«Wir wollen nicht Däumchen drehen und warten, bis etwas vom Himmel gesendet wird»
10.07.2026 GstaadDie römisch-katholische Kirchgemeinde und Pfarrei St. Josef Gstaad hat sich mit einem Brief an ihre rund 2600 Mitglieder gewandt. Sie möchte mit ihnen in Kontakt treten und den Weg für eine «Mitmach-Kirche» ebnen. Dabei will sie auch die Mitglieder erreichen, denen man im ...
Die römisch-katholische Kirchgemeinde und Pfarrei St. Josef Gstaad hat sich mit einem Brief an ihre rund 2600 Mitglieder gewandt. Sie möchte mit ihnen in Kontakt treten und den Weg für eine «Mitmach-Kirche» ebnen. Dabei will sie auch die Mitglieder erreichen, denen man im Pfarreialltag selten begegnet. Kirchgemeinderat Zacharias Borer sagt: «Wir müssen aktiv werden.»
JONATHAN SCHOPFER
«In unserer Pfarrei entsteht gerade viel neuer Freiraum, auch deshalb, weil klassische Strukturen wie eine feste Gemeindeleitung derzeit fehlen», schrieb die Pfarrei St. Josef Gstaad im April in einem Brief an ihre Mitglieder. Die rund 2600 Mitglieder im Saanenland und im Obersimmental wurden gebeten, über die Zukunft der Pfarrei nachzudenken. «Wir möchten dich hören. Was wünschst du dir? Was bewegt dich?», heisst es darin.
Mit dem Brief wollte die Pfarrei auch die Personen erreichen, die im Pfarreialltag weniger sichtbar sind. «Wir haben viele Mitglieder auf dem Papier, aber begegnen ihnen kaum», sagt Kirchgemeinderatsmitglied Zacharias Borer. «Schätzungsweise 50 bis 100 Personen nehmen am Pfarreileben aktiv teil – regelmässig begegnet man aber weniger Mitgliedern», sagt er. «Mit dem Brief wollen wir auf die Mitglieder zugehen. Wir wollen nicht Däumchen drehen und warten, bis etwas vom Himmel gesendet wird.»
Vakante Stelle führte zum Umdenken
«Es ist keine einfache Situation», sagt Borer. «Ohne Gemeindeleitung fehlt eine Führungsperson auf pastoraler und seelsorglicher Seite.» Die Vakanz habe auch die bisherige Aufgabenverteilung verändert. Der Kirchgemeinderat, der eigentlich für die Finanzen und die politischen Aufgaben zuständig sei, habe zunehmend Aufgaben innerhalb der Pfarrei übernommen. Dazu gehörten unter anderem die Bereiche Personal, Begleitung und Mitarbeit der pfarreilichen Arbeit oder eben auch die künftige Ausrichtung der Pfarrei.
Dass die Stelle seit vier Jahren offen und schwierig zu besetzen ist, habe mit dem akuten Mangel an Seelsorgenden im gesamten Bistum sowie dem riesigen Einzugsgebiet von Gsteig bis an die Lenk zu tun. «Für die Pfarrei ist das jedoch die Chance, den Freiraum konsequent für die Mitglieder zu öffnen», sagt Zacharias Borer. Wenn die Kirche nicht aktiv von unten mitgestaltet werde, geht das Pfarreileben langfristig verloren. Professionell unterstützt wird der Kirchgemeinderat in diesem Kulturwandel durch die Theologin und Organisationsentwicklerin Judith Furrer Villa.
40 bis 50 Rückmeldungen eingegangen
Auf den im April verschickten Brief gingen laut Borer 40 bis 50 Antworten ein. Erste Rückmeldungen wurden im Eingangsbereich aller drei Kirchenstandorte Gstaad, Zweisimmen und Lenk aufgehängt. Zu lesen ist beispielsweise der Wunsch nach zeitgemässen Formen oder nach einer moderneren Ausrichtung der Kirche.
Auf die Frage dieser Zeitung, wie viel Freiheiten man bei der künftigen Gestaltung habe, sagt Zacharias Borer, es bestehe viel Spielraum. «Wir können nicht mehr einfach Angebote auf gut Glück machen in der Hoffnung, dass dann jemand kommt. Neue Initiativen müssen direkt aus dem Kreis der Mitglieder heraus entstehen, sonst ist niemand da, der sie trägt.»
Die Überlegungen zur Zukunft der Kirchgemeinde und Pfarrei St. Josef sollen nun mit den Mitgliedern in einem Seminar am 6. und 7. November vertieft werden. Für Zacharias Borer steht im Voraus fest: «Wir erwarten keine fertigen Lösungen, aber wir wollen neue Perspektiven gewinnen und Ideen diskutieren, wie wir die Zukunft der Pfarrei angehen wollen.»
ZUR PERSON
Zacharias Borer ist 43 Jahre alt und in Bolligen im Kanton Bern sowie im Aargau aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Frau Mariana und ihrer bald dreijährigen Tochter in St. Stephan. Er ist seit 2020 Mitglied des Kirchgemeinderats der römisch-katholischen Kirchgemeinde Gstaad. Er ist Oberstufenlehrer und unterrichtet seit 2017 an der Schule in Boltigen.
JSC




