Es kommt nicht oft vor, dass sich Filmschaffende so direkt, mutig und ohne Schnörkel mit einer aktuellen politischen Realität auseinandersetzen. «Gelbe Briefe» ist ein solches Werk. Regie führte der deutsch-türkische Filmemacher Ilker Çatak, der sich ...
Es kommt nicht oft vor, dass sich Filmschaffende so direkt, mutig und ohne Schnörkel mit einer aktuellen politischen Realität auseinandersetzen. «Gelbe Briefe» ist ein solches Werk. Regie führte der deutsch-türkische Filmemacher Ilker Çatak, der sich kompromisslos der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit der Türkei stellt – mit Brillanz und Vehemenz. Für den Film wurde er bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2026 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
«Gelbe Briefe» (bei uns würde es «Blaue Briefe» heissen) erzählt von einem Künstlerpaar aus der türkischen Theaterszene, das aufgrund staatlicher Willkür und anscheinend regierungskritischer Äusserungen seine Arbeit verliert. Daraufhin muss es seine Werte hinterfragen und moralische Grenzen neu definieren. In der Folge werden die Ehe sowie die Beziehung zur jugendlichen Tochter auf eine harte Probe gestellt.
«Gelbe Briefe» ist ein politisches Drama, intensiv und emotional, voller Dringlichkeit. Mit grosser Klarheit zeigt Ilker Çatak, was es bedeutet, wenn totalitäre Strukturen bis in die Welt der Kunst und Kreativität vordringen. Es ist eine Schmerzenszeit – und eine Herausforderung für alle. Die Kameraarbeit von Judith Kaufmann ist eindringlich und nah an den Figuren; Bildgestaltung und Geschehen gehen nahtlos ineinander über. Von ausserordentlicher Präsenz sind zudem Özgü Namal und Tansu Biçer in den Hauptrollen. Die Idee zu seinem fünften Spielfilm entwickelte Çatak bereits 2019, nachdem ihm zahlreiche Künstlerinnen und Künstler von Kündigungen und Disziplinarverfahren berichtet hatten. Viele wurden suspendiert und vor Gericht gestellt.
Zu seinem Werk sagt er: «Wie gehen wir mit einem System um, das uns in den zivilen Tod schickt – also vom gesellschaftlichen Leben ausschliesst, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beruflich auslöscht?» «Gelbe Briefe» ist ein absolut sehenswertes, hochaktuelles Zeitdokument. Und selbst wenn das Wort abgedroschen klingen mag, hier trifft es zu: ein Meisterwerk.
Das Filmpodium Saanenland zeigt «Gelbe Briefe» am kommenden Montag, 9. November, um 20.30 Uhr im Kino Gstaad. Nichtmitglieder sind herzlich willkommen und zahlen an der Abendkasse.
FILMPODIUM SAANENLAND