Miteinander auf dem Weg: ein Modell, das bei uns funktioniert
26.06.2026 KolumneIn den vergangenen Wochen wurde im Kanton Bern intensiv über das Miteinander von Wanderern und Mountainbikern diskutiert. Wer die Debatte verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, auf unseren Wegen herrsche ein grosses Konfliktpotenzial.
Wenn ich jedoch auf unsere Region schaue, ...
In den vergangenen Wochen wurde im Kanton Bern intensiv über das Miteinander von Wanderern und Mountainbikern diskutiert. Wer die Debatte verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, auf unseren Wegen herrsche ein grosses Konfliktpotenzial.
Wenn ich jedoch auf unsere Region schaue, erkenne ich dieses Bild nicht wieder. Ich schreibe diese Zeilen nicht nur als Tourismusdirektor, sondern vor allem als Einheimischer. Als jemand, der regelmässig wandert. Als jemand, der regelmässig mit dem Mountainbike unterwegs ist. Und als jemand, der im Austausch mit Gästen, Einheimischen, jungen und älteren Menschen steht. Gerade deshalb fällt es mir schwer nachzuvollziehen, weshalb die Diskussion teilweise derart zugespitzt geführt wird.
In unserer Destination leben wir seit vielen Jahren eine Kultur der Koexistenz. Wanderer und Mountainbiker teilen sich vielerorts dieselben Wege. Und aus meiner Wahrnehmung funktioniert dieses Miteinander in den allermeisten Fällen erstaunlich gut. Natürlich gibt es einzelne Orte, an denen man genauer hinschauen muss. Natürlich gibt es Situationen, in denen Verbesserungen sinnvoll sind. Niemand bestreitet das. Dort, wo Massnahmen notwendig sind, soll man sie prüfen und umsetzen. Genau das tun wir seit Jahren.
Als Tourismusorganisation investieren wir zusammen mit den Gemeinden viel Zeit in Sensibilisierung, Aufklärung und gegenseitigen Respekt. Wir kommunizieren Routenvorschläge, bei denen wir wissen, dass das Miteinander funktioniert. Wir unterstützen Kampagnen für Trail-Toleranz und respektvolles Verhalten in den Bergen. Wir suchen das Gespräch mit Grundeigentümern, Bewirtschaftern und Partnern. Nicht weil wir ein grosses Problem hätten, sondern weil wir wollen, dass ein gutes Miteinander auch in Zukunft bestehen bleibt.
Vielleicht ist das der Punkt, der mich an der aktuellen Diskussion am meisten beschäftigt. Wenn man gewisse Stellungnahmen – wie etwa die der Berner Wanderwege – liest, könnte man meinen, wir hätten auf unseren Wegen beinahe einen Krieg. Die Realität, die ich täglich erlebe, ist aber eine andere. Die grosse Mehrheit der Begegnungen verläuft freundlich, respektvoll und ohne Zwischenfälle. Wanderer lassen Biker passieren. Biker bremsen ab oder halten an. Man grüsst sich. Man nimmt Rücksicht. Genau dieses Bild wird in der öffentlichen Diskussion oft zu wenig gezeigt.
Für uns als Tourismusregion ist die Ausgangslage ohnehin klar: Es gibt kein Entweder-oder. Wanderer und Biker sind gleich wichtig. Beide gehören zu unserer Region. Beide suchen Bewegung, Natur und Erholung. Beide leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer touristischen Entwicklung. Und: Wer heute wandert, ist morgen mit dem Bike unterwegs und umgekehrt.
Vielleicht erinnert mich die aktuelle Debatte deshalb manchmal an frühere Zeiten. Ich kann mich noch gut erinnern, als Snowboarder auf den Skipisten als die grossen Störenfriede galten. Heute wirkt das beinahe absurd. Man hat gelernt, miteinander umzugehen.
Wenn ich die Weltlage anschaue, frage ich mich auch manchmal, ob wir die Dinge noch in der richtigen Relation sehen. Es gibt aktuell so viel Leid und ungelöste Probleme in vielen Teilen der Welt. Wir sollten uns bewusst machen, wie gut es uns hier in Wirklichkeit geht und wie wenig Sorgen wir im Vergleich zu diesen tragischen Weltereignissen haben. Deshalb sollten wir keine Konflikte schaffen, wo eigentlich kaum welche sind – und wo wir uns zudem zur Erholung und für ein positives Erlebnis in der Natur aufhalten. Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass wir uns für ein ehrliches Miteinander einsetzen und kein Gegeneinander fördern sollten.
Gerade deshalb bleiben mir die wenigen negativen Begegnungen, die ich bisher hatte, besonders in Erinnerung. Die seltenen Momente, in denen einem als Biker auf dem Wanderweg ein giftiger Blick begegnet. Obwohl man langsam fährt. Obwohl man anhält. Obwohl man Rücksicht nimmt. Ich möchte diese Menschen nicht kritisieren. Im Gegenteil. Mich würde ehrlich interessieren, was hinter dieser Haltung steckt. Was löst diese Ablehnung aus? Weshalb wird ein Mitmensch auf einem Mountainbike als Problem wahrgenommen, obwohl gegenseitiger Respekt in den allermeisten Fällen funktioniert? Vielleicht sollten wir genau dort ansetzen. Nicht beim Trennen von Menschen, sondern beim Verstehen ihrer Perspektiven.
FLURIN RIEDI
TOURISMUSDIREKTOR
flurin.riedi@gstaad.ch
ZUM THEMA DER KOLUMNE: KOEXISTENZ AUF WANDERWEGEN
Die Frage, ob Wanderer und Mountainbiker dieselben Wege nutzen sollen, wird derzeit im Kanton Bern intensiv diskutiert. Auslöser ist eine geplante Revision der kantonalen Strassenverkehrsverordnung. Der Regierungsrat möchte das bisherige generelle Fahrverbot für Mountainbikes auf schmalen Wanderwegen lockern und die gemeinsame Nutzung dort ermöglichen, wo sie sinnvoll erscheint. Dagegen wehren sich insbesondere die Berner Wanderwege sowie Vertreter von Waldund Grundeigentümern, die eine stärkere Trennung der Wegnetze fordern.
Die Revision ist noch nicht beschlossen. Wie die Sicherheitsdirektion des Kantons Bern dem «Anzeiger von Saanen» auf Anfrage mitteilte, wird die Vorlage derzeit ausgewertet. Das ursprünglich vorgesehene Inkrafttreten per 1. Juli 2026 wurde verschoben; ein neuer Zeitplan liege noch nicht vor.
In der aktuellen Kolumne schildert Tourismusdirektor Flurin Riedi seine persönliche Sicht auf das Thema – als Einheimischer, Wanderer und Mountainbiker.
REDAKTION AVS

