Mozart-Sternstunde im Schneesturm
15.01.2026 KulturMit dem Konzert «Mozart forever» setzten die Pianistin Elizabeth Sombart und das Streichquartett «Quatuor Résonnance» in der voll besetzten Kirche Saanen den glanzvollen Schlusspunkt der 20. Ausgabe des Gstaad New Year Music Festivals. Das grossartige Konzert mit ...
Mit dem Konzert «Mozart forever» setzten die Pianistin Elizabeth Sombart und das Streichquartett «Quatuor Résonnance» in der voll besetzten Kirche Saanen den glanzvollen Schlusspunkt der 20. Ausgabe des Gstaad New Year Music Festivals. Das grossartige Konzert mit Mozarts Klavierkonzerten Nr. 21 und 23 erntete stehende Ovationen. Der Eintritt war frei und explizit als «Geschenk an die Gemeinschaft» gedacht – ein Abend, an dem Einheimische, Feriengäste, Familien und neugierige Erstbesuchende ohne Schwellenangst gemeinsam Musik in höchster Qualität erleben konnten.
CLAUDIA HEINE
Für Elizabeth Sombart weit mehr als ein weiterer Auftritt im dicht gefüllten Kalender. Zwischen Schneesturm, dankbarem Publikum und der besonderen Geschichte der Kirche entwickelte sich für sie ein Abend, den sie als «Moment des Lichts» beschreibt.
Draussen peitschte der Schnee über das Dorf, drinnen war die evangelisch-reformierte Kirche von Saanen bis auf den letzten Platz gefüllt: Genau das rührte Elizabeth Sombart tief – nicht nur, weil der Weg wegen der widrigen Wetterverhältnisse beschwerlich war, sondern weil sie darin die «wahre Rolle der Musik» bestätigt sah: Trost zu spenden, und zwar allen, unabhängig von Bildung oder Geldbeutel. Denn, so beschreibt es Elizabeth Sombart treffend: «Um Musik wahrzunehmen, braucht es einzig ein offenes Herz, keinen Universitätsabschluss oder ein pralles Konto.»
Mit sichtbarer Rührung bedankte sie sich gleich zu Beginn des Abends von der Bühne herab beim Publikum – sie selbst, so sagte sie später lachend, wäre bei diesem Wetter wahrscheinlich zu Hause geblieben. Für sie sei es «tröstlich und beglückend» zugleich gewesen zu erleben, wie sehr Musik im Saanenland Teil des Gemeinschaftslebens geworden ist.
Musik als Trost – nicht als Verführung
Im Gespräch findet Sombart klare Worte für ihre künstlerische Haltung. «Mit der Musik kommunizieren wir nicht, wir kommunieren», sagt sie – Kommunikation im üblichen Sinn sei immer auch Verführung, während Musik die Herzen vereine und «das Grössere in uns» berühre. Die Kirche von Saanen, mit ihren Verbindungen zu Pablo Casals und Yehudi Menuhin, sei dafür ein nahezu idealer Ort: ein Raum, in dem sich Geschichte, Spiritualität und Klang überlagern und verdichten.
Sie beschreibt ihr Spiel als «Dienst des Trostes», ein «Ministerium der ‹consolation›», das sich nicht nach Saalgrösse oder Prestige richtet. Ob Berliner Philharmonie, Wiener Musikverein oder ein Altersheim im Waadtland – für Sombart gibt es keine «kleinen» und «grossen» Konzerte. Entscheidend sei, dass Musik «dort ankommt, wo Worte nicht mehr reichen».
Vom Steinway bis zum klapprigen Klavier
Wenn die Pianistin von ihrem Alltag erzählt, führt der Weg von Tiflis über Wien und Berlin bis nach Gstaad – und in Heime, Spitäler und Gefängnisse. In Georgiens Hauptstadt spielte sie kurz vor dem Konzert in Saanen ein Programm zum orthodoxen Weihnachtsfest und brachte, wie sie sagt, ihren georgischen Grossvater «geistig durch die Musik und physisch durch sein Buch» symbolisch nach Hause zurück.
Eine Episode aus Afrika hat ihre Sicht auf ihr Instrument grundlegend verändert. In Sambia erwartete sie statt eines Konzertflügels ein schwer mitgenommenes Klavier ohne Deckel. In ihrer Verzweiflung «bat» sie innerlich, dieser Auftritt möge an ihr vorbeigehen – und hörte in sich einen Satz, der für sie zum Wendepunkt wurde: «Du spielst, ich berühre die Seelen.» Seither, sagt sie, habe sie nie wieder ein Instrument als «schlecht» bezeichnet. Der Flügel könne mit ihr, für sie oder gegen sie arbeiten – aber letztlich sei sie selbst nur «vitrage», durch das ein anderes Licht scheine.
Eine Mission: Musik dorthin bringen, wo sie fehlt
Diese Haltung prägt auch die 1998 von ihr gegründete Fondation Résonnance mit Sitz in Morges, die kostenlose Konzerte in Spitälern, Gefängnissen, Waisenhäusern und Altersheimen organisiert und in mehreren Ländern tätig ist. Jeden Dezember, erzählt Sombart, füllt sie ihre Tage mit «Konzerten der Solidarität» – in der Schweiz, aber auch in anderen Ländern – und wechselt fliessend zwischen renommierten Sälen und Institutionen, in denen klassische Musik sonst kaum vorkommt.
Dass das Gstaad New Year Music Festival seine 20. Ausgabe mit einem Gratiskonzert in Saanen beschliesst, erlebt sie als konsequente Verlängerung dieser Mission: Mindestens ein Abend müsse «denen gehören, für die 30 oder 50 Franken Eintritt schlicht unmöglich sind». Die Mozart-Konzerte habe sie bewusst gewählt – als Werkzyklus, der für sie «die ganze Palette der Seele» durchschreitet und alles ausspreche, «wo die Sprache an ihre Grenzen kommt».
Junge Pianisten und neue Wege
Neben dem eigenen Konzertkalender ist Sombart als Pädagogin tätig. In ihrer Stiftung unterrichtet sie eine kleine Zahl von Masterstudentinnen und -studenten, mit denen sie langfristige Projekte entwickelt. Die georgische Pianistin Nino Kuprijvili lebte zehn Jahre in ihrer Stiftung und trat inzwischen auch beim Festival in Gstaad auf. Derzeit arbeitet Elizabeth Sombart unter anderem mit dem Griechen Stavros Ristas, der in Saanen die Noten für sie umblätterte, sowie mit dem 20-jährigen Nicolas Commis, mit dem sie in London Mozarts Doppelkonzert aufgeführt hat.
Für den musikalischen Nachwuchs sei die Gegenwart herausfordernd, sagt sie. «Die Welt verändert sich – man kann keine Karriere mehr planen wie vor zwanzig oder dreissig Jahren.» Ihre Empfehlung an junge Pianistinnen und Pianisten: neue Wege erfinden, in soziale Einrichtungen gehen, spielen, wo sonst Stille herrscht. Jede verschenkte Stunde dort sei «gewonnene Zeit», weil sie helfe, aus Musik ein «totales Geschenk» zu machen – im eigenen Anspruch so hoch wie in einem grossen Konzertsaal.
Zwischen Stille und Epiphanie
Auf die Frage, ob sie selbst noch als Zuhörerin in Konzerte gehe, antwortet Sombart überraschend: «Ich glaube, ich mag Musik nicht. Ich bin Musik – so wie der Rubin nicht das Rot mag.» Nach intensiven Arbeitsphasen brauche sie Stille, um die «reine Note» wiederzufinden. In einen Saal setze sie sich meist nur dann, wenn ein eigener Schüler spielt.
Den Abend in Saanen beschreibt sie rückblickend als das, was die christliche Tradition Epiphanie nennt: einen Moment, in dem «jeder am richtigen Platz» gewesen sei – Publikum, Musiker, Raum, Licht. Die Musik habe «die Herzen geeint» und mitten im Schneesturm sei in der Kirche für eine Stunde ein heller Raum entstanden, der über das Konzert hinauswirkte.
ELIZABETH SOMBART – WICHTIGSTE STATIONEN
– Geboren in Strassburg; Ausbildung u.a. in Paris bei bedeutenden Pianisten der grossen europäischen Tradition.
– Internationale Karriere als Solistin mit Rezitalen und Konzerten in Europa, Amerika und Asien.
– 1998 Gründung der Fondation Résonnance mit Sitz in der Schweiz; heute in mehreren Ländern aktiv, mit jährlich Hunderten kostenloser Konzerte in Spitälern, Gefängnissen, Waisenhäusern und Altersheimen.
– Zahlreiche Einspielungen, u.a. mit dem Royal Philharmonic Orchestra; Schwerpunkt auf Beethovenund Mozartkonzerten.
– Auszeichnung in Frankreich als Chevalier de l’Ordre National du Mérite und Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres für ihr künstlerisches und humanitäres Engagement.
CHE
«QUATUOR (QUARTETT ) RÉSONNANCE»
Das Streichquartett des Abends, «Quatuor Résonnance» besteht aus den Musiker:innen Nathanaëlle Marie, Violine, Saskia Lethiec, Violine, Vinciane Béranger, Viola, Christophe Beau, Violoncello.
BILANZ: JUBILÄUMSAUSGABE DES GSTAAD NEW YEAR MUSIC FESTIVALS BEGEISTERT PUBLIKUM UND KÜNSTLER
Rund zweieinhalb Wochen lang stand Gstaad und das Pays-d’Enhaut im Zeichen der Musik. Zum 20-jährigen Bestehen präsentierte das Gstaad New Year Music Festival insgesamt 24 Konzerte, Shows und Veranstaltungen. Aufgetreten sind 104 Künstlerinnen und Künstler aus 23 Nationen. Das Programm spannte einen weiten Bogen von Oper und Kammermusik über Chor, Tanz und Musical bis hin zu Barock, zeitgenössischer Musik, Weltmusik und erstmals auch mehreren Jazzkonzerten.
Festivaldirektorin Caroline Murat zeigt sich hochzufrieden mit der Jubiläumsausgabe. Man habe «mehr als zwei Wochen lang das Leben in Rosa erlebt», sagte sie mit Blick auf die Glücksfarbe des Festivals. Zu den Höhepunkten zählten Auftritte internationaler Opernstars wie Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Vittorio Grigolo, Golda Schultz, Michael Spyres, Jakub Orli´nski, Marina Viotti und Asmik Grigorian. Daneben bot das Festival auch jungen Talenten eine Bühne. Die Konzerte für Nachwuchskünstler seien der Festivalleitung «besonders wichtig» und hätten erneut ein breites und überraschendes Spektrum gezeigt, betont Murat.
Zwei Konzerte wurden der Bevölkerung der Region kostenlos angeboten. Beim traditionellen Neujahrskonzert am 1. Januar 2026 in Rougemont trat die Schweizer Mezzosopranistin Marina Viotti auf. «Welches schönere Geschenk hätte das Festival seinem Publikum zum 20-jährigen Bestehen machen können», sagte Murat. Den Abschluss bildete am 10. Januar ein Konzert der Pianistin Elizabeth Sombart in der voll besetzten Kirche von Saanen.
Die Resonanz des Publikums war gross. Zahlreiche Konzerte waren ausverkauft, die Ticketverkäufe stiegen laut Veranstaltern markant. Auch die mediale Aufmerksamkeit nahm zu: Journalistinnen und Journalisten aus mehreren europäischen Ländern berichteten über das Festival. Dies trage dazu bei, das internationale Ansehen von Gstaad weiter zu stärken, heisst es vonseiten der Festivalleitung.
Für Murat ist es nicht nur der künstlerische Erfolg, der diese Ausgabe besonders mache, sondern auch die Atmosphäre. «Die Nähe zwischen Weltstars und Publikum, nur wenige Schritte voneinander entfernt, ist etwas, das nur unser Festival wagt», sagte sie. Entsprechend emotional falle der Abschied aus: Man beende «mit Bedauern die schönste Ausgabe des Festivals», so Murat. Zugleich richte sich der Blick bereits nach vorne: «Dank der Musik werden wir immer 20 Jahre alt bleiben, aber wir denken schon an unser 21. Jahr… Das Alter der Vernunft?»
PD/JOP





