Mut zur Qualität
14.08.2026 KolumneAm 1. August jährte sich der Beitritt Lauenens zum internationalen Netzwerk der Bergsteigerdörfer zum ersten Mal. Als erste Gemeinde im Kanton Bern entschied sich Lauenen bewusst für einen Weg, der heute alles andere als selbstverständlich ist: nicht grösser, nicht ...
Am 1. August jährte sich der Beitritt Lauenens zum internationalen Netzwerk der Bergsteigerdörfer zum ersten Mal. Als erste Gemeinde im Kanton Bern entschied sich Lauenen bewusst für einen Weg, der heute alles andere als selbstverständlich ist: nicht grösser, nicht lauter, nicht schneller – sondern bewusster. Mit dem Beitritt bekannte sich die Gemeinde dazu, Sorge zur eigenen Landschaft zu tragen, sich auf ihre bestehenden Stärken zu konzentrieren und konsequent auf einen sanften Tourismus zu setzen. Ein klares Commitment – und ein guter Anlass, heute auf diesen mutigen Entscheid zurückzublicken.
Ausgangspunkt war die aussergewöhnliche Situation während der Coronapandemie. Der Lauenensee wurde zum beliebten Ausflugsziel und stiess zeitweise an seine Grenzen. Statt einfach zuzuschauen, suchten die Gemeinde und GST gemeinsam mit der Bevölkerung nach Lösungen. An einer Zukunftskonferenz wurden Ideen gesammelt und diskutiert.
Aus diesen Diskussionen entstanden konkrete Massnahmen. Der Rangerdienst wurde eingeführt, der die Gäste sensibilisiert und die Natur schützt. Der Fahrplan des öffentlichen Verkehrs wurde ausgebaut, damit mehr Besucherinnen und Besucher mit dem Postauto anreisen können Auch wurde das Parkregime angepasst mit dem Ziel, dass die Besucher vermehrt den öffentlichen Verkehr nutzen oder auf das Velo setzen. Gleichzeitig verzichtete man darauf, den Lauenensee zusätzlich in grossen überregionalen Kampagnen zu vermarkten. Und schon heute wird offen darüber diskutiert, welche weiteren Schritte künftig notwendig sein könnten, damit der Verkehr im Tal für Bevölkerung, Landwirtschaft und Gäste langfristig erträglich bleibt.
All diese Massnahmen verfolgen dasselbe Ziel: nicht möglichst viele Gäste anzuziehen, sondern die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Natur, Bevölkerung und Tourismus langfristig im Gleichgewicht bleiben.
Ich bin überzeugt: Genau darin liegt eine der grössten Herausforderungen für unsere Ferienregion. Tourismus lebt vom Erfolg. Doch Erfolg bringt Verantwortung mit sich. Wenn wir nichts unternehmen, wird die Nachfrage weiter wachsen. Irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Grenzen. Nicht, weil wir keine Gäste mehr wollen. Sondern weil wir die Qualität unserer Ferienregion erhalten wollen.
Als Tourismusorganisation begleiten wir diesen Weg Hand in Hand mit der Gemeinde Lauenen. Wir verstehen uns längst nicht mehr nur als Vermarktungsorganisation, sondern auch als Mitgestalter unseres Lebensraums. Deshalb unterstützen wir solche Prozesse mit Überzeugung. Denn wir haben die Botschaft verstanden, welche die Lauener Bevölkerung damals formuliert hat.
Natürlich lösen Lenkungsmassnahmen Diskussionen aus. Das ist verständlich. Niemand hört gerne von Einschränkungen oder Begrenzungen. Doch wir dürfen uns auch fragen: Was wäre die Alternative? Wenn wir die Qualität unseres Lebens- und Tourismusraums erhalten wollen, werden wir uns künftig noch intensiver mit Besucherlenkung und Kapazitätsgrenzen beschäftigen müssen. Nicht als Selbstzweck, sondern weil Qualität auch Grenzen braucht. Das ist kein Widerspruch zum Tourismus – sondern eine Voraussetzung für seine Zukunft.
Ich glaube, wir dürfen als Region stolz sein, dass wir mit Lauenen eine Gemeinde haben, die diesen Weg mutig vorausgeht. Sie zeigt, dass nachhaltige Tourismusentwicklung nicht im ständigen Ausbau liegt, sondern im bewussten Umgang mit unseren Stärken. Genau diese Haltung wird entscheidend sein, damit unsere Ferienregion auch künftig das bleibt, was sie auszeichnet: ein einzigartiger Erholungs- und gleichzeitig Lebensraum.
FLURIN RIEDI
TOURISMUSDIREKTOR
flurin.riedi@gstaad.ch

