Mit neuen Ratschlägen im Gepäck
03.11.2026 Gesellschaft«Krone auf, Klischees ab»: Unter diesem Motto fand in Mülenen das fünfte überparteiliche Frauenforum statt. Politikerinnen erzählten von ihrem Weg ins Amt, von Unsicherheiten und vom Umgang mit Kritik.
MAXIME VÖGELE
Im Saanenland ...
«Krone auf, Klischees ab»: Unter diesem Motto fand in Mülenen das fünfte überparteiliche Frauenforum statt. Politikerinnen erzählten von ihrem Weg ins Amt, von Unsicherheiten und vom Umgang mit Kritik.
MAXIME VÖGELE
Im Saanenland sind Frauen an der politischen Spitze keine Seltenheit: Alle drei Gemeinden – Saanen, Lauenen und Gsteig – haben eine Gemeindepräsidentin. Auch die Verwaltungsdirektion in Saanen wird von einer Frau geführt. Kantonsweit sieht es anders aus: Von den 334 Berner Gemeinden werden nur rund 70 von einer Frau präsidiert. Doch der Weg in ein politisches Amt braucht Mut und ist nicht immer frei von Hindernissen.
Welche Erfahrungen Frauen dabei machen und was ihnen hilft, Verantwortung zu übernehmen, stand am Freitag, 30. Oktober, am überparteilichen Frauenforum Thun-Oberland im Zentrum. Zum fünfjährigen Jubiläum versammelten sich unter dem Motto «Krone auf, Klischees ab – Frauen in der Politik» 140 Frauen in der Kanderarena in Mülenen. Für die männliche Präsenz sorgten einzig der Samariter und der Tontechniker.
Zur Begrüssung zückte die Präsidentin des Frauenforums, Marianna Lehmann, eine Handtasche. Darin sollten die Teilnehmerinnen sinnbildlich all die Erfahrungen, Ratschläge und neuen Kontakte sammeln, die sie an den bisherigen Frauenforen gewonnen hatten. Auch an diesem Abend sollte die Tasche weiter gefüllt werden: mit Anregungen, Mut und neuen Bekanntschaften.
Drei Frauen, drei Wege
Wie unterschiedlich der Weg in ein politisches Amt aussehen kann, zeigte das Podiumsgespräch, das Annette Marti mit drei Gemeindepräsidentinnen und einer Gemeindeschreiberin führte. Andrea Erni aus Heimberg hatte über verschiedene Kommissionen und politische Ämter Erfahrungen gesammelt, bevor sie Gemeindepräsidentin wurde. Bei Letizia Müller aus Leissigen begann das politische Engagement mit dem Frauenstreik 2019. Ihr Mann habe sie damals ermutigt, nicht nur zu demonstrieren, sondern selbst aktiv zu werden. Wenig später stellte sie sich zur Wahl.
Wieder anders sah der Weg in die Politik bei der Zweisimmner Gemeindepräsidentin Beatrice Zeller aus. Als in Zweisimmen Gemeinderatswahlen anstanden, stellten sich nicht genügend Personen zur Verfügung. Zeller fand jedoch, dass die Bevölkerung bei einer Wahl auch eine Auswahl haben sollte. Also kandidierte sie selbst. Der Einstieg in die Gemeindepolitik war für sie allerdings mit Unsicherheit verbunden. «Ich habe die ganzen Abläufe nicht gekannt», erinnerte sich die heutige Gemeindepräsidentin. Doch mit der Zeit habe sie gemerkt, dass niemand von Anfang an jede Antwort kennen müsse. Bei Fachfragen könne sie auf die Kenntnisse der Verwaltung zurückgreifen.
Im Zweisimmner Gemeinderat sind die Frauen sogar in der Mehrheit: Vier der sieben Mitglieder sind Frauen. Dass es zu dieser Zusammensetzung gekommen sei, habe sich einfach so ergeben, erklärt Beatrice Zeller im Gespräch mit dieser Zeitung. Entscheidend für die Zusammenarbeit sei für Zeller ohnehin nicht das Geschlecht: «Wir diskutieren nicht: Männer gegen Frauen. Wir diskutieren wirklich über Geschäfte.» Unterschiedliche Ansichten, Altersgruppen und Herangehensweisen seien für sie viel wichtiger. Gerade diese Vielfalt mache die Diskussionen im Gemeinderat aus.
Der Rückhalt aus den eigenen Reihen
Nicht nur in den Gemeinderäten stellt sich die Frage, wie Frauen in Führungspositionen gelangen. Auch in den Gemeindeverwaltungen gibt es Hürden, wie Monika Gerber vom Bernischen Gemeindekader auf dem Podium berichtete. Sie selbst wurde bereits mit 25 Jahren Gemeindeschreiberin. Heute beobachte sie, dass viele Frauen zwar die entsprechende Ausbildung absolvierten, sich den Schritt an die Spitze einer Gemeindeschreiberei aber nicht zutrauten.
Deshalb setzt sich Gerber dafür ein, jüngere Frauen zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Sie erzählte im Podium, wie sie Mitarbeiterinnen bewusst an Gemeindeversammlungen auftreten liess, während sie selbst als Rückhalt im Publikum sass. Falls etwas schiefgelaufen wäre, hätte sie eingreifen können. Die Mitarbeiterinnen sollten jedoch selbst erleben, dass sie solchen Aufgaben gewachsen seien. Ihre Botschaft: «Das geht schon und du kannst das.»
Kritik gehört dazu
Mit der Verantwortung kommt allerdings auch Kritik. Das weiss Beatrice Zeller aus ihrer Arbeit in Zweisimmen. Gerade in einer Gemeinde, in der viele Menschen einander kennen, werde Unzufriedenheit mitunter direkt geäussert. Besonders kritischen Personen lege sie deshalb manchmal nahe, selbst für ein politisches Amt zu kandidieren. «Die Jobs sind öffentlich, da hat jeder die Chance», erklärte sie. Wer etwas anders machen wolle, könne sich schliesslich selbst zur Verfügung stellen.
Dass Frauen dabei teilweise mit anderen Erwartungen konfrontiert werden als Männer, schilderte Letizia Müller. Als Mutter von vier Kindern habe sie bei ihrem Einstieg in die Politik Zweifel gespürt, ob sie genügend Zeit für das Gemeindepräsidium hätte. «Gesagt hat mir das niemand, gespürt habe ich es stark», erzählte sie im Podiumsgespräch. Wäre ihr Mann zur Wahl angetreten, wäre dies ihrer Meinung nach anders beurteilt worden. Diese unausgesprochenen Vorbehalte hätten sie damals verletzt.
«Man darf nicht überrascht sein, wenn man nass wird»
Dass auch erfahrene Politikerinnen in hohen Ämtern nicht von Unsicherheiten gefeit sind, zeigte das Gespräch mit Regierungsrätin Astrid
Bärtschi und Grossratspräsidentin Anne Speiser. Beide betonten, dass es Mut brauche, sich neuen Herausforderungen zu stellen und dass dabei nicht immer alles perfekt laufen müsse.
Bärtschi erklärte, dass sie sich in der Politik zwar sicher fühle, aber auch ihr bei öffentlichen Auftritten Fehler passieren könnten. «Es passiert auch nichts, wenn man den Faden verliert», sagte sie.
Speiser erzählte mit einem Augenzwinkern, dass sie vor der Übernahme des Grossratspräsidiums weniger Respekt vor den Auftritten vor dem Parlament gehabt habe. «Ich rede gern und viel», erklärte sie lachend. Mehr Sorgen habe ihr dagegen die Bedienung der technischen Anlage im Ratssaal bereitet. Neue Aufgaben brächten eben auch Unvorhergesehenes mit sich. Sie verglich das mit einer Fahrt aufs Wasser: «Man darf nicht überrascht sein, wenn man nass wird.»
Ein Jodlerklub öffnet sich der Welt
Dass man auch ohne politisches Amt gesellschaftlich etwas bewegen kann, zeigte Sängerin Miss Helvetia. Im Gespräch mit Moderatorin Annette Marti erzählte die Diemtigtalerin von ihren Erfahrungen als Frau in der Unterhaltungsbranche. Dabei berichtete sie auch von ihrer Zeit in Genf, wo sie angefragt wurde, einen Jodlerklub zu dirigieren – obwohl sie dies noch nie getan hatte. «Ich bin in Genf, wenn ich es nicht kann, vernimmt das zu Hause im Diemtigtal niemand», sagte sie lachend.
Die Aufgabe nahm sie allerdings nur unter einer Bedingung an: Der Klub musste seine Statuten ändern. Bis dahin durften ausschliesslich Schweizerinnen und Schweizer Mitglied werden. Für Miss Helvetia passte diese Einschränkung nicht zu einem offenen Verein. Nach der Statutenänderung gewann der zuvor von Nachwuchsproblemen betroffene Jodlerklub neue Mitglieder unterschiedlicher Herkunft, darunter auch jemanden aus Chile. Mit solchen Anekdoten brachte die Sängerin das Publikum immer wieder zum Lachen. Daneben sorgte sie mit einigen Liedern auch musikalisch für Unterhaltung.
Eine Krone für die Nachbarin
Neben den Gesprächen auf der Bühne blieb beim Frauenforum auch Zeit, um Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Dazu passte eine kleine Aufgabe: Auf jedem Platz lag eine glitzernde Krone. Die Frauen sollten sie ihrer rechten Sitznachbarin aufsetzen und ihr etwas Aufmunterndes sagen – auch wenn sie sich noch nicht kannten.
Auch beim anschliessenden Apéro wurde weitergeredet und Bekanntschaften wurden geschlossen. Damit dürfte sich auch Marianna Lehmanns Wunsch vom Anfang des Abends erfüllt haben: Die sinnbildliche Handtasche der Teilnehmerinnen wurde um einige Erfahrungen, Ratschläge und neue Kontakte reicher.







