Gerettete krumme Rüebli
08.05.2023 GesellschaftHand aufs Herz: Was spricht Sie beim Einkaufen mehr an, die schnurgerade blank polierte Karotte oder die erdige, krumm gewachsene mit den zwei Auswüchsen? Doch auch letztere verdient eine würdige Verwertung. Kein Problem, der Retter der Aussortierten naht!
SONJA ...
Hand aufs Herz: Was spricht Sie beim Einkaufen mehr an, die schnurgerade blank polierte Karotte oder die erdige, krumm gewachsene mit den zwei Auswüchsen? Doch auch letztere verdient eine würdige Verwertung. Kein Problem, der Retter der Aussortierten naht!
SONJA WOLF
Wussten Sie, dass in den Industrieländern dieser Welt jährlich 680 Milliarden US Dollar an weggeworfenen Lebensmitteln in der Tonne landen?
Oder haben Sie bedacht, dass Lebensmittel, bevor sie auf Ihrem Teller landen, enorm viel Wasser gebraucht haben? Und dass wir jährlich durch Food Waste die Wassermasse von dreimal dem Genfersee verschwenden?
Und war Ihnen bewusst, dass 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche weltweit für Lebensmittel bewirtschaftet werden, die letztendlich weggeworfen werden?
Mirko Buri war ganz in seinem Element. Mit viel Elan erklärte er dem staunenden Publikum Zahlen, Fakten und Zusammenhänge rund um die Lebensmittelverschwendung. Der Gourmetkoch, der schon die Gäste des Gstaad Palace bekocht hat, war vergangenen Mittwoch an seinen ehemaligen Wirkungsort Gstaad zurückgekehrt – allerdings in seiner neuen Funktion als Food-Waste-Pionier.
Frühe Berufung
«Seit zehn Jahren mache ich nichts anderes, als mich um Lebensmittelverschwendung zu kümmern», stellte sich Buri knapp 50 Food-Waste-Interessierten vor, die ihren Weg ins Kirchgemeindehaus gefunden hatten. Der Wechsel vom Gourmetkoch zum Lebensmittelretter kam, als er eines Tages den Dokumentarfilm «Taste the waste» von Valentin Thurn gesehen hatte. «Ich wollte meine Zeit anders investieren, als für Paris Hiltons Chihuahua schöne Törtli zu machen.» Er wollte etwas verändern, machte sich selbstständig und gründete mit seinem Schwager «Foodoo».
Auf Rettungsmission
Er und sein Team kaufen Bauern optisch nicht perfekte bzw. «normgerechte» Lebensmittel ab und verarbeiten sie zu natürlichen Produkten: Tomatensauce, Bouillon oder Mayo kommt dabei heraus. Dabei hat Buri gar nicht den Anspruch, die Welt zu retten, sondern möchte erst einmal die regionalen Kreisläufe fördern. «Ich störe den Markt nicht», erklärt er. «Ich kaufe beispielsweise weggeworfene Tomaten im Sommer, aber verkaufe sie nicht im gleichen Moment wieder, sondern mache Sauce draus und verkaufe sie im Winter.»
Beim abschliessenden Apéro konnten die nun aufgeklärten Zuschauer Buris gerettete Lebensmittel in Form von leckeren Senf-, Cocktail- oder Currysaucen testen – auf schnurgeraden Rübli und Gurkenschnitzen aus dem «normalen» Gstaader Detailhandel.
Besonders spannend und erstaunlich:
Von der Gesamtmenge an Lebensmittelabfällen produziert der Detailhandel mit nur vier Prozent den wenigsten Food Waste. Die Lebensmittelindustrie dagegen ist mit 37 Prozent für einen grossen Anteil an Food Waste verantwortlich. Buri nennt hier zum Beispiel die immer grösser werdenden Rüstabfälle. Institutionen, Schullager usw. würden aus Zeitersparnis lieber auf bereits gerüstetes Obst und Gemüse zugreifen.
Den grössten Anteil an der Verschwendung haben allerdings wir Konsumenten mit 39 Prozent:
Eine Million Tonnen Lebensmittel werden jährlich weggeworfen, davon wäre die Hälfte vermeidbar. Auch hier gibt Buri einige Tipps: Die Erziehung sei das A und O. Zwar gibt es nicht mehr die Einstellung «Was auf den Teller kommt, wird aufgegessen» (foodwaste-technisch wäre das gar nicht so schlecht!), aber man könne zum Beispiel Jugendlichen, die in eine WG ziehen, einige Techniken mit auf den Weg geben. Das gute alte Messen im Becher für eine korrekte Portion Reis wäre so eine Methode.
DER FRAUENVEREIN IM KAMPF GEGEN DIE VERSCHWENDUNG
Der Frauenverein, der den Anlass mit Mirko Buri organisiert hat, macht sich schon länger stark gegen die Lebensmittelverschwendung: Auch Madame Frigo ist eine Initiative, welche die tatkräftigen Damen im Saanenland implementiert haben. Die Lebensmittelverschwendung liegt den Mitgliedern am Herzen. Dazu Präsidentin Andrea Maurer: «Die Frauen früher, die die Brockenstube oder den Mittagstisch gegründet haben, waren gleichsam Pionierinnen. Wir wollen so etwas Sinnvolles auch in der heutigen Zeit machen.» Und Rosmarie Annen ergänzt: «Meine Mutter war vor langer Zeit auch im Vorstand und hat sich sehr dafür eingesetzt, dass Glas recycelt wird. Also warum sich nicht für ein Problem einsetzen, das heute aktuell ist?»
Während seines Vortrags fand Food-Waste-Pionier Buri lobende Worte für die Madame-Frigo-Initiative des Frauenvereins: «Die Lösungen liegen im Kühlschrank, der hier vorm Gebäude steht. In den kommunalen kleinen Lösungen liegen die grossen Lösungen.»
SONJA WOLF