Keine Gratwanderung, sondern ein gelungener Balanceakt

  01.11.2024 Saanen

«Gratwanderungen» und «Am Limit der Balance» heissen die Bücher von Armin und Ueli Oehrli. Am vergangenen Freitag fand im Landhaus die Vernissage statt. Der Anlass war keine Gratwanderung, sondern ein gelungener Balanceakt zwischen Freude und Trauer, zwischen lauten Lachern und feuchten Augen.

ANITA MOSER
Der Andrang übertraf alle Erwartungen. Rund 250 Personen begehrten Einlass und sie wurden nicht enttäuscht. Die Geschichten der Brüder Armin und Ueli Oehrli, welcher leider viel zu früh und noch während der Umsetzung und Planung seines Buches im vergangenen Jahr unerwartet gestorben ist, sorgten für viel Heiterkeit. Mit «My Lord, what a morning» hat der Männerchor «Echo vom Olden» unter der Leitung von Ada van der Vlist Walker die Vernissage eröffnet und auch musikalisch umrahmt. «Ich habe gewusst, dass der Männerchor schön singt, aber dass grad so viele kommen, hätte ich nicht geglaubt», sagte Armin Oehrli, Präsident des Chors, und sorgte damit für die ersten Lacher. «My Lord, what a morning» – er habe es oft so erlebt, in den Morgen zu laufen, wenn die Sterne erlöschen. Das sei jedes Mal ein Erlebnis. Manchmal habe er das auch mit seinem Bruder Ueli erlebt. «Und manchmal sind wir erst um diese Zeit nach Hause gekommen, Ueli und ich. Das war auch immer ein Erlebnis… », schmunzelte er.

«Müsterli» aus den Büchern
Armin Oehrli und Kilian Oehrli, Sohn von Ueli Oehrli, gaben ein paar «Müsterli» aus den Büchern preis. Fast. Armin Oehrli war mit seinem Gast, einem Spitalpfarrer aus dem Kanton Aargau, unterwegs auf den Mönch, als ihm unterhalb des Gipfels eine grosse Neuschneeverfrachtung auffiel. Und wenig später riss eine Lawine den Alpinisten, der sich ungefähr 100 Meter unterhalb der Schneeverfrachtung befand, in die Tiefe. Armin Oehrli eilte seinem Gast voraus zur Mönchsjochhütte, um Alarm zu schlagen – damals hatte noch niemand ein Handy dabei. Der Bergsteiger, der alleine unterwegs war, hatte sich entgegen dem Rat des Hüttenwartes für diese – aufgrund der Neuschneeverhältnisse falsche – Route entschieden. «Wenn er weit wüsse, wies mit däm Herr wytergange isch, chöit ihr s Buech choufe», schmunzelte Armin Oehrli. Für Lacher sorgte die Geschichte über die Sprachprüfungen. Als Bergführer und Skilehrer sei es angenehm, wenn man sich mit Gästen aus aller Welt verständigen könne. Oder auch hilfreich, wenn man mit Gästen in anderen Ländern oder Kontinenten Berge besteige und sich dort mit den Einheimischen unterhalten könne, erklärte Armin Oehrli. «Daher wurden an den Bergführerkursen jeweils die Kandidaten auch in diesem Fach geprüft. Ein Kandidat habe die Aufgabe bekommen, auf Französisch seinem Gast zu sagen, er solle morgen den Pickel mitnehmen. Der Prüfling kaute am Wort Pickel. Die Kameraden halfen so gut es ging – schliesslich las er das Wort von den Lippen eines Kameraden ab. «Demain vous prenez encore le…» und wenn er weiterlese, müsse er immer noch lachen, sagte Armin Oehrli mit seinem ihm eigenen Schalk in den Augen. «Es geht im Buch so weiter», versicherte Verleger und Moderator Frank Müller.

Auch Kilian Oehrli verriet den Ausgang der Kurzgeschichte «Restaurant Olden» nicht. Der Olden war das Clublokal des Moto-Clubs Golden Flêches. Nach einer schönen Tour habe ein Töfffahrer erzählt, dass er in jungen Jahren einmal nach einer Ausfahrt mit dem Töff an den Stammtisch ins Restaurant Alpenrösli in Saanen gefahren sei. «Über die Treppe in den Olden könnten wir die Balance verlieren», sinnierten Ueli Oehrli und sein Kamerad Bernhard. Aber drüben in der Chesery gehe es nur eine Stufe runter. «Ja, das wagen wir. So kommen wir direkt auf die Tanzfläche. Und um das Cheminée kommen wir ohne Balanceprobleme auch wieder raus.» Gesagt, getan.

«Wie es weitergeht, könnt ihr im Buch lesen», schloss Kilian Oehrli mit einem Augenzwinkern.

In der Freizeit war sein Vater Ueli Oehrli ein begeisterter Berggänger. Aber infolge eines Unfalls musste er diesbezüglich zurückstecken, fand aber mit dem Töfffahren eine neue Leidenschaft. «Das ist zwar nicht minder gefährlich», mutmasste Frank Müller. «Er hat sich dort auch an den Grenzen bewegt und es ging ihm immer wieder um die Balance.» Er habe versucht, Balancen auszuloten, nicht immer sei alles gut gegangen. Aber im Grossen und Ganzen kam er heil davon. Er war auch auf den Rennpisten und zwar mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. «Die richtige Balance zu finden in seinem Leben, beim Töfffahren, auf der Baustelle und in der Familie war Ueli wichtig», betonte Frank Müller. Aufgrund einer seltenen Blutkrankheit musste er auch mit dem Höhenbergsteigen aufhören. Und doch konnte er sich 2009 mit der Besteigung des 5642 Meter hohen Elbrus – zusammen mit neun Skiclub-Kollegen im Rahmen des 50-jährigen Bestehens des Skiclubs Turbach-Bissen – noch einen Traum erfüllen.

Reich bebildert
Die beiden Bücher sind reich bebildert. In neun Kapiteln schreibt Ueli Oehrli unter anderem über seine Kindheit und Jugendjahre, über das Zweirad als neue Art der Balance, über seine Familie, über Töff und Ski in der Balance, über den Rennsport, oder die Balance der Fliegerei.

Armin Oehrli lässt die Leserschaft in 25 Kapiteln an zahlreichen speziellen Bergerlebnissen mit seinen Gästen teilhaben. Die Titel der Kapitel – Biancograt: Vertrauen zwischen Gast und Bergführer, «Rettung am Schreckhorn», «Vorahnungen» oder «Der grausige Fund» usw. – lassen jedoch nur ansatzweise auf deren Inhalt schliessen. Was mag wohl passiert sein auf der «Modetour Matterhorn» und was hat es auf sich mit den Mäusen in Alagna? Der Autor schreibt aber auch über seinen Werdegang, übers Wildheuen und die letzte Kurzgeschichte heisst «Eine andere Weihnachtsgeschichte».

Ein Stück Zeitgeschichte
«Die beiden Bücher sind ein Stück Zeitgeschichte», betonte Frank Müller. Die Kurzgeschichten seien lustig und unterhaltsam, einige nachdenklich, andere traurig oder glücklich und viele davon auch eindrücklich.

Die Bücher seien sehr kurzweilig zu lesen, so Frank Müller. Ein Buch zu erstellen, koste viel Schweiss. «Das ist fast wie einen Berg zu besteigen: Man muss planen, organisieren und die harte Arbeit kommt beim Schreiben.» Als Dank und Erinnerung übergab der Verlag den Autorenfamilien ein gerahmtes Foto.

«Gratwanderungen» von Armin Oehrli, erschienen im Verlag Müller Medien AG, Gstaad. 144 Seiten, Preis Fr. 32.–. ISBN 978-3-907041-95-6. «Am Limit der Balance» von Ueli Oehrli, erschienen im Verlag Müller Medien AG, Gstaad. 104 Seiten, Preis Fr. 29.–. ISBN 978-3-907041- 88-8. Das Buch ist erhältlich beim Verlag sowie in allen Buchhandlungen.


ZUR PERSON

«Armin Oehrli ist ein weitgereister, kompetenter und humorvoller Bergführer. Er hat immer gute Sprüche auf Lager und ist eine sehr initiative Person», sagte Frank Müller über den Buchautor und Präsidenten des Männerchors «Echo vom Olden». Er hat sich auch in der Öffentlichkeit engagiert, unter anderem beim Freilichttheater «Chrüzwäg vom Castellan». Armin Oehrli ist am 16. Mai 1952 geboren. Er ist mit zwei Schwestern und seinem Bruder Ueli aufgewachsen. Er hat die Ausbildung zum eidg. diplomierten Betriebssekretär absolviert. 1976 bestieg er den Mount McKinley und erwarb das Bergführerpatent. Später folgte die Ausbildung zum Langlauf- und Skilehrer. Er hat sein Leben den Bergen verschrieben. Er war bisher rund 7000 Tage mit Gästen in den Bergen unterwegs. Und hatte zudem einige Chargen der Branche inne. Er war Bergführerobmann im Saanenland, Präsident des Schweizer Bergführerverbands und führte von 2000 bis 2015 die Geschäftsleitung der internationalen Vereinigung der Bergführerverbände. Er bestieg rund 600 Viertausender und begleitete Gäste weltweit auf Trekkings und Gipfelbesteigungen.

PD/MOA


ZUR PERSON

Ueli Oehrli kam am 5. Juni 1951 zur Welt – elf Monate und 1 Woche vor seinem Bruder Armin. Er habe die «Hochschule» in der Bissen auf 1200 Meter über Meer besucht, schreibt Ueli Oehrli in seinem Buch. Anschliessend absolvierte er die Lehre als Maurer bei der Firma Bauwerk AG in Gstaad. Nach einem Welschlandaufenthalt und ein paar Wanderjahren kehrte er in die Firma von Kurt Glur zurück und absolvierte die Weiterbildung zum Hochbaupolier. Er blieb dieser Arbeit während über 40 Jahren treu. Nebenbei war er 16 Jahre im Vorstand der Schwellenkorporation Saanen, davon 16 Jahre als Präsident. Auch engagierte er sich in verschiedenen Sportvereinen. Aufgrund einer schweren Blutkrankheit ist er am 20. Februar 2023 gestorben.

PD/MOA


«Das Beste ist, wenn die Gäste zufrieden sind»

Im Rahmen der Vernissage interviewte Frank Müller Christine Oehrli, Witwe von Ueli Oehrli, und den Autor Armin Oehrli.

ANITA MOSER

Christine Oehrli, Sie waren 43 Jahre verheiratet mit Ueli Oehrli. Wie fühlen Sie sich?

Christine Oehrli: Es ist sicher nicht ganz einfach für mich, aber ich bin stolz, dass wir das Buch realisieren konnten. Ueli hat wirklich alles selber gemacht. Und es war sicher auch sein letzter Wunsch, dass das Buch herauskommt.

Balance ist ein wichtiges Element in seinem Leben. Wie haben Sie das erlebt?

Ich habe nicht viel dazu gesagt. Er hatte seine Balance – als Maurerpolier, beim Skifahren oder beim Töfffahren. Aber auch für die Familie war er da.

Die Stammbeiz des Moto-Clubs Golden Flêches war der Olden. Als er Sie kennengelernt hatte, genoss er sein Feierabendbier nicht mehr im Olden, sondern im Rössli…

(schmunzelt) Ich habe dort die Lehre absolviert.

Euer Haus heisst Moustache. Wie kam es dazu?

Ueli hatte schon immer einen Schnauz und immer daran gedreht, damit er noch grösser wird. Als das Haus fertig war – er hat es grösstenteils selber gebaut –, sagte er, dass es Moustache heissen soll.

Ueli fuhr gerne schnell Ski, war gerne in den Bergen unterwegs, hat stotzige Begehungen gemacht, ist mit 280 km/h um die Kurven oder geradeaus gefahren. Haben Sie manchmal nicht so gut geschlafen?

Am Anfang ja. Er ist «zimli gärn» schnell gefahren. Damals durfte man vielleicht noch schneller fahren oder man ist einfach schnell gefahren… Mit den Jahren habe ich gelernt, dass es keinen Sinn macht, zu sehr Angst zu haben. Er hat ja seine Balance gehalten.

Und die Kontrollen waren auch nicht immer überall die gleichen.

(unter Gelächter) Nein, früher nicht. Da waren sie noch gut.

Im Olden haben sich die Töfffahrer getroffen und sie haben sich auch Rennen geliefert.

Genau. Der eine fuhr Richtung Col du Pillon, der andere Richtung Rougemont und weiter über den Col des Mosses. Wer als zweiter wieder vor dem Olden war, musste dem anderen ein Bier bezahlen. (Und schmunzelnd) Es gäbe noch vieles zu erzählen, aber das lassen wir lieber.

Armin Oehrli, wie war Ihre Beziehung zu Ihrem grossen Bruder?

Armin Oehrli: Wir hatten eine gute Beziehung. Wir mussten viel helfen zu Hause. Oft haben wir die Arbeiten als Teamwork erledigt, in der Hoffnung, wir hätten so mehr Freizeit. Aber dann gab es noch mehr Arbeit. (Und ergänzt mit feuchten Augen) Ich muss sagen, wir waren 70 Jahre zusammen.

Mit Töfffahren haben Sie aber nicht angefangen.

Wir haben zusammen eine Spritztour gemacht. Es war ein Samstagnachmittag, ein schöner Frühsommertag. Wir beide mit offenem Hemd und ohne Helm. Mit Vollgas fuhr mein Bruder über den Col du Pillon und den Les Mosses. Wir sind praktisch mit dem Kopf in der Nähe des Asphalts aus der Kurve gefahren. Zu Hause stieg ich vom Töff und sagte zu mir: «Armin, kauf nie einen Töff, da wirst du nicht alt.»

Aber z Bärg gehen ist nicht unbedingt weniger gefährlich.

(lächelt verschmitzt) Wir dachten, wenn Ueli Töff fährt, können wir den Eltern und besonders der Mutter nicht zumuten, dass ich auch noch etwas Gefährliches mache. Und darum wurde ich Bergsteiger.

Offenbar hat Sie als 13-Jähriger ein Buch von Walter Bonatti dazu inspiriert.

Genau. Es hat mich fasziniert, dass er alleine unterwegs war und alles so genau beschreiben konnte. Wie die Sonne untergegangen oder aufgegangen ist, welche Schwierigkeiten er am Berg hatte und wie er biwakiert hat. Als 13-Jähriger dachte ich mir, ich könnte auch biwakieren wie Bonatti, alleine. Das habe ich der Mutter erklärt… vielleicht nicht ganz so. Sie hat uns nämlich gelehrt, dass man nicht lügen darf. Aber, wenn es ein Notfall sei, vielleicht das eine oder andere Mal sparsam mit der Wahrheit umgehen. Und das hier war ein Notfall… Und so habe ich in den Frühlingsferien auf dem Arpelistock auf 3035 Meter über Meer ganz alleine meine erste Biwaknacht erlebt. Danach reifte der Wunsch, Bergführer und Skilehrer zu werden.

Sie gingen nie einem Nebenjob nach, waren zu 100 Prozent Bergführer. Wie haben Sie das geschafft?

Ich arbeitete damals bei der Post. Wegen einer kleinen Wirtschaftskrise in den 1970er-Jahren konnten wir unbezahlten Urlaub nehmen. Ich habe die Gelegenheit am Schopf gepackt und 1976 den Bergführerkurs absolviert, 1977/78 begann ich zu führen. 1978 verlangte mein Arbeitgeber eine Entscheidung. Post oder Bergführer. Ich habe dem Personalchef von der Kreispostdirektion erklärt, dass ich Bergführer werde. Da hätte ich mehr Aufstiegsmöglichkeiten als bei der Post.
Aber zu Ihrer Frage: Ich hatte das Glück, sehr viele gute Gäste zu haben.

Und während vielen Jahren habe ich für Kollegen und für mich ein Programm zusammengestellt und Tourenwochen organisiert. So konnte ich die Saison verlängern. Und schon als junger Bergführer, habe ich, wenn die Hochtourensaison vorbei war, Wanderungen geleitet.

Ihr Bergführerkollege Ueli Hauswirth schreibt in der Einleitung, Bergführer hätten viel zu erzählen, seien Psychologen, Motivatoren, Zuhörer, Meteorologen, Retter, Über- und Untertreiber und vieles andere mehr. Und Sie schreiben, dass man Berater sei, Instruktor, Problemlöser, Unterhalter, Koch und Seelendoktor. Wie haben Sie das erlebt? Könnten Sie auf die Kanzel steigen?

Nein, das schon nicht. (überlegt) Wenn es sein müsste… Wir haben mit Leuten aus allen Schichten zu tun, mit Leuten, die wir kennen und solchen, die wir nicht kennen. Aber viele sind «Wiederholungstäter», solche, die immer wieder kommen. So kommt man mit ganz verschiedenen Personen zusammen, die verschiedene Ansichten haben, verschiedene Probleme. Man hört manches, lernt manches kennen und vernimmt «mängs», das man gar nicht wissen will…

Sie sagen, es sei ein Privileg, dass man als Bergführer Leute gegen Bezahlung aufs Glatteis führen und am Seil herunterlassen könne. Und man sei im grössten und schönsten Fitnessstudio tätig. Wie haben Sie das Bergführerleben im Rückblick gesehen erlebt?

Das Beste ist, wenn die Leute zufrieden sind. Die meisten haben ein Ziel oder irgendeinen Gipfel vor Augen. Die einen können das, die anderen haben Mühe. Ein Erlebnis ist es immer für alle, wenn der Bergführer und der Gast auf den Gipfel kommen, der Gast strahlt und zufrieden ist und wenn man den Gast in einem Stück wieder nach Hause bringt.

Auf was können Sie verzichten, was vermissen Sie nicht?

Die kratzigen Militärwolldecken vermisse ich überhaupt nicht. Die Hütten haben in der Zwischenzeit ziemlich aufgerüstet. Die ersten 20 Jahre hat es fast überall eine schwach gebackene, bleiche Herorösti und eine noch bleichere und eine noch schwächer gebratene Kalbsbratwurst – ebenfalls aus der Büchse – gegeben. Aber diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Sehr viele Hüttenwarte kochen heute bedeutend besser, stellen sich aber fast selber ein Bein, indem immer grösser werdende Ansprüche der Gäste befriedigt werden (müssen).

Sie haben keine Erstbegehungen, keine Rekordbesteigungen gemacht und auch keine grossen Routen eröffnet. Als Jüngling nahmen Sie sich vor, kein guter Alpinist zu werden. Was hat es damit auf sich?

Ich habe einmal ein Zitat von einem sehr guten Bergsteiger gelesen. «Ich wollte nie ein guter Alpinist werden, weil gute Alpinisten gab es immer – viele. Ich wollte immer ein alter Alpinist werden. Von denen gab es leider nie viele.» Das ist mein Leitsatz. Das erfordert aber auch, dass man – besonders mit Leuten, die man nicht kennt – defensiv plant und das Programm so gestaltet, dass man es steigern kann und nicht in eine Falle läuft oder irgendwo hingeht, wo der Gast und der Bergführer plötzlich überfordert sind.

In zwei Geschichten geht es um Vorahnungen, um Situationen, wo es brenzlig wurde. Ist es wichtig, dass man als Bergführer auf Vorahnungen hört?

Jene, die sie haben, sollten darauf hören. Ich hatte schon als Bub Vorahnungen. Aber es kann auch schwierig werden mit Vorahnungen. Wir hatten schönstes Wetter und es herrschten die besten Verhältnisse. Ich habe die ganze Nacht schlecht geschlafen und jedes Mal, wenn ich erwacht bin, hatte ich das Gefühl, etwas stimme nicht. Ich habe das Lawinenbulletin studiert, nach dem Wetter gesehen usw. Am Morgen hatten wir immer noch schönstes Wetter. Und so konnte ich dem Gast doch nicht sagen: «Heute ist es nicht gut, wir bleiben zu Hause.»

Sie mussten als Bergführer viele Entscheidungen treffen und wohl nicht nur angenehme. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich hatte wie erwähnt das Glück, viele langjährige Gäste zu haben, Gäste, von denen ich gewusst habe, was sie können und woran sie Freude haben. So konnte ich das Programm entsprechend zusammenstellen. Schwieriger ist es, wenn man Gäste hat, die irgendetwas machen wollen und man merkt, dass sie gar nicht dazu fähig sind. Das war manchmal nicht so einfach. Und gerade in unserer Region hat es sehr viele Gäste, die vom Skifahren kommen. Wir haben ja hier nicht die hohen Berge. Und unsere Skigäste haben in der Regel einen ganz anderen Bezug zu schönen, unberührten Hängen als jene, die bergsteigen. Bergsteiger, welche Skitouren unternehmen, haben eine Ahnung von den Gefahren im Gebirge. Skifahrer haben diesbezüglich weniger Ahnung, sie wollen einen Steilhang befahren, wenn viel Schnee liegt. Dann ist der Druck auf die Bergführer wohl auch grösser, als wenn man grössere Touren macht mit Leuten, die wissen, um was es geht.

Wenn Sie zurückblicken: Hat sich Ihr Wunsch erfüllt?

Der Wunsch hat sich definitiv erfüllt. Ich hätte nie etwas anderes machen wollen. Ich habe in den gut 7000 Tagen rund sieben Millionen Meter Aufstieg zurückgelegt.

 

 


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