Mit einem blauen Auge davongekommen
20.10.2026 KolumneJOCELYNE PAGE
Ich liebe Stand-up-Comedy. Ob Schweizer Komiker, deutsche Kabarettistinnen oder amerikanische Comedygrössen: Ich schaue mir ihre Auftritte auf Instagram an, verschlinge ganze Netflix-Specials und kann über dieselben Witze auch beim dritten Mal noch ...
JOCELYNE PAGE
Ich liebe Stand-up-Comedy. Ob Schweizer Komiker, deutsche Kabarettistinnen oder amerikanische Comedygrössen: Ich schaue mir ihre Auftritte auf Instagram an, verschlinge ganze Netflix-Specials und kann über dieselben Witze auch beim dritten Mal noch Tränen lachen. Und damit wären wir auch schon beim Problem: bei meinem Lachen.
Ich gehöre nämlich nicht zu jenen Menschen, die bei einem guten Witz vornehm schmunzeln oder kichern. Nein, wenn ich lache, dann richtig. Laut, herzhaft und gelegentlich in einer solchen Lautstärke, dass sich meine Mitmenschen erschrecken. Ich kann nichts dafür. Wenn ich etwas lustig finde, erfährt das eben auch die nähere Umgebung. Dass diese Eigenschaft einmal gefährlich werden könnte, hätte ich allerdings nicht gedacht.
Meine Freundin ergatterte Tickets für einen Auftritt des Schweizer Komikers Fabio Landert. Erste Reihe! Für einen Comedyfan wie mich eigentlich ein Sechser im Lotto. Wäre da nicht Landerts Vorliebe für sogenannte «Roasts». Dabei nimmt er einzelne Personen aus dem Publikum aufs Korn und zieht sie mit teils ziemlich derben Sprüchen durch den Kakao. Wer einmal ins Visier gerät, braucht eine dicke Haut. Oder zumindest einen ausgeprägten Sinn für Selbstironie.
Meine drei Freundinnen kannten das Risiko. Und vor allem kannten sie mich. «Bitte reiss dich zusammen!», lautete deshalb ihr unmissverständlicher Auftrag. Sie können sich nicht vorstellen, welch ein Kraftakt dieser Abend für mich wurde. Da sass ich nun in der ersten Reihe. Ein Komiker in Höchstform, der die besten Sprüche auf Lager hatte. Während sich mein ganzer Körper vor Lachen schüttelte, presste ich die Lippen zusammen, hielt mir die Hand vor den Mund und versuchte verzweifelt, meine Lachanfälle auf Zimmerlautstärke zu drosseln.
Und glauben Sie mir: Als Landert einige andere Gäste aus dem Publikum ordentlich grillierte, war ich plötzlich sehr dankbar für die liebevolle Strenge meiner Freundinnen. Landert kannte kein Erbarmen. Ich hingegen kannte an diesem Abend vor allem eines: Angst vor Blickkontakt. Immerhin kamen wir ungeschoren davon. Kein Roast, keine öffentliche Demütigung und auch keine Freundschaft, die an einem missglückten Witz zerbrach.
Als ich später nach Hause kam, erzählte ich meinem Mann natürlich die besten Szenen. Und ich lachte dabei so laut, dass vermutlich auch die Nachbarn etwas vom Programm hatten. Schliesslich hatte ich einiges nachzuholen.
jocelyne.page@anzeigervonsaanen.ch
