Mobbing: Wie Schulen vorbeugen und handeln
11.08.2026 SchuleWie erkennt man Mobbing und was geschieht bei einem Verdachtsfall? Zum Schulbeginn widmet sich der «Anzeiger von Saanen» dem Thema Mobbing an Schulen. Wir haben bei Michel Zysset, Hauptschulleiter und Schulleiter OSZ Gstaad, Bissen und Turbach sowie bei Evelyne Moser, ...
Wie erkennt man Mobbing und was geschieht bei einem Verdachtsfall? Zum Schulbeginn widmet sich der «Anzeiger von Saanen» dem Thema Mobbing an Schulen. Wir haben bei Michel Zysset, Hauptschulleiter und Schulleiter OSZ Gstaad, Bissen und Turbach sowie bei Evelyne Moser, Stellenleitung der Schulsozialarbeit Saanenland-Obersimmental, nachgefragt.
JONATHAN SCHOPFER
Ein Kind zieht sich plötzlich zurück, wirkt traurig oder ängstlich oder möchte nicht mehr zur Schule gehen. Solche Veränderungen können viele Gründe haben und auf eine Belastung hindeuten. Ob Mobbing dahintersteckt, ist für das Umfeld nicht immer einfach zu erkennen. «Die betroffenen Personen melden sich selten von sich aus», sagt Evelyne Moser von der Schulsozialarbeit Saanenland-Obersimmental.
Nicht jeder Streit ist Mobbing
Für Moser ist zunächst wichtig, zwischen einem Streit und Mobbing zu unterscheiden. «Streit entsteht meist rund um eine Sache oder aufgrund unterschiedlicher Interessen.» Dabei seien beide Parteien ungefähr gleich stark und grundsätzlich in der Lage, eine Lösung zu finden. Anders sei es bei Mobbing. «Mobbing ist eine negative Gruppendynamik, bei der eine Person im Fokus steht.» Diese werde systematisch und wiederholt über längere Zeit negativen Handlungen ausgesetzt. Zudem seien die Kräfte ungleich verteilt.
Hinweise auf mögliche Mobbingfälle erhält die Schulsozialarbeit auf unterschiedlichen Wegen. «Über Mitschülerinnen und Mitschüler, Eltern, Bezugspersonen, Lehrpersonen oder die Schulleitung», sagt Moser. Manchmal falle ihr auch während der Arbeit mit einer Klasse ein besonderes Verhalten einzelner Schülerinnen und Schüler oder einer Gruppe auf.
Was passiert nach einer Meldung?
«Geht bei einer Lehrperson oder der Schulleitung eine Meldung ein oder machen wir selbst entsprechende Beobachtungen, wird diese sehr ernst genommen», betont Michel Zysset, Hauptschulleiter und Schulleiter OSZ Gstaad, Bissen und Turbach. Danach kläre die Schule, ob es sich um einen Konflikt oder um Mobbing handle, und sammle weitere Informationen: Gibt es auch Beobachtungen von Eltern, Mitschülerinnen und Mitschülern oder anderen Lehrpersonen? Was zeigt sich im Klassenklima?
«Relativ rasch ziehen wir die Schulsozialarbeit als Fachstelle mit ein. Lehrpersonen, Schulleitung und Schulsozialarbeit bringen unterschiedliche Perspektiven ein und stimmen das weitere Vorgehen gemeinsam ab», sagt Zysset. Möglicherweise habe die Schulsozialarbeit bereits Gespräche mit einzelnen Schülerinnen oder Schülern geführt und verfüge dadurch über weitere Informationen.
Wird Moser von einer Lehrperson, den Eltern oder von der betroffenen Person selbst auf einen möglichen Fall aufmerksam gemacht, sucht sie zunächst das Gespräch. «Ich höre mir die Situation der betroffenen Person an.» Anschliessend werde gemeinsam besprochen, wie es weitergehen soll. «Wichtig ist, nichts zu überstürzen und weitere Schritte gemeinsam zu planen.»
Danach würden die Eltern, Klassenlehrpersonen und Schulleitung einbezogen. «Wer die weiteren Gespräche führt, wird fallbezogen festgelegt und die betroffene Person und deren Eltern werden laufend betreut und informiert», sagt Evelyne Moser. Denn eine positive Zusammenarbeit aller Parteien sei essenziell, damit erfolgreich Schritte in eine Verbesserung der belastenden Situation erfolgen können.
Wenn Gespräche nicht ausreichen
Helfen Gespräche nicht weiter, trifft die Schule laut Zysset häufig Vereinbarungen mit den beteiligten Schülerinnen und Schülern. Darin werde schriftlich festgehalten, wie sie künftig miteinander umgehen und zusammenarbeiten wollen.
Wenn es die Situation erfordert, stehen der Schule zudem erzieherische und disziplinarische Massnahmen zur Verfügung. «Welche Massnahme angemessen ist, hängt vom Einzelfall ab», sagt der Schulleiter.
Wichtig ist gemäss Zysset zudem die Nachkontrolle. Dabei werde überprüft, ob die Vereinbarungen eingehalten werden. «Wir prüfen, ob ein Weg gefunden worden ist, wieder miteinander zu arbeiten.»
Wortführer und Mitläufer
Mobbing betrifft häufig nicht nur einzelne Personen, sondern eine ganze Gruppe. «Meistens gibt es eine Person, die das Ganze anführt, und um diese Person hat es viele Mitläuferinnen und Mitläufer, die mitmachen», sagt Moser. Häufig geschehe dies, ohne dass sich die Beteiligten viele Gedanken über ihr eigenes Verhalten machten. «Werden diese direkt angesprochen, kommt schnell eine Reflexion in Bewegung.»
«Für die Schule steht zunächst der Schutz der betroffenen Schülerin oder des betroffenen Schülers im Vordergrund», sagt Zysset. Gleichzeitig müsse die Situation sorgfältig geklärt werden. «Ziel ist es, die belastende Dynamik nachhaltig zu stoppen und für alle Beteiligten wieder einen sicheren und geordneten Schulalltag zu ermöglichen.»
Der Cyberbereich macht Mobbing komplexer
«Durch die digitalen Medien wurde es komplexer», sagt Moser. Eine betroffene Person komme kaum mehr zur Ruhe, sondern sei rund um die Uhr damit konfrontiert. Bilder, Videos und Aussagen könnten sich ausserdem rasch und unkontrolliert verbreiten. «Daher fordert es ein rasches, überlegtes Handeln.»
Obwohl die Schülerinnen und Schüler an den Schulen der Gemeinde Saanen ihre Mobiltelefone während des Unterrichts abgeben, bleibt Cybermobbing für die Schule ein Thema. «In diesem Sinn passiert Cybermobbing häufig ausserhalb der Schule», sagt Zysset. Da es jedoch zwischen Schülerinnen und Schülern stattfinde, zeigten sich die Konsequenzen und Folgen auch in der Schule. «Was ausserhalb der Schule geschieht, kann in der Schule auftauchen oder sich dort entladen.»
Prävention: ein gutes Schulklima und Klassenverträge
Damit Mobbing möglichst früh erkannt oder verhindert wird, braucht es laut Moser eine wertschätzende und wohlwollende Kultur des Zusammenlebens, eine offene Gesprächskultur und ein gutes Klassenklima. Schülerinnen und Schüler sollten lernen, das eigene Verhalten zu hinterfragen und nicht einfach mitzumachen. «Hinschauen, nicht wegschauen, ist in meinen Augen das Wichtigste.»
Unter dem Gesamttitel: «Gewaltprävention», arbeitet die Schulsozialarbeit zweimal im Jahr aufbauend ab der 7.Klasse an Themen wie Klassenklima, Konflikte lösen, Streit, Mobbing oder Zivilcourage. In diese Präventionseinheiten integriert die Schulsozialarbeit aktuelle Themen der Klassen.
Auch Zysset betont die Bedeutung des Hinschauens. «Im Zweifelsfall ist es besser, einmal mehr nachzuforschen und zu kommunizieren, als das Thema einfach wegzukehren.»
«Ein Mittel, das sich bewährt hat, sind Klassenverträge», sagt Zysset. Darin legen Schülerinnen und Schüler gemeinsam Regeln für einen respektvollen und gewaltlosen Umgang fest. Die Vereinbarungen würden von der Klassenlehrperson begleitet. Wenn das Klassenklima später kippe, könne der Vertrag wieder hervorgenommen und auf die gemeinsam vereinbarten Regeln verwiesen werden.
«Entscheidend ist für mich, dass die Arbeit nicht erst bei einem konkreten Mobbingverdacht beginnt», sagt er. Ein respektvoller Umgang, klare Regeln, Beziehungsarbeit und ein gutes Klassenklima seien Teil des Schulalltags. Lehrpersonen beobachten zudem die sozialen Dynamiken innerhalb ihrer Klassen und thematisieren Auffälligkeiten frühzeitig. «Hierbei spielt die Kommunikation zwischen allen Stellen eine wichtige Rolle: Schulleitung, Schulsozialarbeit und Lehrpersonen, Eltern und Schülerinnen und Schüler.»
Auch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit sei Teil der Prävention. «Mobbing ist kein Thema, das nur die Schule betrifft. Entscheidend ist, dass wir alle hinschauen und Veränderungen oder problematische Entwicklungen ansprechen», sagt Zysset.
ZUM SCHULSTART
Gestern Montag, 10. August, begann in den deutschsprachigen Regionen des Kantons Bern das neue Schuljahr. «Rund 10’250 Kinder beginnen im Kanton Bern in diesem Sommer ihre Schulzeit – im ersten Kindergartenjahr, in der Basisstufe oder im Cycle élémentaire», schreibt die Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern. Insgesamt seien im Schuljahr 2026/27 voraussichtlich rund 119’500 Kinder und Jugendliche in der Volksschule im Kanton Bern eingeschrieben.
Der «Anzeiger von Saanen» nimmt den Schulstart jeweils zum Anlass, ein Thema aus dem Schulalltag näher zu beleuchten. Im vergangenen Jahr befassten wir uns mit dem Handyverbot an Schulen, dieses Jahr widmen wir uns in einer zweiteiligen Serie dem Thema Mobbing.
JSC
WAS ELTERN TUN KÖNNEN
«Sprechen Sie mit Ihrem Kind und nehmen Sie es in seinen Aussagen ernst», rät Evelyne Moser von der Schulsozialarbeit Saanenland-Obersimmental. Eltern sollten bei einem Verdacht das Gespräch mit ihrem Kind suchen und sich anschliessend an die Klassenlehrperson, Schulleitung oder die Schulsozialarbeit wenden.
«Lösungen gibt es in der Regel immer. Sobald etwas bekannt wird, kann auch nach Lösungen gesucht und gehandelt werden.»
Weitere Anlaufstellen:
– Berner Gesundheit
– feel-ok.ch
– Pro Juventute: 147
– Elternnotruf: 0848 35 45 55.
JSC
Die Kantonspolizei Bern im Interview
«Cybermobbing ist ab dem Alter der Strafmündigkeit von 10 Jahren strafrechtlich relevant»
Wann sollte man bei Cybermobbing die Polizei einschalten und können Jugendliche überhaupt bestraft werden, wenn sie Cybermobbing begehen? Wir haben bei der Kantonspolizei Bern nachgefragt.
JONATHAN SCHOPFER
Wann sollten Betroffene oder deren Eltern die Polizei einschalten?
Ob die Polizei eingeschaltet werden sollte, hängt von der konkreten Situation ab und muss im Einzelfall beurteilt werden. Spätestens wenn sich die betroffene Person nicht mehr sicher oder wohlfühlt, deutliche Verhaltensänderungen zeigt oder Drohungen, Erpressungen oder andere strafbare Handlungen vorliegen, sollte die Polizei kontaktiert werden. Je nach Situation kann es sinnvoll sein, zunächst die Schule oder andere zuständige Stellen einzubeziehen. Eine Strafanzeige allein löst das Problem selten. Wichtig ist deshalb, die betroffene Person zu schützen, den Vorfall zu dokumentieren und auf eine rasche Deeskalation der Situation hinzuwirken.
Über welche Plattformen oder Kommunikationskanäle kommt Cybermobbing besonders häufig vor?
Cybermobbing kann überall dort stattfinden, wo Menschen digital miteinander kommunizieren. Besonders häufig erfolgt es über Messenger-Dienste wie WhatsApp sowie über soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat oder Tik-Tok. Diese Kanäle ermöglichen eine schnelle und weitreichende Verbreitung von Nachrichten, Bildern oder Videos.
Ab welchem Alter und unter welchen Umständen kann Cybermobbing strafrechtlich relevant sein?
In der Schweiz ist Cybermobbing ab dem Alter der Strafmündigkeit von zehn Jahren strafrechtlich relevant. Das Jugendstrafrecht gilt für Personen, die zum Tatzeitpunkt zwischen zehn und achtzehn Jahre alt sind. Ab dem achtzehnten Altersjahr kommt das Erwachsenenstrafrecht zur Anwendung.
Welche Straftatbestände können bei Cybermobbing eine Rolle spielen?
Da Cybermobbing kein eigener Straftatbestand ist, können je nach Verhalten verschiedene Bestimmungen des Strafgesetzbuches (StGB) zur Anwendung kommen. Beispielsweise:
– Beschimpfung (Art. 177 StGB)
– üble Nachrede (Art. 173 StGB)
– Drohung (Art. 180 StGB)
– Nötigung (Art. 181 StGB)
– Erpressung (Art. 156 StGB)
Was tun bei Cybermobbing?
Betroffene sollten Beweise wie Screenshots oder Chatverläufe sichern, die verantwortlichen Personen blockieren und problematische Inhalte auf der jeweiligen Plattform melden. Zudem empfiehlt es sich, eine Vertrauensperson einzubeziehen und Unterstützung zu suchen.
Welche Fehler sollten Betroffene im Umgang mit Cybermobbing vermeiden?
Betroffene sollten nicht auf beleidigende oder provozierende Nachrichten reagieren, da dies die Situation häufig verschärft. Zudem ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass das eigene Profil im Internet wie eine persönliche Visitenkarte wirkt. Deshalb sollten persönliche Informationen mit Bedacht geteilt und auf das Versenden oder Veröffentlichen von intimen Bildern oder Videos grundsätzlich verzichtet werden. Cybermobbing sollte zudem nicht ignoriert oder verharmlost werden. Stattdessen empfiehlt es sich, Vorfälle frühzeitig zu dokumentieren, eine erwachsene Vertrauensperson – etwa Eltern oder Lehrpersonen – einzubeziehen und Unterstützung zu suchen. Je früher gehandelt wird, desto eher kann verhindert werden, dass sich das Cybermobbing über einen längeren Zeitraum fortsetzt.
Wie arbeitet die Polizei mit Schulen, Eltern und weiteren Fachstellen zusammen?
Die Prävention spielt bei Cybermobbing eine zentrale Rolle. Deshalb arbeitet die Kantonspolizei Bern eng mit Schulen und verschiedenen Fachstellen zusammen. Im Kanton Bern werden Schülerinnen und Schüler in der fünften oder sechsten Klasse im Rahmen von Präventionslektionen zu digitalen Medien sensibilisiert, wobei auch Cybermobbing thematisiert wird. Schulen können zudem Elternabende zu diesem Thema organisieren, an denen Mitarbeitende der Kantonspolizei mit Fachinputs mitwirken und Fragen beantworten. Darüber hinaus arbeitet die Polizei mit Partnerorganisationen wie der Schweizerischen Kriminalprävention (SKP) zusammen, deren Informationsmaterialien in der Präventionsarbeit eingesetzt werden.
Gibt es Zahlen dazu, wie häufig Cybermobbing im Kanton Bern vorkommt?
Da Cybermobbing in der Schweiz kein eigener Straftatbestand ist, werden dazu bei uns keine spezifischen Statistiken geführt. Strafbare Handlungen im Zusammenhang mit Cybermobbing werden je nach Sachverhalt beispielsweise als Beschimpfung, Erpessung oder Drohung erfasst. Ob diese Delikte im Zusammenhang mit Cybermobbing begangen wurden, wird in der Statistik jedoch nicht ausgewiesen.
Gibt es Tendenzen?
Aus polizeilicher Sicht zeigt sich, dass sich Mobbing zunehmend in den digitalen Raum verlagert hat. Während Konflikte früher häufig auf den Pausenplatz oder den Schulweg beschränkt waren, können Betroffene heute über soziale Netzwerke oder Messenger-Dienste rund um die Uhr mit Anfeindungen konfrontiert werden.
Wie kann Cybermobbing verhindert werden?
Cybermobbing lässt sich nicht vollständig verhindern. Einen wichtigen Beitrag leisten jedoch Eltern, indem sie ihre Kinder frühzeitig im Umgang mit digitalen Medien begleiten und mit ihnen offen über Risiken des Internets sprechen. Dazu gehört auch, Themen wie Privatsphäre, Pornografie, den verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten sowie das Versenden von Bildern anzusprechen. Ebenso wichtig sind ein respektvoller Umgang im Internet und die Förderung der Medienkompetenz. Je früher Kinder und Jugendliche für diese Themen sensibilisiert werden, desto besser können sie Risiken erkennen und angemessen darauf reagieren.
WAS IST CYBERMOBBING?
«Cybermobbing bezeichnet das wiederholte absichtliche Beleidigen, Bedrohen, Belästigen, Demütigen oder Ausgrenzen einer Person via Internet über einen längeren Zeitraum hinweg», sagt die Medienstelle des Kanton Bern.
«Cybermobbing umfasst unter anderem das Verbreiten von Gerüchten oder falschen Informationen, das Veröffentlichen oder Weiterleiten von Bildern und Videos ohne Einwilligung, das Erstellen von Fake-Profilen sowie Beschimpfungen, Drohungen oder Belästigungen über digitale Kanäle», schreibt die Medienstelle weiter. Dazu zähle auch die sogenannte Hassrede, die «Hate Speech», bei der Personen oder Gruppen gezielt beleidigt, herabgewürdigt oder diskriminiert werden.
PD/JSC



