Eine aufwühlende Darbietung, die zum Nachdenken anregt

  07.08.2023

Wer am Samstagabend im Festivalzelt sass und ein reguläres Klassikkonzert erwartete, wurde enttäuscht – oder vielmehr überrascht. Patricia Kopatchinskaja kuratierte einen Konzertabend, der aufwühlte, betroffen machte und zum Nachdenken anregte. In der anschliessenden Podiumsdiskussion offenbarte sie, dass sie die Herzen des Publikums erreichen wollte, «denn dort sind wir am verwundbarsten». Ein Versuch, ein beispielloses Erlebnis zu rekonstruieren, welches die Sinne berührte.

BERICHT: JOCELYNE PAGE/

VISUALISIERUNGEN: AVS/LIV STAUB


RIECHEN

Es riecht nach Parfüm, gebügelten Hemden und Neugier. Ja, die Spannung lag in der Luft auf die erste einer dreiteiligen Konzertreihe «Music for the Planet» des Gstaad Menuhin Festivals. Laut Programmheft erwartete das Publikum ein von Patricia Kopatchinskaja kuratierter Abend zum Thema «Abschied – les Adieux»: Die Geigerin wolle auf die Gefährdung unseres Planeten aufmerksam machen. Es sollen Botschaften zum Zustand der Natur, der Menschheit und der Gesellschaft vermittelt werden.


SEHEN
… direkt auf der Konzertbühne auszuziehen – ein Markenzeichen der berühmten Geigerin. Alle Augen richteten sich auf die Bühne, denn die Spannung auf den Abend wurde durch die unerwartete Nachricht noch gesteigert: Die Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla konnte aufgrund eines medizinischen Notfalls nicht anwesend sein – Kopatchinskaja übernahm die Gesamtleitung. Und sie tat es: In der einen Minute spielte sie mit starken Emotionen Geige, in der anderen dirigierte sie das Orchester – mit ihrem Geigenbogen anstelle eines Dirigentenstabs. Und manchmal musste sie beides gleichzeitig tun, weshalb sie ihre Körpersprache nutzte, indem sie von einer gebückten, langsam auf und ab wippenden Position hin zu einer aufrechten Haltung mit schnellen Gesten wechselte, um einen Tempowechsel anzukündigen. Das Orchester stand unter einem grossen, etwas schmutzig wirkenden weissen Laken. Nach einiger Zeit erschienen auf der Oberfläche Landschaftsbilder – die Bilder zeigten die unberührte Natur mit Flüssen und Wäldern. Die Projektionen wechselten ständig und unregelmässig. So schien es, als würden die Bilder mit Wasser weggespült, um neue zu offenbaren. Oder sollten sie von der Bildfläche verschwinden, so wie der Klimawandel die Gletscher davonschmelzen lässt? Es erschienen auch Vögel, die als Schatten auf dem Laken herumflogen. Laute Schüsse fielen – die Tiere stürzten tot in die Tiefe. Bei einer weiteren Projektion liefen vermummte Menschen von links nach rechts, gefolgt von schwebenden Tieren und auch Fantasiewesen. Es habe einen Trauermarsch vermitteln sollen, erklärte Kopatchinskaja bei der Podiumsdiskussion im Anschluss an das Konzert, die sich dem Thema «Was können Kulturschaffende im Kontext des Klimawandels bewirken?» widmete (siehe Kasten). Ein Trauermarsch für Tiere, die vom Aussterben bedroht seien, und Fabelwesen, die für ausgestorbene Fantasien stehen würden. Zudem standen links und rechts auf der Bühne Bildschirme. Lange Zeit blieben sie unbeachtet, bis sie zum Einsatz kamen. Unerwartet blitzten auf den Bildschirmen fürchterliche Szenen auf – Überschwemmungen, Stürme, Klimaflüchtlinge auf Gummibooten. Die Aufnahmen wurden durch graues Flackern gestört, die wiederum die muntere Darbietung der Musikerinnen und Musiker auf der Bühne störten. Die Künstler:innen liessen sich nicht beirren und setzten ihr Musikspiel fort.


SCHMECKEN
Was schmeckt man, wenn man in einem Konzertsaal sitzt? Schwierige Frage. Bei manchen hallte wohl noch der letzte Tropfen feinen Champagners oder Weins von der Festivalbar nach. Manche liessen einen letzten Schluck Wasser den Gaumen hinunterfliessen, um sich danach auf die Musikerinnen und Musiker zu konzentrieren, die pünktlich um 19.30 Uhr zwischen den Gängen auf die Bühne liefen – alle in schwarzen Kleidern, Patricia Kopatchinskaja zudem mit leichten Slippern, um sie…


TASTEN
Spannung wurde zur Anspannung. Was folgt wohl als Nächstes? Zuschauende rollten ihre Programmhefte. Andere falteten ihr ausgedrucktes Ticket zu immer kleineren Rechtecken. Die Hände spürten, dass ein unausweichliches Ende naht.


AUGEN UND OHREN SIND OFFEN
Es wurde düsterer, eine traurige Note mischte sich bei. Man bemerkte: Das Konzert neigt sich dem Ende zu. Die Töne verblassten, es wurde leiser. Das Laken fiel von der Decke auf das Orchester und drückte es dabei metaphorisch hinunter. Plötzlich erklang aus der linken hinteren Ecke ein lauter Klang. Es ähnelte einem Walgesang. Es offenbarte sich Abraham Cupeiro mit einem grossen, eigenartigen Instrument – dem Karnyx (siehe Kasten): Vom Mundstück aus ging ein rund zwei Meter langer Stiel nach oben, am Ende befand sich ein fischkopfähnlicher Schallbecher. Der Blasmusiker schritt langsam durch die Gänge, lief auf die Bühne, atmete nur noch durch das Mundstück – bis zum letzten Atemzug, als er sich zum Orchester legt. Wohl der letzte Atemzug, bevor auch sein Tier verstarb.


HÖREN
Das Musikspiel – Klänge, Melodien, Geräusche. Das Publikum bekam Beethovens «Pastorale» zu hören, verwoben mit Sätzen aus Schostakowitschs erstem Violinkonzert, Robert Schumanns Violinkonzert sowie seinen «Geistervariationen». Von Klängen, die eine heile Welt erschufen und den Zuhörenden ein unbeschwertes, wohltuendes Gefühl vermittelten, wurden die hellen und klaren Töne mehr und mehr von düsteren Misstönen gestört. Hinzu kamen die Störungen durch die lauten Szenen auf den Bildschirmen, die das Konzertspiel zwar nicht unterbrachen, die Melodien aber auch nicht mehr zuliessen – sie wurden übertönt. Unruhe zeigte sich an verschiedenen Stellen im Publikum – aus Überraschung, oder gar Empörung? Die träumerische Musik aus dem Orchester in Kombination mit Aussagen der Nachrichtensprecher:innen, die über Naturkatastrophen berichteten, verbreitete ein unbequemes Gefühl. Ein Gefühl aus Unwohlsein. Die Melodien des aufwühlenden Solos von Kopatchinskaja unterstrichen die Emotionen.


DAS INSTRUMENT, WELCHES ÜBERRASCHTE

Das besondere Instrument trägt den Namen Karnyx und wurde von Abraham Cupeiro gebaut, der auch das Instrument spielte. Der Musiker und Multi-Instrumentalist Abraham Cupeiro bildete dieses Instrument laut Kopatchinskaja aufgrund einer Abbildung auf einer römischen Münze nach. In Tintignac, ein Weiler in der Nähe von Naves in der Region Corrèze in Frankreich, fand man viele archäologische Überreste von gallischen und gallorömischen Artefakten. Darunter war auch ein Karnyx. Das Erstaunliche: Die Nachbildung von Cupeiro unterschied sich um lediglich drei Zentimeter vom Original. So ist das Karnyx ein Blasinstrument der eisenzeitlichen Kelten, welches von etwa 300 v. Chr. bis 200 n. Chr. in Gebrauch war. «Ein Freund hat mich auf Cupeiro und sein Instrument hingewiesen, denn mir fehlte noch ein passender Schluss. Es passte, weil es sich auch um ein ausgestorbenes Instrument handelt», erklärte Kopatchinskaja während der Podiumsdiskussion.


PODIUMSDISKUSSION: AUCH KULTURSCHAFFENDE TRAGEN EINE   VERANTWORTUNG

Im Anschluss an das Konzert fand auf der Bühne eine Podiumsdiskussion statt zum Thema «Was können Kulturschaffende im Kontext des Klimawandels bewirken?» . Unter der Moderation von Musikjournalist Moritz Weber (Radio SRF 2 Kultur) diskutierten die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, Nachhaltigkeitsaktivistin und UNO-Klimabotschafterin für Kinder und Jugendliche Marie Claire Graf und Glaziologe Felix Keller. Auf die vorangegangene Frage, welchen Spielraum Kulturschaffende in Bezug auf den Klimawandel haben, antwortete Marie Claire Graf, dass beispielsweise Musiker:innen auf einer ganz anderen Ebene die Betroffenheit und Dringlichkeit der Klimakrise übermitteln könnten. Musik spiele sich auf einer emotionalen Ebene ab, durch die man vielleicht mehr Empathie und mehr Solidarität auslösen könne. «Tatsache ist, dass der Klimawandel vor niemandem Halt macht, auch nicht vor wohlhabenderen Schichten. Wir müssen auf die historische Verantwortung der reicheren Länder hinweisen.»

Auch Felix Keller sprach die emotionale Ebene an und ging sogar so weit, dass er der Meinung ist, wir müssten anfangen «das Klimaproblem zu lieben». Konzertabende wie dieser seien genau das, was es brauche: Man müsse sich mit diesem Problem auseinandersetzen und es nicht verdrängen.

«Mein Ziel war es, die Herzen im Publikum zu erreichen, denn dort sind wir am verwundbarsten», offenbarte Patricia Kopatchinskaja. Die Wissenschaft habe schon lange aufgezeigt, dass wir uns in einer Klimakrise befänden. Doch es scheine, als würden die Grafiken und Zahlen nicht zu mehr Taten der Menschen führen. Mit der Musik hätten die Kulturschaffenden aber ein Instrument, mit dem sie Gefühle erwecken könnten. Sie wisse nicht, wie viel sie durch solche Konzerte bewegen könne. «Wir sind nicht so populär wie beispielsweise Popmusiker», meinte die Geigerin. Aber trotzdem wolle sie so viel tun wie nur möglich, um den Leuten die Augen zu öffnen, damit sie beispielsweise motiviert seien, mit dem öffentlichen Verkehr an die Konzerte anzureisen.

Moderator Moritz Weber wies auf die «Mission Menuhin» hin, mit der sich das Gstaad Menuhin Festival Nachhaltigkeit zum Ziel gesetzt hat. Die Veranstalter haben Massnahmen definiert, um die CO2-Emissionen schrittweise zu reduzieren und für einen schonenden Umgang mit Ressourcen zu sensibilisieren (wir haben berichtet).


Wir müssen gestört werden

JOCELYNE PAGE

Die Überraschung über die ungewohnten Elemente im Konzert war im Publikum spürbar – bei manchen Zuschauenden war sogar eine gewisse Empörung. Ihre Erwartung eines Klassikkonzerts, wie man es vom Gstaad Menuhin Festival kennt, wurde wohl nicht erfüllt. Vielleicht haben sie es als störend empfunden, dass die heile Welt der klassischen Musik von Nebengeräuschen gestört wurde. Bildschirme, elektronische Musik, Projektionen, weisses Rauschen: Es war ungewohnt, denn es störte in der Tat – und überzeugte. Denn das war wohl auch die Absicht von Patricia Kopatchinskaja – sie wollte stören. Denn die perfekte Welt, wie sie oftmals an klassischen Konzerten vermittelt wird, gibt es nicht. Tagtäglich erleben, sehen und spüren wir Störungen, wie die klimatischen Achterbahnfahrten, Naturkatastrophen und aussterbenden Arten bei Flora und Fauna. Klar können Zuschauerinnen und Zuschauer das Argument hervorbringen, dass sie wenigstens im Konzertsaal, sitzend vor einem Orchester, mal eine Minute ausschnaufen wollen. Für einmal nicht die Sorgen und die Probleme des Klimawandels präsent haben wollen. Aber ich glaube, dass es zu spät ist, die Augen davor zu verschliessen. Taten müssen folgen, Verhaltensänderungen müssen angeeignet werden und das Herz muss nun einfach bluten, weil es die wissenschaftlichen Daten beweisen: Die Erde braucht unsere Hilfe. Der Wandel muss jetzt geschehen. Kopatchinskaja verglich den Menschen an der Podiumsdiskussion mit einem Parasiten – und doch eben nicht. «Wir saugen die Natur aus wie ein Parasit und trotzdem ist er noch schlauer, denn er lässt seinen Wirt weiterleben. Wir gehen aber so weit, dass wir es selbst nicht überleben, und das ist erstaunlich.»
jocelyne.page@anzeigervonsaanen.ch


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