Nachhaltigkeitsinitiative: Ein gefährliches Spiel mit unserem Wohlstand
12.06.2026 LeserbriefeMit einer gewissen Verwunderung lese ich derzeit Leserbriefe aus unserer Region, in denen der Eindruck vermittelt wird, das Simmental und Saanenland würden unter den Folgen einer «masslosen Zuwanderung» beinahe zusammenbrechen. Die Realität sieht jedoch anders aus.
...Mit einer gewissen Verwunderung lese ich derzeit Leserbriefe aus unserer Region, in denen der Eindruck vermittelt wird, das Simmental und Saanenland würden unter den Folgen einer «masslosen Zuwanderung» beinahe zusammenbrechen. Die Realität sieht jedoch anders aus.
Ausgerechnet in einer Region, deren Einwohnerzahlen vielerorts stagnieren oder gar rückläufig sind, wird von Dichtestress, überfüllten Verkehrswegen und einer angeblichen Überlastung gesprochen. Wer regelmässig mit offenen Augen durch das Simmental reist, weiss: Die meisten Züge und Busse sind weit davon entfernt, aus allen Nähten zu platzen. Und wenn sie einmal gut besetzt sind, dann von Menschen, die täglich arbeiten, Steuern zahlen und zum Funktionieren unseres Landes beitragen.
Vor Kurzem war ich in London. Dort leben rund neun Millionen Menschen – praktisch gleich viele wie in der ganzen Schweiz. Allerdings auf einer Fläche, die weniger als vier Prozent unseres Landes ausmacht. In New York drängen sich über 10’000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Im Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen hingegen sind es gerade einmal 29. Im gesamten Berner Oberland rund 77.
Wer unter diesen Voraussetzungen von Dichtestress spricht, sollte vielleicht zuerst einen Blick auf die Zahlen werfen.
Noch bedenklicher finde ich jedoch die wirtschaftlichen Risiken der sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative. Während andere Länder um Investitionen, Fachkräfte und wirtschaftliche Dynamik kämpfen, diskutieren wir darüber, wie wir uns selbst zusätzliche Hürden aufbauen können. Die Schweiz verdankt ihren Wohlstand nicht ihrer Grösse oder ihren Rohstoffen, sondern ihrer Offenheit, ihrer Innovationskraft und ihren internationalen Beziehungen.
Man erlebt täglich, wie schwierig es geworden ist, genügend qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Das betrifft nicht nur Spitäler und Pflegeheime, sondern auch Hotels, Restaurants, Gewerbebetriebe, Bauunternehmen und zahlreiche weitere Branchen. Viele Betriebe im Berner Oberland könnten ihren Betrieb ohne ausländische Fachkräfte gar nicht mehr aufrechterhalten. Das ist keine politische Meinung, sondern wirtschaftliche Realität.
Besonders irritierend finde ich, dass jene Kreise, die regelmässig vor den Folgen der Zuwanderung warnen, oft gleichzeitig von Branchen vertreten werden, die selbst stark von offenen Märkten, internationalen Arbeitskräften und staatlicher Unterstützung profitieren. Die Landwirtschaft beschäftigt heute rund zwei Prozent aller Erwerbstätigen, verfügt aber über einen politischen Einfluss, von dem andere Berufsgruppen nur träumen können. Rund zehn Prozent der Nationalräte sind Bauern oder Bäuerinnen. Das erklärt zwar einiges, löst aber die Herausforderungen der übrigen 98 Prozent der Erwerbstätigen nicht.
Die Schweiz braucht keine Politik der Abschottung, sondern eine Politik der Vernunft. Wir sollten Probleme dort lösen, wo sie tatsächlich bestehen – etwa beim Wohnungsbau, bei der Infrastruktur oder bei der Ausbildung von Fachkräften. Eine Initiative, die unsere Beziehungen zu wichtigen Handelspartnern belastet und unseren Unternehmen zusätzliche Unsicherheit aufbürdet, löst keines dieser Probleme.
Wer Arbeitsplätze, Wohlstand und Perspektiven für kommende Generationen erhalten will, sollte deshalb am Sonntag ein klares Nein zur sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative in die Urne legen. Nicht aus Ideologie, sondern aus gesundem Menschenverstand.
MARCO KELLENBERGER, GSTAAD
