Zukerman, Hope & Friends widmeten sich am Menuhin Festival Gstaad zwei bekenntnishaften Meisterwerken von Brahms und Schubert. Sie ernteten dafür begeisterten Applaus.
ERICH BINGGELI
Welch anspruchsvolles, wunderbares Programm: Mit dem Klavierquartett Nr. 3 ...
Zukerman, Hope & Friends widmeten sich am Menuhin Festival Gstaad zwei bekenntnishaften Meisterwerken von Brahms und Schubert. Sie ernteten dafür begeisterten Applaus.
ERICH BINGGELI
Welch anspruchsvolles, wunderbares Programm: Mit dem Klavierquartett Nr. 3 in c-Moll, op. 60 von Brahms und Schuberts einzigem Streichquintett (C-Dur, D 956, op. posth. 163, mit zwei Celli) erklang in der voll besetzten Kirche Saanen Musik, die ans Lebendige geht. Brahms verarbeitete in dem 1875 vollendeten sogenannten «Werther-Quartett» (in Anlehnung an Goethes unglücklich Verliebten) seine unerfüllte Liebe zu Clara Schumann und drückte darin ganz offen seine Sehnsucht, seinen Schmerz und seine Verzweiflung aus. Es ist eine düstere, kantige und leidenschaftliche Schöpfung.
Auch Schubert lässt in die Tiefen seines Innern blicken, aber aus ganz anderen Motiven: Er komponierte sein Quintett 1828, in seinem Todesjahr, und er drückte seine Stimmungslage, mit dem Tod vor Augen, ebenfalls mit Goethe aus: «Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer.» So steht Heftiges, Ungestümes neben den fast jenseitig schönen Klängen des Adagios, so wird die Vitalität immer wieder eingedunkelt und mit Fragezeichen versehen.
Sicherheit – Identifikation
Höchst anspruchsvoll sind die Wiedergaben dieser so kontrastreichen, gefühlvollen Meisterwerke. Die Bandbreite der Möglichkeiten reicht vom Spielen auf Sicherheit bis hin zum risikoreichen Vordringen in Grenzbereiche des Ausdrucks, zur totalen Identifikation.
Von den sechs beteiligten Künstlerinnen und Künstlern unter der Bezeichnung «Zukerman, Hope & Friends» verkörperte Festival-Intendant Daniel Hope (52) den Mut zum Risiko am stärksten. Ganz vorne auf der Stuhlkante sitzend war er stets «auf dem Sprung» und sorgte an seiner Violine immer wieder für vife und deutliche künstlerische Impulse.
Ihm nah kamen Josephine Knight und (bei Brahms) Simon Crawford-Phillips. Die Cellistin mit expressivem, fein nuanciertem Spiel, der Pianist im Wechsel zwischen gut proportioniertem Einordnen ins Ganze und markanten Akzenten.
Pinchas Zukerman (78), Hopes Mentor, steuerte bei Brahms behutsame Grundierungen an der Bratsche bei, bei Schubert, an der ersten Violine, seinen Erfahrungsschatz und seine Routine – dabei eher auf Sicherheit denn auf Risiko bedacht. Bei Schubert komplettierten der kultivierte Bratschist Ryszard Groblewski und die für die verhinderte Amanda Forsyth (Zukermans Ehefrau) eingesprungene vorzügliche Cellistin Anna Tyka Nyffenegger unauffällig, aber tadellos.
Sauberes Ensemblespiel
So entstand ein durchaus angeregtes, subtil differenziertes Musizieren, welches nicht immer ganz homogen, dafür häufig spannend wirkte. Positiv zu vermerken gibt es nicht zuletzt das saubere, präzise und oft lebendige Ensemblespiel. Und in den besten Momenten vermochte man die «searching soul» (suchende Seele) der beiden Komponisten, die Hope in seinem Begrüssungswort erwähnte, in belebten Klang umzusetzen.
Beide Wiedergaben fanden grosse Resonanz im Publikum der Kirche Saanen und wurden mit Bravorufen verdankt. Dass man nach diesen intensiven, auch für die Zuhörenden anspruchsvollen hundert Minuten auf eine Zugabe verzichtete, war ein guter Entscheid.