Mit ÖV unmobil
21.04.2026 LeserbriefeLange schon streben die öffentlichen Verkehrsbetriebe eine Volldigitalisierung in der Fahrkartenausgabe an. Und nun ist es so weit: An vielen Stationen können Billette nur noch mit Karten oder per Handy gelöst werden.
Menschen mit Bargeld im Sack, die jedoch digital noch ...
Lange schon streben die öffentlichen Verkehrsbetriebe eine Volldigitalisierung in der Fahrkartenausgabe an. Und nun ist es so weit: An vielen Stationen können Billette nur noch mit Karten oder per Handy gelöst werden.
Menschen mit Bargeld im Sack, die jedoch digital noch nicht genügend ausgestattet sind, werden arg unter Druck gesetzt. Davon betroffen sind viele ältere Personen und vor allem auch Menschen in Landregionen, die auf das Auto angewiesen sind und deshalb den ÖV seltener benutzen.
Ich reise sehr wenig. Aber immer wieder kam eine neue Regelung für die Fahrkartenbeschaffung und das Zugfahren wurde kompliziert: Zuerst stand an meinem Wohnort Oberwil im Simmental ein Billettautomat mit Bargeld-Einwurf. Plötzlich wurde dieser entfernt und es kam die Weisung, die Fahrkarten im Zug beim BLS-Personal zu lösen. Dies ging so lange, bis wieder ein Automat da stand. Mit einer Bussenandrohung von 100 Franken für Reisende ohne gültigen Fahrausweis wurden die Fahrgäste angewiesen, ihr Billett vor der Fahrt zu lösen.
Eine App habe ich nicht installiert, da ich sowieso oft ohne Handy unterwegs bin. Aber ich konnte auf dem Laptop ein Billett herunterladen und ausdrucken – bis eines Tages bei der Bezahlung die Meldung kam, die Kartennummer meiner Postcard sei nicht gültig (das war sie danach nicht mehr, obschon es vorher mit derselben Karte und derselben Nummer immer klappte). Deshalb löste ich mein Ticket nun wieder am Automaten am Bahnhof. Zweimal bezahlte ich mit meiner Postcard, ein drittes Mal konnte ich dies nicht, weil eine Meldung angebracht war, eine Kartenzahlung (nicht nur Postcard) sei nicht möglich und man müsse deshalb Bargeld einwerfen.
Nun hatte ich eben gerade kein Geld bei mir und musste demnach zuerst auf der Gemeinde mit der Karte Geld abheben. Dadurch musste ich einen Zug (Stundentakt) überspringen und erreichte meinen Termin statt eine Dreiviertelstunde zu früh eine Viertelstunde zu spät, was mir eine Rüge einbrachte.
An Ostern wollte ich mobil sein und bereitete mich extra vor. Ich plünderte mein Postkonto, damit ich auf jeden Fall Geld zum Reisen hätte. Doch da stand ein neuer Kasten (unbemerkt von einem Tag auf den andern ausgewechselt), der nur noch Kartenzahlung annimmt. Da ich jedoch kein Geld auf dem Konto mehr hatte, nützte mir meine Postcard auch nichts. Im Portemonnaie befand sich noch eine digitale SBB-Geschenkkarte. Leider gehörte diese nicht zur Auswahl der vom Automaten akzeptierten Karten. So blieb mir nichts anderes übrig, als erneut im Zug zu lösen. Und damit war ich nicht einzig. Das Zugspersonal hatte alle Hände voll zu tun.
Was ich allerdings als eine absolute Zumutung empfinde, ist, dass wir, welche gezwungenermassen die Billette im Zug lösten, einen Zuschlag von 10 Franken entrichten mussten. Für die entstandene Mehrarbeit kann die Kundschaft doch wohl nichts. Das Zugpersonal arbeitet schliesslich im Lohnverhältnis.
Regelmässige ÖV-Benutzende können sich an die neue Regelung gewöhnen, aber Menschen, die seltener unterwegs sind und sich digital ohne fremde Hilfe nicht zurecht finden, müssen wohl einfach zu Hause bleiben. Schade, denn unter «öffentlichen» Verkehrsmitteln verstehe ich eigentlich solche, die der Allgemeinheit dienen und nicht nur der Stammkundschaft zur Verfügung stehen.
LOTTE BRENNER, OBERWIL
