Neophyten: Vernichten oder die Natur machen lassen?
02.09.2024 NaturSeit dem 1. September dürfen schweizweit gewisse invasive gebietsfremde Pflanzen nicht mehr auf den Markt gebracht werden. Welche sind das? Gibt es sie auch im Saanenland? Und sind sie wirklich so schädlich? Wir haben zwei Experten befragt.
SONJA WOLF
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Seit dem 1. September dürfen schweizweit gewisse invasive gebietsfremde Pflanzen nicht mehr auf den Markt gebracht werden. Welche sind das? Gibt es sie auch im Saanenland? Und sind sie wirklich so schädlich? Wir haben zwei Experten befragt.
SONJA WOLF
Seit dem 1. September ist endgültig Schluss mit Kirschlorbeer, Goldrute, Sommerflieder, und Schmetterlingsstrauch. Der Bundesrat hat bereits zum 1. März eine Anpassung der sogenannten Freisetzungsverordnung beschlossen, die nun am 1. September in Kraft getreten ist. Betroffene Unternehmen hatten also ein halbes Jahr lang Zeit, ihre Sortimente an die neuen Bestimmungen anzupassen. Sprich: Gärtnereien dürfen von nun an eine ganze Liste von Pflanzen nicht mehr verkaufen. Generell dürfen invasive oder potenziell invasive Neophyten (zu den Begriffen siehe Kästen unten) nicht mehr verkauft, importiert oder verschenkt werden. Gartenbesitzer dürfen die entsprechenden Pflanzen nicht mehr anpflanzen oder vermehren. Vom Verbot ausgenommen sind Pflanzen, die sich bereits in Gärten befinden – es wird also niemand gezwungen, seine Kirschlorbeerhecke auszureissen und zu entsorgen. Wir haben zur neuen Verordnung zwei Experten aus dem Saanenland befragt: Michael Recla vom Ordnungsdienst der Gemeinde Saanen und Jonathan Menzi von Gartenbau Schopfer, welche die Thematik aus zwei unterschiedlichen Sichtweisen beleuchten.
Michael Recla, welche invasiven Neophyten von der neu angepassten Liste kommen im Saanenland häufig vor?
Im Saanenland sind der Riesenbärenklau, das Drüsige Springkraut, der Japanische Knöterich, das Schmalblättrige Greiskraut bzw. Jakobsgreiskraut, die kanadische Goldrute, der Kirschlorbeer und das Einjährige Berufkraut die am weitesten verbreiteten invasiven Neophyten (Anm. d. Red.: siehe Fotos). Einige wurden bisher als Zierpflanzen verkauft und angepflanzt, andere sind unbeabsichtigt eingeschleppte Pflanzen. Vor ein paar Tagen bekam ich eine Meldung, dass es Ambrosiapflanzen auf einem Grundstück gibt. Die Ambrosia war bis zum jetzigen Zeitpunkt hier in der Region nicht vorhanden beziehungsweise wurde noch nicht gemeldet.
Welche Schäden können invasive Neophyten anrichten?
Es gibt ökologische, ökonomische und gesundheitliche Schäden. So können sie etwa Gesundheitsprobleme beim Menschen durch toxische oder allergene Stoffe auslösen. Ein Beispiel ist der Riesenbärenklau, der in Verbindung mit UV-Strahlung zu Hautverbrennungen führen kann. Oder das Jakobsgreiskraut, das die Leber von Kühen dauerhaft schädigen kann. Auf der Wiese fressen die Kühe zwar drumherum, weil sie wissen, dass ihnen das Kraut nicht guttut. Aber die Pflanze verliert auch nach dem Mähen nicht ihre Giftigkeit. Sie schadet den Kühen also auch beim Füttern mit Heu.
Sie sprachen auch von ökonomischen Schäden.
Ja, die invasiven Neophyten können in der Land- und Waldwirtschaft oder an Gebäuden und Infrastrukturen beträchtliche ökonomische Schäden anrichten, zum Beispiel durch Ertragseinbussen oder Mehrkosten im Unterhalt von Gleisanlagen, Strassen, Schutzbauten und Ufern. Typische Kandidaten hier im Saanenland sind das Einjährige Berufkraut und die Kanadische Goldrute, die an Strassenrändern wuchern.
Und was versteht man unter ökologischen Schäden?
Die Neophyten vermehren sich rasant und verdrängen auf diese Weise einheimische Arten bzw. hybridisieren mit diesen und gefährden so die biologische Vielfalt. Der ökologische Kreislauf wird gestört. Wenn eine einheimische Pflanze durch einen Neophyten verdrängt wird, fehlt sie in der Folge der Tierart, die sich davon ernährt hat, usw.
Aber gesetzt den Fall, ein Neophyt hält sich besser in den hiesigen Breiten als eine einheimische Pflanze und verdrängt sie allmählich: Kann sich das Ökosystem nicht wieder einpendeln auf die neuen Gegebenheiten?
Das wahrscheinlich schon. Aber diese Thematik ist auch emotional behaftet. Keine Region trennt sich gerne von den lieb gewonnenen heimischen Pflanzen. Auch mir persönlich würde es im Moment komisch vorkommen, wenn etwa bei uns in den Bergen anstelle der Tannen einst Palmen wachsen würden, so wie im Tessin. Oder wenn ein ganzes Feld oder eine Wiese mit der Goldrute überwuchert wäre.
Die Neophytenbekämpfung ist kostspielig. Müsste man da nicht auch abwägen, ob man immer wieder Pflanzen herausreisst oder die Natur einfach mal machen lässt? Vorausgesetzt, es handelt sich um nur wuchernde Pflanzen, die ansonsten nicht schädlich sind.
Ja, die Bekämpfung invasiver Pflanzen ist kostspielig und sehr arbeitsintensiv. Aber dadurch, dass in der Gemeinde Saanen schon seit über 20 Jahren Neophyten bekämpft werden und auch die Bevölkerung auf privatem Grund und Boden solche entfernt, ist die Verbreitung der Neophyten in der Region überschaubar und die Kosten halten sich demnach im Rahmen. Wie es in anderen Regionen mit den Bekämpfungskosten aussieht, kann ich nicht beurteilen. Ich weiss aber, dass es Gemeinden in der Schweiz gibt, die einen sehr grossen Aufwand betreiben, um die Neophyten in den Griff zu bekommen. Aber ob man deshalb die Natur einfach machen lassen soll? Dies entscheiden Natur- und Umweltexperten, die sich mit diesem Thema tagtäglich befassen.
In der abgeänderten Freisetzungsverordnung gibt es eine Liste mit den seit 1. September verbotenen Neophyten (siehe Kasten rechts oben). Was wird den Einwohnern des Saanenlandes empfohlen, wenn sie eine dieser «verbotenen» Pflanzen auf ihrem Grundstück haben?
Das Ortspolizeireglement der Einwohnergemeinde Saanen schreibt in Artikel 34 vor, dass Eigentümer oder Bewirtschafter von Grund und Boden verpflichtet sind, auf ihren Grundstücken die besonders lästigen und gefährlichen Neophyten zu bekämpfen und zu entfernen.
Gleichwohl schreibt der Bundesrat in der Medienmitteilung zur angepassten Freisetzungsverordnung: «Pflanzen, die sich bereits in Gärten befinden, sind vom Verbot nicht betroffen.» Muss die Gemeinde da noch einmal über die Bücher und das Ortspolizeireglement ändern?
Nein, bis jetzt ist das kein Thema und der Artikel 34 bleibt so im Ortspolizeireglement bestehen. Das Thema Neophyten ist ja nicht neu und die Bevölkerung ist schon seit Jahren sensibilisiert darauf, solche Pflanzen nicht anzupflanzen, zu hegen und pflegen, sondern zu entfernen und richtig zu entsorgen. Dies bestätigt sich mir auch, wenn ich vor Ort mit den Grundstückbesitzenden rede und sie dann einsichtig sind, was das Entfernen der Neophyten anbelangt.
Persönlich finde ich es schade, dass das Bundesamt für Umwelt da nicht gleich Nägel mit Köpfen gemacht hat und auch die in Gärten bestehenden Neophyten ganz verboten hat. Ich kann mir aber vorstellen, dass es eine Kostenfrage ist. Wenn jemand seit vielen Jahren eine hohe, dichte Kirschlorbeerhecke um sein Grundstück hat und müsste sie nun ausreissen und vernichten, gäbe es wahrscheinlich Ersatzforderungen.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie irgendwo im Saanenland invasive Neophyten sehen?
Ich gebe auf der InvasivApp den Standort und die Pflanzenart ein, sodass die Naturbehörde einen Überblick hat, welche Neophyten sich in unserer Region befinden. Weiterhin suche das Gespräch mit den Landeigentümern, auf deren Grundstück sich die Pflanze befindet, und bespreche mit ihnen das Vorgehen. Denn viele wissen gar nicht, dass es sich um eine invasive Pflanze handelt, die Schäden verursachen kann. Ich kläre sie insbesondere über die Entsorgung auf. Denn wenn Grüngut aus dem Garten in der freien Natur entsorgt wird, kann die Pflanze wieder keimen und wachsen, was zu einer unkontrollierten Überwucherung führt. Auch der Grünabfall ist nicht der richtige Ort für die Entsorgung, denn bei der Kompostierung können wiederum Samen oder Wurzelteile übrig bleiben, die zu einer neuen invasiven Pflanze heranwachsen.
Wie genau bewerkstelligt man also eine korrekte Entsorgung?
Bei den hier in der Region verbreiteten Neophyten sollten die abgeschnittenen Blütenstände sowie die ausgegrabenen Pflanzenteile inklusive des Wurzelballens jeweils sofort in Kehrrichtsäcke verpackt und zur Kehrichtannahmestelle transportiert werden. Bei der AVAG in Saanen werden diese aus der Gemeinde Saanen stammenden Neophyten dann kostenfrei angenommen und der Kehrichtverbrennung zugeführt. Wichtig ist auch eine mehrmalige Nachkontrolle in den Folgejahren, da diese Pflanzen am gleichen Ort noch über Jahre hinweg immer wieder wachsen und sich verbreiten können.
Und wenn jemand beim Spazierengehen in der freien Natur Neophyten sieht?
Dann meldet sich die Person bei mir. Ich bin in der Gemeinde Saanen die Anlaufstelle, was Neophyten anbelangt. Ich verifiziere, ob es sich wirklich um invasive Neophyten handelt und kläre ab, welchen Grundeigentümer es betrifft. Da die meisten dieser Pflanzen in Gewässernähe wachsen, rücken sodann die Mitarbeitenden der Schwellenkorporation aus, um sie auszustechen. Das machen sie schon seit über 20 Jahren, kennen auch die Standorte, wo immer wieder Neophyten wachsen und laufen diese Standorte auch regelmässig ab. Deshalb gibt es im Saanenland auch nicht mehr so viele invasive Neophyten, da muss ich den Mitarbeitenden der Schwellenkorporation wirklich ein Kränzchen winden. Bei Strassenrändern und Strassenböschungen sind die Gemeindewegmeister vom Gemeindewerkhof Saanen zuständig. Auch Sie machen eine super Arbeit. Ein grosses Dankeschön gilt auch allen Gartenbauunternehmen, Liegenschaftsverwaltungen, Hauswarten und insbesondere den Grundeigentümern, die immer wieder bei der Meldung und Bekämpfung von invasiven Pflanzen mithelfen.
WAS SIND NEOPHYTEN?
Ein Neophyt ist eine exotische Pflanzenart, die nach 1500 (Entdeckung Amerikas) absichtlich oder unabsichtlich eingeführt wurde und in der Lage ist, sich ohne die Hilfe des Menschen zu vermehren und in der Natur zu überleben. www.infoflora.ch/SWO">www.infoflora.ch/SWO
Jonathan Menzi, sind Neophyten immer schädlich?
Nein. Viele gebietsfremde Arten verschwinden nach einigen Jahren wieder oder gliedern sich unauffällig in unsere Ökosysteme ein und werden sozusagen hier heimisch. Wobei «einheimische Pflanzen» auch ein umstrittener Begriff ist.
Wie meinen Sie das?
Gewissermassen als Gegenpol zum Begriff «Neophyt» wird oftmals der Begriff «einheimische Pflanzen» verwendet. Als einheimische Pflanzen gelten all jene Pflanzen, welche vor dem Jahr 1492 – also der Landung von Christoph Kolumbus in Amerika – in der Schweiz heimisch wurden bzw. waren. Alle Pflanzen, welche sich nach diesem Jahr in der Schweiz angesiedelt haben, gelten somit als Neophyten. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, wie stark sich das Klima nur in den vergangenen 100 Jahren – geschweige denn seit 1492 – verändert hat, so wird klar, dass der Begriff «einheimische Pflanzen» grundsätzlich nicht mehr zeitgemäss ist. Auch klar wird, dass dem Begriff Neophyt daher nichts Negatives anlastet.
Und wie ist es mit den «invasiven» Neophyten: Sind die immer schädlich?
Ich denke nein. Wenn Pflanzen giftig sind für Nutztiere und Menschen oder ökonomische Schäden an Infrastrukturen anrichten, ist es freilich ein Problem. Ein Beispiel ist der Riesenbärenklau, der bei Hautkontakt starke Verbrennungen verursacht. Bei solchen Pflanzen ist der Begriff «invasiv» also absolut sinnvoll. Zu Unrecht auf der Liste der verbotenen invasiven gebietsfremden Organismen steht meiner Meinung nach aber zum Beispiel der Schmetterlingsstrauch. Unseren Beobachtungen zufolge breitet sich dieser nicht übermässig oder gar nicht aus. Auch Bienen und weitere Insekten profitieren sehr vom Blütennektar. Der Schmetterlingsstrauch ist des Weiteren sehr resilient bezüglich Hitze, Trockenheit und Frost.
Das heisst, der Schmetterlingsstrauch kommt mit dem veränderten Klima besser zurecht als so manche einheimische Pflanze?
Richtig. Unser Klima verändert sich. Überall auf der Welt passen sich Pflanzen dem Klima an. Leider verändert sich das Klima so schnell, dass viele Pflanzen nicht mehr hinterherkommen.
Was bedeutet das für die Pflanze, wenn sie sich nicht schnell genug an veränderte klimatische Bedingungen anpassen kann?
Die Symptome und die daraus resultierenden Folgen können vielfältig sein. Lange Trockenheitsphasen setzen den Pflanzen genauso zu wie auch zu warme Winter. Diesen Frühling zum Beispiel konnte man beobachten, dass viele Pflanzen bereits ausgetrieben oder sogar Blüten gebildet hatten. Kommt danach wieder Frost, kann dies fatale Folgen haben. Ganze Ernten können ausfallen oder gebildete Jungtriebe können abfrieren und sterben. Besonders bei Laubgehölzen lässt sich in so einem Fall die Bildung von sogenannten «Wasserschossen» beobachten. Diese Triebe bildet der Baum als Stressreaktion, oder um den Verlust von Blattmasse – z.B. durch abgestorbene Triebe – zu kompensieren. Denn nur mit genügend Blättern kann er weiterhin assimilieren. Bei Nadelgehölzen ist eine typische Stressreaktion die übermässige Bildung von Harz. All diese Stressreaktionen kosten den Baum extrem viel Kraft.
Und machen ihn wahrscheinlich anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.
Genau. Pflanzen, welche aufgrund der klimatischen Veränderungen hart um ihr Überleben kämpfen müssen, haben oftmals kaum mehr Reserven in Form von Nährstoffen, welche sie in ihren Wurzeln einlagern können. Aufgrund ihrer Schwäche sind sie Krankheiten und Schädlingen dann fast schutzlos ausgeliefert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich beispielsweise der Borkenkäfer um ein Vielfaches einfacher ausbreiten konn-
Wäre es also eine Lösung, Pflanzen aus anderen Kontinenten einzuführen, die an die neuen klimatischen Bedingungen in unseren Breiten bereits gewöhnt sind?
Ja. Ein interessanter Ansatz sind Klimabäume. Ein regionaler Pionier auf diesem Gebiet ist die Baumschule Gartenpflanzen Daepp aus Münsingen. Die Mitarbeitenden dort forschen im Bereich Klimabäume und erstellen Langzeitstudien. Damit wollen sie geeignete Bäume finden, welche mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen umgehen können. Die Herausforderung bei Klimabäumen ist, Gehölze zu finden, welche sich mit dem aktuellen Klima und der hiesigen Natur vertragen, zusätzlich jedoch noch temporäre Hitze und Trockenheit sowie Frost ertragen und bisherigen oder potenziellen Krankheiten und Schädlingen standhalten.
Muss man da aufgrund des fortschreitenden Klimawandels recht schnell vorgehen?
Ja, tatsächlich ist der Faktor Zeit sehr herausfordernd. Bis sich unter den Versuchspflanzen eindeutig resiliente Kandidaten herausfiltern lassen, vergehen oft mehr als zehn Jahre. Gerade in Städten sterben die Bäume jedoch jetzt. Daher haben Behörden sowie private Unternehmen die Forschung in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet. Das bedeutet: Potenzielle Klimabäume werden nicht mehr nur im «geschützten» Rahmen in Baumschulen gehalten, sondern bereits jetzt an Ort und Stelle gepflanzt, ohne genau zu wissen, wie sie in einigen Jahren auf das dort herrschende Mikroklima reagieren werden.
Sollte die Fachwelt sowie die Öffentlichkeit also ein wenig offener und weitsichtiger an die Thematik der Neophyten herangehen?
Auf jeden Fall. Viele Pflanzen, welche erst in den vergangenen Jahren hier ansässig wurden, könnten eine Riesenchance sein, damit wir und unsere Natur uns gemeinsam an die neuen Gegebenheiten anpassen können. Wenn Wälder absterben oder Stadtbäume schwach und brüchig werden, geht es auch um die Sicherheit der Bevölkerung. Stichwort Schutzwälder: Unsere Rottannenwälder sind bei weitem nicht mehr so resilient, wie sie es vor einigen Jahren waren. Aufgrund ihrer Schwäche verlieren sie auch ihre Schutzwirkung.
Sollte man also auch invasiven Neophyten, die sich stark vermehren, eine Chance geben – gegebenenfalls zulasten einheimischer Pflanzen? Also nach Charles Darwins «survival of the fittest»?
Nur, wenn sie keine ökonomischen oder gesundheitlichen Schäden verursachen. Wichtig scheint mir an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass es ganz klar gefährliche Pflanzen gibt, welche weder den Menschen noch der Natur einen Mehrwert bringen. Dass solche gefährlichen Pflanzen verboten werden, finde ich richtig und wichtig. Nur über die Herangehensweise lässt sich streiten.
Wie sollte man also Ihrer Meinung nach an die Thematik herangehen?
Sehr provokant ausgedrückt: Ich erachte die aktuelle Herangehensweise teils als widersprüchlich. Auf der einen Seite kämpfen viele Arten um ihr Leben. Einige haben diesen Kampf bereits verloren, andere werden ihn in den kommenden Jahren verlieren. Gleichzeitig sucht man verzweifelt nach Arten, welche sich schnell anpassen, während man auf der anderen Seite jene Pflanzen, welche sich extrem gut anpassen und stark ausbreiten, wieder verbietet. Anders formuliert: Man sucht nach Pflanzen mit einer sehr hohen Resilienz – ausbreiten und zu stark gedeihen sollten sie dann aber wieder nicht.
Ich denke, dass diese Debatte nicht nur rein ökologischer Natur ist. Vielmehr ist es die Gesellschaft, welche sich im Klaren sein muss, dass sich die Flora, wie wir sie heute kennen, verändern muss und wird. Mir ist bewusst, dass dies nicht ganz einfach ist und es Fachleuten wie auch Naturfreunden im Herzen weh tut, sich von gewissen Arten zu verabschieden. Doch ich hoffe inständig, dass wir die Klimaveränderung mit allem, was dazugehört, auch als Chance sehen. Nicht alles, was die Klimaveränderung mit sich bringt, ist schlecht. Tafelfrüchte etwa wie Birnen, Trauben, Aprikosen oder Ziergehölze wie die Parrotie gedeihen im Saanenland mittlerweile je nach Standort problemlos, was man sich vor einigen Jahren noch nicht hätte vorstellen können.
VERBOTENE NEOPHYTEN
Die Listen mit den verbotenen invasiven gebietsfremden Organismen sind rechtsverbindlich und können hier eingesehen werden:
www.newsd.admin.ch/newsd/message/ attachments/86380.pdf
Mit Bildern und Beschreibungen:
www.neophyten-schweiz.ch oder
www.neophyt.ch
WIE ERKENNE ICH INVASIVE NEOPHYTEN?
Die Plantura-App ist eine kostenlose Pflanzen-App, mit der man Pflanzen in der freien Natur fotografieren kann und direkt den Namen erfährt. Ausserdem findet man darin zahlreiche Pflanzenpflegetipps, einen Gartenplaner, einen Anbauplaner und vieles mehr. Für Anfänger oder Fortgeschrittene.
tinyurl.com/bdh7shku
WO MELDE ICH INVASIVE NEOPHYTEN AUS DEM SAANENLAND?
• Michael Recla +41 33 748 93 97, michael.recla@saanen.ch
Fakultativ:
• Die InvasivApp dient zur Erfassung von invasiven gebietsfremden Pflanzen oder invasiven Neophyten in der Schweiz, deren Bekämpfung und dessen Erfolgskontrolle. Die Angaben sind schnell erfasst und auf einer Karte einsehbar. Die kostenlose App unterstützt sowohl Laien als auch Profis bei ihren Bemühungen, eine weitere Ausbreitung der invasiven gebietsfremden Pflanzen zu verhindern.
tinyurl.com/24szwk5c
WANN GELTEN NEOPHYTEN ALS INVASIV?
Für Invasivität ist eine Kombination von starker Ausbreitung mit davon verursachten Schäden notwendig. Eine umfassende Bewertung der Invasivität berücksichtigt nicht nur die Schädigung der einheimischen biologischen Vielfalt, sondern auch die Gesundheit von Mensch und Tier sowie wirtschaftliche Schäden (z. B. Schäden an Infrastruktur, Landwirtschaft etc.). www.infoflora.ch/SW