«Ostern ohne Karfreitag ist eine Illusion, Karfreitag ohne Ostern ist eine Katastrophe.» Der Schweizer Theologe Franz Böckle bringt einen fundamentalen Zusammenhang auf den Punkt. Dabei bezieht er sich nicht nur auf den geschichtlichen Karfreitag vor rund 2000 Jahren – den ...
«Ostern ohne Karfreitag ist eine Illusion, Karfreitag ohne Ostern ist eine Katastrophe.» Der Schweizer Theologe Franz Böckle bringt einen fundamentalen Zusammenhang auf den Punkt. Dabei bezieht er sich nicht nur auf den geschichtlichen Karfreitag vor rund 2000 Jahren – den Tag, an dem Jesus Christus am Kreuz gestorben ist. Er meint den permanenten Karfreitag auf dieser Welt, der immer wieder stattfindet, wo Menschen das Leben auf gewaltsame Weise verkürzt wird, sei es durch die grossen Kriege in dieser Welt oder durch das, was Menschen sich im persönlichen Umfeld gegenseitig antun können. Karfreitage haben eine grosse, unheilvolle Macht. Ohne einen Ausweg sind sie eine Katastrophe.
Das Bild von Judith Schneider macht die beginnende Verwandlung des Karfreitags sichtbar. Frauen machen sich am Ostermorgen auf den Weg zum Grab von Jesus. Sie wollen seinen Leichnam einbalsamieren. Sie schauen auf das Grab. Zugleich haben sie noch die Ereignisse der vergangenen Tage unmittelbar vor Augen: Jesu Leiden und Sterben am Kreuz auf dem Hügel Golgotha.
Was nun im Folgenden geschieht, davon berichten alle vier Evangelien. Ihre Darstellungen unterscheiden sich in Details. Das liegt daran, dass die Evangelisten nicht selber Augen- und Ohrenzeugen der Ereignisse rund um das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu gewesen sind. Sie waren auf mündlich überlieferte Zeugnisse anderer angewiesen und schrieben ihre Berichte und Erzählungen erst etwa 40 bis 70 Jahre nach dem Tod Jesu auf.
Nichtsdestoweniger erzählen sie dieselbe Geschichte. Und ein Detail tritt in den Ostergeschichten hervor: das leere Grab und der Stein, der von der Graböffnung weggenommen wurde. Der Moment des wegrollenden Steins erscheint im Bild festgehalten. Dazu hören die Frauen die Botschaft: «Jesus Christus ist nicht hier. Er ist auferstanden!» Und aus dem Grab heraus wächst die Lichtgestalt des Auferstandenen, die sogleich andere, wärmere Farben in das Bild bringt.
Den Ostergeschichten geht es nicht um empirische Fakten und theoretische Folgerungen, sondern um den Glauben und darum, die Menschen zum Glauben einzuladen. Ihre Stärke ist es, dass sie auf den Zeugnissen von Frauen und Männern basieren, die bereits in den Glauben hineingefunden haben, die gespürt haben, dass der Glaube eine Kraft ist, die dem Leben dient. Ihr Ziel ist es, die Welt aus der Perspektive des Glaubens zu betrachten. Der christliche Glaube führt nicht in eine andere Welt. Er ermöglicht es, diese Welt mit ihren altbekannten Fakten und schroffen karfreitäglichen Fronten in einem neuen Licht zu sehen.
Der weggerollte Stein vor dem Grab hat blaue und weisse Konturen. Sie lassen ihn wie einen Globus erscheinen. Darin erscheint der Auftrag, den die Christinnen und Christen des ersten Jahrhunderts nach und nach als ihren Auftrag verstanden haben. Geht hinaus in alle Welt!
Auferstehung ist eine dynamische Erfahrung. Sie kann in unserem Leben Realität werden.
MATTHIAS NEUFELD,
LEITENDER PRIESTER IM PASTORALRAUM BERN OBERLAND