Mit Puls 140: Sarah Matti gewinnt den Schweizermeistertitel im Jagdparcours
04.08.2026 SportDie Saaner Schützin Sarah Matti gewinnt den Schweizermeistertitel im Jagdparcours in der Kategorie Damen. Der «Anzeiger von Saanen» begleitete sie letzten Freitag beim Training und erfuhr, was ihren Puls besonders in die Höhe steigen lässt.
JONATHAN SCHOPFER
...
Die Saaner Schützin Sarah Matti gewinnt den Schweizermeistertitel im Jagdparcours in der Kategorie Damen. Der «Anzeiger von Saanen» begleitete sie letzten Freitag beim Training und erfuhr, was ihren Puls besonders in die Höhe steigen lässt.
JONATHAN SCHOPFER
Etwa 20 Meter über dem Boden surrt eine Wurfscheibe – umgangssprachlich auch Tontaube genannt – von links nach rechts durch die Luft. Sarah Matti hebt die Flinte und visiert sie an. Ein Schuss – die Scheibe zerbirst.
«Es ist schön, zu Hause den Schweizermeistertitel zu gewinnen», sagt die Saanerin Sarah Matti. Einfacher sei der Wettkampf vor heimischem Publikum für sie allerdings nicht gewesen. Im Gegenteil: «Ich war noch nervöser als sonst und machte mir mehr Druck.» Dennoch sicherte sie sich am 25. und 26. Juli auf der Anlage der Jagdschützen Gstaad den Schweizermeistertitel im Jagdparcours.
Wie nervös sie war, zeigte ihre Smart Watch: «Mein Puls steigt beim Schiessen regelmässig auf rund 140 Schläge pro Minute.» Als Schiesslehrerin kennt sie die Anlage an der Dorfrüttistrasse zwar gut. Für den Wettkampf wurden jedoch fast alle Flugbahnen neu eingestellt und auf fünf Schiesslinien zusätzliche Wurfautomaten aufgestellt. «Üben ging also nicht.»
Trotz des hohen Pulses setzte sich Matti gegen ihre Konkurrentinnen durch. Am Samstag traf sie 90 von 100 Wurfscheiben, am Sonntag 79. Mit insgesamt 169 Treffern holte sie den Titel.
Wie ein Turnier abläuft
«An der Schweizermeisterschaft mussten die Teilnehmenden an zwei Tagen insgesamt 200 Wurfscheiben beschiessen. Pro Tag wurden vier Runden mit je 25 Scheiben absolviert», erklärt Matti den Ablauf des Turniers. Die Schützinnen und Schützen wechselten dabei zwischen den einzelnen Parcours.
Wie die Wurfscheiben fliegen, erfahren die Teilnehmenden jeweils erst unmittelbar vor dem Schuss. «Man kann sich nicht konkret auf das Programm vorbereiten.» Trainieren könne man lediglich die verschiedenen Möglichkeiten und Schwierigkeitsgrade.
Die Wurfscheiben unterscheiden sich in ihrer Grösse und Form. Neben handgrossen Standardscheiben gibt es kleinere Midi-Scheiben und Mini-Scheiben, die etwa so gross wie ein Fünfliber sind. Manche fliegen steil nach oben, andere ziehen flach über das Gelände, beschreiben einen Bogen oder rollen als sogenannter «Hase» über den Boden.
Unter Einbezug ihrer Erfolge bei den Juniorinnen und Damen sowie in den Disziplinen Compak Sporting und Jagdparcours ist es damit ihr 19. Schweizermeistertitel.
Der Jagdparcours wird international auch Sporting FITASC genannt. Dabei wird an verschiedenen Stationen im Gelände geschossen. Beim Compak Sporting hingegen bleiben die Schützinnen und Schützen auf einer kompakten Anlage und wechseln nicht zwischen mehreren Stationen.
Für Matti ist der Jagdparcours die «Königsdisziplin» des Schiesssports: «Er beinhaltet die Flugwinkel, Geschwindigkeiten und Distanzen aller anderen Disziplinen und simuliert jagdliche Situationen.»
Der Kopf entscheidet mit
«Das Schiessen ist sehr mental. Man muss in kürzester Zeit schnelle Entscheidungen treffen, Distanzen und Geschwindigkeiten einschätzen und wissen, wo man den Schuss abgeben muss», sagt Matti.
Besonders wichtig sei der Umgang mit Fehlern. Eine verfehlte Scheibe dürfe die Konzentration bei den nächsten Versuchen nicht beeinträchtigen. «Man sollte einen Misserfolg nicht nur als Misserfolg betrachten, sondern sich sagen: ‹Ah, das war jetzt interessant. Was ist passiert, und was kann ich daraus lernen?›», erklärt die Schützin. So könne sie aus ihren Fehlern lernen und sich laufend verbessern.
«Meine eigene Trainingszeit ist begrenzt.» Während der Sommermonate arbeitet Matti auf der Anlage als Schiesslehrerin und betreut Kundinnen und Kunden. So habe sie die Gelegenheit, die Tauben zu analysieren und die Kunden fundiert zu unterrichten. «Auch im Unterricht schiesst man mental so jede Taube mit.»
Mit dem Schiessen begann Matti im Alter von zwölf Jahren. «Ich bin in einer Jägerfamilie aufgewachsen und durfte das Schiessen schon früh lernen.» In den vergangenen Jahren habe sie zudem von einem Schiesslehrer in England – wo der Sport populärer sei – viel lernen können. «Er hat mich nochmals auf ein anderes Niveau gebracht.»
Das EM-Podest im Visier
Ein sportliches Ziel hat sie noch: «Ich möchte irgendwann an einer Europameisterschaft auf dem Podest stehen.» Ihr bisher bestes Ergebnis sei der zehnte Rang vor zwei Jahren in Málaga gewesen. «Es sah lange gut aus für das Podest. Dann hatte ich eine schlechte Runde, und schon ist man weg vom Fenster.»
Dennoch setzt sie sich nicht zu stark unter Druck. «Vielleicht gelingt es irgendwann. Und wenn nicht, ist es auch in Ordnung.» Entscheidend sei für sie auch die Freude am Sport: «Es ist schön, dass ich teilnehmen und für die Schweiz antreten darf.»
WARUM SIEHT EINE TONTAUBE GAR NICHT WIE EINE TAUBE AUS?
Sie flattert nicht, sie zwitschert nicht und sie sieht auch nicht wie ein Vogel aus. Trotzdem trägt sie bis heute den Namen «Tontaube». Der Grund liegt in der Geschichte des Schiesssports: Im 19. Jahrhundert wurden bei Wettkämpfen tatsächlich lebende Tauben aus kleinen Käfigen freigelassen und beschossen. Weil diese Praxis zunehmend als grausam kritisiert wurde, verbot Preussen das Taubenschiessen bereits 1876. Darauf weist unter anderem ein Bericht der Deutschen Volks-Zeitung vom 21. September 1876 hin. Nach und nach verschwand das Lebendtaubenschiessen in den meisten europäischen Ländern und wurde durch Wurfscheiben aus gebranntem Ton ersetzt. Der Name blieb bis heute erhalten, obwohl moderne Tontauben längst aus anderen, leicht zerbrechlichen Materialien bestehen. Sarah Matti präzisiert: Wer heute an Wettkämpfen mit Lebendtauben teilnimmt, wird vom internationalen Schiesssportverband FITASC lebenslang gesperrt. Das Lebendtaubenschiessen gilt im modernen Sportschiessen als absolut verpönt.
JOP/FOTO: KI GENERIERT


