Neutralität ja, Initiative nein – warum?
15.09.2026 LeserbriefeAm 1. September jährte sich der Beginn des Zweiten Weltkrieges, in dessen Verlauf rund 20 neutrale Staaten überfallen wurden. Aus dem Schrecken des Krieges entstanden auf der ganzen Welt Friedensorganisationen. Diese Exponenten für Krieg und Frieden, deren Symbol die Initiative missbraucht, ...
Am 1. September jährte sich der Beginn des Zweiten Weltkrieges, in dessen Verlauf rund 20 neutrale Staaten überfallen wurden. Aus dem Schrecken des Krieges entstanden auf der ganzen Welt Friedensorganisationen. Diese Exponenten für Krieg und Frieden, deren Symbol die Initiative missbraucht, sind meiner Meinung nach fast ausschliesslich dezidierte Gegner der Neutralitätsinitiative.
Wenn Pazifisten und Sicherheitsexperten (z.B. GSOA und Armeeführung) zum Thema «Kein Krieg» dieselbe Meinung haben, dann sollte man aufhorchen und stutzig werden. Von den neun bekannten Friedensorganisationen der Schweiz sind acht klar gegen die Initiative.
Einzig die kommunistisch gesteuerte «Schweizerische Friedensbewegung SFB» der KP und PdA steht für ein Ja. Warum sich unsere «armeefreundliche (?)» Rechtspartei bei der Initiative mit eben diesem Gegenpool zu einer unheiligen Allianz verbindet? Unverständlich!
Die Neutralität hat die Schweiz nicht vor Auswirkungen der Kriege bewahrt. Sie wurde nur so lange respektiert, als sie den Kriegsführenden nützte. Sanktionen, welche die Nachbarn oder Handelspartner verhängten, musste die Schweiz jeweils befolgen. Der Bankenplatz Schweiz mit unzähligen Finanzverbindungen zu Kriegsführenden war für unser Verschontbleiben wohl ebenso bedeutend wie die Neutralität. Die Neutralitätsinitiative entstand als Reaktion auf die Sanktionierung Russlands nach dem Überfall auf die demokratische und souveräne Ukraine. Sie verneint im Kern die Bedrohung Russlands gegen Europa und die Schweiz, egal was geschehen möge. Hierzu lohnt sich ein Blick auf den Umgang von Russland (und UdSSR) mit den Neutralen. Die Liste der Angegriffenen ist lang.
Weitere Argumente gegen die Neutralitätsinitiative: Die Schweiz ist schutzlos gegenüber Angriffen mit Drohnen, Raketen und Cybertechnik und kann sich auch mit massiver Aufrüstung nicht verteidigen, ohne mit Nachbarstaaten oder Militärbündnissen zu kooperieren. Zu lange wurde die Armee von linker und rechter Seite in Frage gestellt und zu Tode gespart. Für mich als ehemaligem Infanterieoffizier mit etwas über 1200 Diensttagen unbegreiflich und schmerzhaft. Die Initiative verbietet jede Kooperation – ausser wir werden angegriffen. Wer kann und wird uns da noch helfen?
Die Initiative fordert faktisch die Gleichbehandlung von Völkerrechts- und Kriegsverbrechern auf der einen und ihren Opfern auf der anderen Seite. Das ist unschweizerisch und gegen unsere Verfassung. Sie isoliert die Schweiz und macht uns punkto Moral und Würde zu «Kneifern», im Gegensatz zum von den Initianten viel zitierten Wilhelm Tell.
In jeder Strategie ist Handlungsfreiheit oberstes Gebot. Die Väter der Bundesverfassung und deren Nachfolger haben wohlwissend nicht fixiert, wie die Neutralität konkret umzusetzen ist. So konnten sie jeweils pragmatisch entscheiden, was zum Wohle der Schweiz umzusetzen ist.
Ende 2025 zeigte eine vom Verein NeutRealität bei Sotomo in Auftrag gegebene Studie, dass 71 Prozent der befragten Schweizer:innen die Wirtschaftssanktionen gegen Russland befürworten und 56 Prozent sogar Munition für Verteidigungszwecke, etwa zur Drohnenabwehr, an die Ukraine liefern würden – trotz Neutralität. Gegensätzlich zu den von den Befürworten publizierten Zahlen. Der Bundesrat ist gefordert.
Darum: Hände weg von unserem bewährten Neutralitätssystem, Nein zur Initiative!
HANSPETER ABBÜHL, DÄRSTETTEN
