Alles transformiert?
14.12.2023 KulturSeit heute ist es da, das neue Programm von Gstaad Menuhin Festival & Academy. Die 68. Ausgabe des Festivals steht ganz im Zeichen der Transformation – und geht dabei verstärkt neue Wege, jenseits der ausgetretenen, rein klassischen Pfade. Wie genau soll das ...
Seit heute ist es da, das neue Programm von Gstaad Menuhin Festival & Academy. Die 68. Ausgabe des Festivals steht ganz im Zeichen der Transformation – und geht dabei verstärkt neue Wege, jenseits der ausgetretenen, rein klassischen Pfade. Wie genau soll das aussehen? Wir fragten bei Artistic Director Christoph Müller nach.
SONJA WOLF
Ist in der Ausgabe 2024 alles neu?
«Nein, nein», lacht Christoph Müller. «Aber wir probieren offensiv neue Formate aus und überwinden musikalische Grenzen zwischen den Stilen. Am besten zum Ausdruck kommt das in der Reihe ‹Trans-Classics› mit über zehn Konzerten.» (Zur Einordnung der Begriffe Transformation und Trans-Classics siehe ovale Infobox).
Was genau soll man sich unter «Trans-Classics» vorstellen?
«Wir werden Musikerinnen und Musiker hören und sehen, die Genres, Stile und Epochen mischen oder neue Wege in Ausdrucksformen und Interpretation gehen», erklärt Müller und liefert auch sogleich Beispiele aus dem aktuellen Programm dazu: «Wenn ein Gitarrist mit Barockorchester-Begleitung Vivaldi und Bach mit Songs von Beatles kombiniert oder wenn Breakdancer zu Mozart tanzen, empfinden wir Zuschauer dies als spannend und innovativ, als ein Konzertformat mit Erlebniswert.»
Gibt es eine Nachfrage nach diesen Trans-Formaten?
Ganz klar, jedenfalls nach Artistic Director Müller. «Das ist ein Phänomen des zeitlichen und gesellschaftlichen Wandels.» In der Barockzeit und der Klassik wurde laut Müller während den Konzerten noch getrunken, gegessen und gerülpst, auch gesprochen, getanzt oder gar geliebt. «Seit dem Biedermeier und der Romantik hat sich dann aber mit dem aufkommenden Bildungsbürgertum eine Konzertform etabliert, deren Rituale bis heute prägend sind: Wir haben eine Kleiderordnung bei den Musizierenden, aber auch beim Publikum. Applaudiert wird nur zu gegebenen Momenten im Konzertablauf oder sehen Sie den Ein- und Auslass: Der geschieht genau nach vorgeschriebenem Plan.»
Doch Klassikveranstalter hätten glücklicherweise erkannt, dass neue Publikumsschichten und nachrückende Generationen andere Ansprüche an das Live-Erlebnis haben: Sie wollen unterhalten werden! «Die Grenze zwischen ‹E›- und ‹U›-Musik wird fliessend. Für das klassische Konzertformat genügt es nicht mehr, den immer gleichen Mustern und Routinen zu folgen», ist der Artistic Director überzeugt. Und sagt sogar: «Ich wage die These in den Raum zu stellen, dass es in zehn Jahren keine reinen Klassikfestivals mehr geben wird.»
Gibt es noch mehr Wandel?
«Ja, in der Ausgabe von 2024 wird es erstmals einen neuen Spielort geben: das Berghaus Eggli und die Lounge auf dem Eggli», ist von Müller zu erfahren. Auch werde zum ersten Mal im Anschluss an ein klassisches Konzertprogramm ein DJ-Live-Act stattfinden.
Wo bleiben die traditionellen Werte?
Bei einer so bemerkenswerten Anzahl von Darbietungen, die das Publikum unterhalten, die Neues bieten, mit traditionellen Konzertformen brechen und einfach überraschen, könnte man sich fragen: Erkennt man das Gstaad Menuhin Festival & Academy noch wieder? «Auf jeden Fall», antwortet Christoph Müller mit einem Lächeln. «Die Konzerte auf der Ebene der ‹Trans-mission› (siehe wiederum Infobox) sind der Bewahrung und Weiterverbreitung musikalischer Werte und Werke gewidmet. Wie zum Beispiel bei Mozart, der in seinen an Haydn gewidmeten Quartetten sein Idol ehrt.» Zu einer eher traditionellen Kontinuität trägt auch bei, dass die Veranstalter wiederum grosse Künstler eingeladen haben, die dem Festival schon in der Vergangenheit die Ehre erwiesen haben: Patricia Kopatchinskaja tritt wiederum in der Reihe «Music for the Planet» auf, Weltstar Hélène Grimaud wird gleich drei Konzerte spielen. Auch Sir András Schiff, Jan Lisiecki, Sol Gabetta oder Bomsori Kim sind Künstler, die das Festival schon in früheren Ausgaben bereichert haben.
Der Vorverkauf für die Konzerte im Festival-Zelt beginnt heute, Freitag, 15. Dezember, für die übrigen Konzerte am 1. Februar 2024. Weitere Informationen unter: www.gstaadmenuhinfestival.ch
WAS IST TRANSFORMATION?
Im dreijährigen Zyklus «Wandel» (2023-2025) befinden wir uns nach Teil 1 «Demut» nun in Teil 2 mit dem Motto «Transformation». Doch was genau ist «Transformation» und wie wirkt sich das auf die Darbietungen von Gstaad Menuhin Festival & Academy 2024 aus?
«Trans» ist eine lateinische Präposition und bedeutet «hinüber, jenseits». Transformation ist also der Übergang in eine andere Form, in einen anderen Zustand.
Im Festival von 2024 gibt es zum Motto «Transformation» drei Arten von Konzertreihen:
Trans-zendenz: Der Weg vom Irdischen hinüber ins Überirdische, oder gar Jenseitige.
Trans-mission: Werte und Wissen werden von einer Generation zur nächsten weitervermittelt.
Trans-Classics: Keine reinen Klassikdarbietungen. Genres, Stile oder Epochen werden gemischt oder neu interpretiert und ausgedrückt.
CHRISTOPH MÜLLER, VORWORT FESTIVAL-PROGRAMM