Das Freitagskonzert im Festivalzelt Gstaad ermöglichte die Begegnung mit einem amerikanischen Weltstar, einem königlichen Orchester aus London und seinem russischen Musikdirektor.
ERICH BINGGELI
Gespannt war man natürlich zuerst auf Thomas Hampson. Wie ...
Das Freitagskonzert im Festivalzelt Gstaad ermöglichte die Begegnung mit einem amerikanischen Weltstar, einem königlichen Orchester aus London und seinem russischen Musikdirektor.
ERICH BINGGELI
Gespannt war man natürlich zuerst auf Thomas Hampson. Wie würde der mittlerweile 71-jährige Amerikaner die drei Lieder von Alma Mahler (1879–1964) und die vier «Rückert-Lieder» ihres Mannes Gustav Mahler (1860–1911) interpretieren?
Nun, der Weltstar trat ohne irgendwelche Allüren auf, sondern vielmehr als erhabener Grandseigneur im Vollbesitz seiner vokalen Kräfte. So adelte sein kostbar timbrierter, facettenreicher Bariton bereits die drei Miniaturen von Alma Mahler, die, mit ihren impressionistischen Farbtupfern, durchaus eigenständig wirkten und nicht wie eine Kopie ihres prominenten Gatten. Vollends zum bewegenden Erlebnis steigerte der Künstler danach die vier der fünf «Rückert-Lieder» – ganz von innen heraus gestaltet, reich durchmodelliert, und auch mimisch nahm er das Publikum mit in diese verschiedenartigen Seelenwelten.
Und wie schön, dass Hampson, der dieses Jahr übrigens auch die Vocal Academy in Gstaad leitet, ihm mit dem heiteren «Bald gras ich am Neckar» aus der Liedsammlung «Des Knaben Wunderhorn» eine Zugabe schenkte.
Das Royal Philharmonic Orchestra mit seinem Musikdirektor Vasily Petrenko begleitete elastisch und feinfühlig. Vielleicht in den von David und Colin Matthews orchestrierten Alma-Mahler-Zeugnissen gelegentlich eine Spur zu (vor)laut.
Mahlers Kosmos
Nicht minder gespannt war man darauf, wie die Gäste aus London Mahlers fünfte Sinfonie in cis-Moll meistern würden. Vasily Petrenko (50) packte diesen Kosmos (um nicht zu sagen Koloss) mit seinen schier manischen Kontrasten entschlossen an und leuchtete die Partitur mit ehrlichem Engagement aus. Auf der Basis einer klaren Zeichengebung (mit auffallend expressiver linker Hand) meisselte er die Stimmungen überlegt und überlegen heraus und sorgte für geschmeidige Übergänge.
Besonders auffallend war dabei Petrenkos Balance zwischen Wartenkönnen und Drängenmüssen.
So erklangen die ersten beiden Sätze durchaus, wie von Mahler gefordert, streng beziehungsweise stürmisch bewegt, das Scherzo tänzerisch beschwingt, das berühmte Adagietto (ein Lied ohne Worte) beseelt, und das turbulente Rondo-Finale wirkte freudig und frisch. Den Extrembereichen der Tragik, der Raserei und der Verzweiflung wich Petrenko eher aus.
Motiviert und begeisternd
Das Royal Philharmonic Orchestra war nicht zufällig zu drei Konzerten nach Gstaad eingeladen worden, war doch Yehudi Menuhin jahrzehntelang mit ihm verbunden gewesen. Die Gäste aus London streiften in Mahlers Bekenntnis, mit welchem er gleichsam die ganze Welt musikalisch umarmen wollte, allfällige britische Reserviertheit ab und stürzte sich spürbar motiviert und voller Spielfreude ins fünfviertelstündige Abenteuer. Da wurde denn auch kultiviert und erstaunlich transparent musiziert, nie knallig oder pauschal. Wo nötig, sangen die Streicher wunderbar und glänzten die Bläser mit kraftvollen Akzenten, vor allem am Schluss das gesamte Ensemble auch mit beeindruckender Virtuosität.
Alles in allem wars eine höchst beachtliche, ja, begeisternde Fünfte Mahler, die denn auch vom Publikum im sehr gut besetzten Festivalzelt mit Standing Ovations honoriert wurde.