Der ungarische Meisterpianist Sir András Schiff verwöhnte am Menuhin Festival Gstaad das Publikum in der Kirche Saanen unter anderem mit Bachs Goldberg-Variationen.
ERICH BINGGELI
Eine Überraschung bildete, wie so oft bei diesem Künstler, die ...
Der ungarische Meisterpianist Sir András Schiff verwöhnte am Menuhin Festival Gstaad das Publikum in der Kirche Saanen unter anderem mit Bachs Goldberg-Variationen.
ERICH BINGGELI
Eine Überraschung bildete, wie so oft bei diesem Künstler, die Werkfolge dieses denkwürdigen Konzertabends: Sir András Schiff (72) spielte drei Kompositionen, die er offenbar relativ kurzfristig ausgewählt hatte, «spontan nach Lust und Laune», wie es im Programmheft hiess.
Am gewichtigsten waren dabei Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen, BWV 988, aus dem Jahr 1742, ein Höhepunkt der Klavierliteratur. Diese «Aria mit verschiedenen Veränderungen», wie Bach sie bescheiden nannte, bot ein Feuerwerk an Einfällen, Formen, Kontrasten, Klangfarben, Schattierungen und Empfindungen. Unglaublich, was Bach da kreiert hatte; einiges wies bereits auf die Romantik oder gar den Impressionismus hin. Und ebenfalls kaum zu glauben, dass diese 30 Variationen für Johann Theophilus Goldberg konzipiert worden waren, damit dieser genügend Material hatte, um einem unter Schlaflosigkeit leidenden Grafen vorzuspielen.
Behutsam und liebevoll
An Schlaf war bei Sir András Schiffs Deutung indessen nicht zu denken. Denn er nahm das Publikum in der bis auf wenige Plätze auf der Empore voll besetzten Kirche Saanen mit auf eine Reise in behutsam und liebevoll, doch stets ganz persönlich gestaltete Seelenlandschaften.
Was soll man dabei mehr loben: seine delikate Anschlagskunst oder seine überlegt gewählten Tempobeziehungen? Seine tiefe Versenkung (oft mit geschlossenen Augen) oder seine Spannkraft, welche die musikalischen Abläufe stets zusammenhielt? Oder seine Fähigkeit, jeden Ton mit Ausdruck zu spielen und dabei die ganze Palette von zarten, ja zärtlichen Schwingungen über quasi improvisatorische Geste bis zu phänomenaler Virtuosität zu durchlaufen?
Es wurde deutlich, dass da ein wirklicher Meister am Werk war. Einer, der die Ernte seines reichen Künstlerlebens einfuhr. Natürlich tat er dies alles auswendig, und Bach klang auf dem Steinway-Flügel bald historisch und bald modern – vor allem aber zeitlos und immer hochinteressant.
Mozart und Beethoven
Eigentlich hätte diese gute Stunde an inspiriertem Nachgestalten bereits genug geistig-seelische Nahrung geboten. Doch Sir András beschenkte das Publikum mit zwei weiteren Gipfelwerken ihrer Zeit und forderte es damit zu noch mehr gespannter Aufmerksamkeit heraus.
So lieh er zu Beginn Mozarts melancholischem Adagio in h-Moll von 1788, KV 540, Tiefe und Verinnerlichung. Beethovens Sonate in E-Dur, op. 109, aus dem Jahr 1821 erhielt klare Konturen und einen subtil differenzierten Variationensatz am Schluss, der bereits im Geiste die später folgenden Goldberg-Variationen vorbereitete und den Schiff genau nach Beethovens Vorgaben «gesangvoll und mit innigster Empfindung» vortrug.
So verliess man denn tief bewegt und dankbar die Kirche Saanen, im Wissen darum, einer doppelten Sternstunde beigewohnt zu haben: neben dem faszinierenden Abend auch einer Begegnung mit einer wirklichen «living legend» (lebenden Legende), wie Festival-Intendant Daniel Hope Sir András Schiff eingangs bezeichnet hatte.