und ja, möglicherweise werden dadurch auch administrative Arbeitsplätze wegfallen. Das sollten wir nicht schönreden. Gleichzeitig sehe ich darin eine grosse Chance: Wir können Ressourcen in andere Bereiche verlagern. Statt Routinearbeiten zu erledigen, könnten Mitarbeitende neue Angebote entwickeln, kreative Ideen vorantreiben oder gemeinsam mit unseren Partnern Lösungen erarbeiten. Unsere Arbeit könnte dadurch spannender und gehaltvoller werden. Wenn wir beispielsweise weniger Mittel für die Administration benötigen, könnten wir diese in neue touristische Infrastrukturen investieren. Mir selbst bliebe mehr Zeit für die Begleitung von Projekten oder den Austausch mit unseren Partnern. Für Aufgaben also, bei denen es den Menschen braucht.
Was keine KI ersetzen kann
Wie wichtig dieser persönliche Austausch ist, wurde mir kürzlich an unserer Präsidentenkonferenz Plus bewusst. Erstmals waren nebst den Präsidentinnen und Präsidenten unserer Dorforganisationen auch die übrigen Vorstandsmitglieder eingeladen. Wir wollten ihnen für ihr grosses ehrenamtliches Engagement danken und Gelegenheit bieten, sich untereinander und mit uns auszutauschen.
In einer kurzen Umfrage wollten wir wissen, was es braucht, damit die Zusammenarbeit zwischen den Dorforganisationen und GST noch besser funktioniert. Die Antworten waren bemerkenswert einheitlich: regelmässiger Austausch, direkte Kommunikation, miteinander reden und einander zuhören. Mehrfach wurde gewünscht, solche Abende zu wiederholen. Auch die Themen, welche die Dorforganisationen beschäftigen, sprechen für sich: fehlender Wohnraum, die Gestaltung von Spielplätzen und Dorfplätzen oder die Organisation von Anlässen. KI kann uns bei der Suche nach Lösungen unterstützen. Sie kann aber weder unterschiedliche Interessen zusammenführen noch Vertrauen und gegenseitiges Verständnis schaffen. Dafür braucht es persönliche Begegnungen.
Das gilt ebenso für unsere Gäste. Im Destination Center kann KI beispielsweise bei der Beantwortung einfacher Fragen unterstützen. Umso mehr Zeit bleibt unseren Mitarbeitenden für eine persönliche Beratung am Schalter, individuelle Empfehlungen und jene kleinen Aufmerksamkeiten, die einen Aufenthalt besonders machen. Schliesslich sind und bleiben wir eine Dienstleistungsbranche. Gute Gastfreundschaft entsteht im direkten Kontakt mit Menschen. Und wer sich bei uns gut aufgehoben fühlt, kommt vielleicht nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Die Zukunft nicht einfach dem Zufall überlassen
Die Frage ist also nicht nur, welche Aufgaben uns KI künftig abnehmen kann. Entscheidend ist, wie wir die dadurch entstehenden Freiräume nutzen. Wollen wir einfach Kosten sparen? Oder nutzen wir die Chance, unsere Betriebe und unsere Destination weiterzuentwickeln?
Ich möchte deshalb auch unsere Leistungspartner ermutigen, sich mit ihren Teams bewusst Zeit für diese Fragen zu nehmen. Wo könnte KI sie entlasten? Welche Arbeiten könnten in ihrem Betrieb automatisiert werden? Und wo könnten sie die gewonnenen Ressourcen sinnvoller einsetzen? Wer sich heute mit diesen Fragen auseinandersetzt, kann die Entwicklung mitgestalten, statt ihr hinterherzulaufen.
Für mich steht fest: KI soll uns nicht einfach helfen, dieselbe Arbeit schneller zu erledigen. Sie soll uns ermöglichen, uns stärker auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt. Auf neue Ideen, die Weiterentwicklung unserer Ferienregion und vor allem auf die Menschen. Denn Gastfreundschaft, Vertrauen und persönliches Engagement lassen sich nicht automatisieren.
FLURIN RIEDI
TOURISMUSDIREKTOR
flurin.riedi@gstaad.ch

