Mein Morgen in den Salzminen
22.08.2023 KulturDie Essenz der Vergänglichkeit einfangen: Eine Rezension von Olympia Scarrys Ausstellung «Sound Travels Faster Under Water» in der Tarmak22 Galerie am Flughafen Gstaad.
Beim Betreten des ehrwürdigen Raums der Tarmak22 Galerie in Gstaad treten die Besuchenden in die Weichheit der grossen Menge Salz, welche auf dem ganzen Galerieboden verteilt ist. Sie werden in eine Welt transportiert, in der die Kunst mit dem Gewebe der Existenz verwoben ist. Olympia Scarrys Ausstellung – passenderweise «Sound Travels Faster Under Water» genannt – ist ein Zeugnis für die Fähigkeit der Künstlerin, die flüchtige Natur des Lebens und der Emotionen durch eine aussergewöhnliche Vielfalt an Medien einzufangen.
Die ausgestellten Kunstwerke sind ebenso vielfältig wie berührend. Sorgfältig skulptierte Achat- und Onyxstücke, welche die Essenz eines Wassertropfens in kristalliner Form einfangen, erwecken die Empfindung von Zeit, die in einem geologischen Meisterwerk stillsteht. Versteinerte Wellen, die in der Zeit eingefroren sind, erinnern uns an die Ewigkeit des Rhythmus der Natur, an einen Tanz zwischen Elementen, die seit Jahrtausenden Bestand haben.
Ein besonders faszinierender Aspekt der Ausstellung ist die zarte Verbindung von Seide und Erde, manifestiert als skelettartige Überreste flüssiger Bewegungen. Diese Überreste, markiert mit seismografischen Abdrücken in Bleistift, erzählen Geschichten von der Wechselwirkung der Erde mit dem Wasser und verweisen zugleich auf die Spuren von Erinnerungen, die unsere eigene Existenz hinterlassen hat. Scarrys Erforschung der Wechselwirkung von Klang mit rohem Stahl ist schlichtweg fesselnd. Der Versuch, flüchtige Erfahrungen auf feste Oberflächen zu bannen, erinnern an den Kampf, flüchtige Momente im Griff der Zeit einzufangen. Diese Kunstwerke – bestimmt, sich mit der Zeit und den Elementen zu verändern – spiegeln die vergängliche Natur von Erinnerung und Erfahrung wider.
Das zarte Zusammenspiel von Licht und Gestein, dargestellt durch Glas und Graphit, bietet eine visuelle Symphonie von Spannung und Entspannung. Fraktale von weissem Rauschen treten hervor, enthüllen die Spannung, die aus tektonischen Bewegungen entsteht und erschaffen eine faszinierende Choreografie von Erosion und Wachstum.
Meiner bescheidenen Meinung nach Höhepunkt der Ausstellung: die verstreuten 26 Tonnen feinen Salzes, das aus der Saline in Bex stammt. Dieses Salz – ein Zeugnis für die Äonen, die unseren Planeten geformt haben – lädt die Betrachter ein, einen Halt zu suchen. Während das Salz den Schall im Raum absorbiert, können sich Besuchende fokussieren und über die unermessliche Zeitspanne nachdenken.
Eine ergreifende Hommage an die kosmischen Ursprünge der Existenz findet sich in Scarrys Interpretation des Mikrowellenhimmels. Die Reflexion des ewigen elektromagnetischen Spektrums auf sich wandelnde Gezeiten und zarte Formen fängt die Essenz kosmischer Evolution ein und markiert den Übergang von der Morgendämmerung des Universums bis zur Gegenwart.
«Sound Travels Faster Under Water» ist (wörtlich) eine immersive Reise, die zur Selbstbetrachtung anregt. Und es ist klar, dass Scarrys Faszination für Materialität und ihre rätselhaften Metamorphosen diese Sammlung antreibt. Ihre Kunst, ein Zeugnis für das Wechselspiel von Gedanken, Substanz und dem Unfassbaren, wirft ein Licht auf die zwiespältige Natur von Macht, Verfall und dem Vergehen der Zeit. Von Achat bis Salz, von Seide bis Stahl, enthüllt jedes Medium sein eigenes Kapitel in der grossen Erzählung der Existenz. Für mich, vielleicht leicht inspiriert vom Menuhin-Fieber, fühlt es sich nicht wie irgendeine Ausstellung an; es ist eine multisensorische Symphonie, die lange nach dem Verklingen der letzten Schritte nachhallt.
ÜBERSETZT AUS DEM ENGLISCHEN: JEANNETTE WICHMANN/GSTAAD LIFE
«Sound Travels Faster Under Water» ist bis zum 10. September 2023 geöffnet. Mehr Informationen gibt es unter tarmak22.com



