Pfarrer James Karnusian, der Genozid an den Armeniern und zwei Misstrauensvoten
19.06.2026 RegionDieses Jahr wäre der ehemalige Gstaader Pfarrer James Karnusian 100-jährig geworden. In der armenischen Diaspora war er hochgeachtet, im Saanenland umstritten. So kam es an der Kirchgemeindeversammlung vom 17. Mai 1978 zu einem absoluten Rekordaufmarsch von 561 Mitgliedern. 291 sprachen ...
Dieses Jahr wäre der ehemalige Gstaader Pfarrer James Karnusian 100-jährig geworden. In der armenischen Diaspora war er hochgeachtet, im Saanenland umstritten. So kam es an der Kirchgemeindeversammlung vom 17. Mai 1978 zu einem absoluten Rekordaufmarsch von 561 Mitgliedern. 291 sprachen sich für Karnusian aus, 235 dagegen. Damit wurde er trotz zahlreicher Gegenstimmen für eine weitere Amtszeit bestätigt, obwohl ein Initiativkomitee genau das mit einer Unterschriftensammlung verhindern wollte. Aber warum? Unsere Nachlese sucht nach Antworten und zeichnet sein bewegtes Leben nach – vom Flüchtlingslager in Beirut bis ins Gstaader Pfarrhaus.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
1926 wurde James Karnusian in der libanesischen Hauptstadt Beirut im Zelt eines Flüchtlingslagers geboren – als Sohn zweier Überlebender des Völkermords an den Armeniern des Osmanischen Reiches in der heutigen Türkei. Diesen furchtbaren Massakern waren während des Ersten Weltkriegs bis zu anderthalb Millionen Menschen zum Opfer gefallen.
Seine Mutter Lucie Gostanian, eine protestantische Christin aus Marasch am Fuss des Taurusgebirges, musste als 15-Jährige mitansehen, wie ihre ganze Familie ermordet wurde. Vom Schweizer Missionar Jakob Künzler gerettet, wurde sie mit rund 8000 anderen armenischen Waisenkindern auf Fussmärschen von Urfa über das Gebirge und durch die Wüste nach Syrien, danach in den Libanon gebracht. Sein Vater Sarkis Karnusian gehörte zu den Widerstandskämpfern am Berg Musa Dagh, wo sich die armenische Bevölkerung von sieben Dörfern vor dem türkischen Militär verschanzt hatte und in letzter Minute von französischen Kriegsschiffen gerettet werden konnte – eine Geschichte, die Franz Werfel in seinem berühmten Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» verewigt hat.
Der Flüchtlingsjunge und sein heimlicher Wunsch
Die frühen Jahre des kleinen James waren gemäss dem Nachruf in einer armenischen Zeitschrift alles andere als einfach: Mit drei Brüdern und einer Schwester wuchs er in einem ärmlichen Armenierviertel Beiruts auf – und soll oft hungrig zur Schule gegangen sein. Als Zimmermann brachte sein Vater wohl nur einen kärglichen Lohn nach Hause. Das wenige Hab und Gut verlor die Familie nach einem verheerenden Hausbrand auch noch.
Doch James war begabt: Neben seiner Muttersprache lernte er schon als Kind Französisch und Arabisch, später Englisch – und im Lauf seines Lebens noch ein halbes Dutzend weitere Sprachen dazu. Nach der Schule arbeitete er als Hilfslehrer an einer armenischen, von einem christlichen Hilfswerk getragenen Schule im Osten Libanons. Daneben verdiente er sich bei einem Zeitungsverlag in Nachtschicht als Drucker das nötige Geld, um sich zum Lehrer ausbilden zu lassen. Später unterrichtete er in Damaskus, der Hauptstadt Syriens. James Karnusians eigentliches Ziel war es jedoch, eines Tages Theologie studieren zu können.
Theologiestudium, Hochzeitglocken und Schicksalswende
Auf Rat seines Vaters zog es James Karnusian für das Theologiestudium in die Schweiz – fernab von Ländern wie Frankreich, England oder den USA, die sich in der Armenierfrage zwiespältig verhalten hatten. 1954 begann er dank eines Stipendiums am baptistischen Seminar in Rüschlikon zu studieren und besuchte parallel Vorlesungen der Theologie an der Universität Zürich.
Zugleich nahm Karnusians Schicksal eine entscheidende Wende: Er lernte die Bernerin Elisabeth Fritz, eine Sekretärin am Seminar, näher kennen. 1959 läuteten für sie die Hochzeitsglocken. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor – sie sollten später alle im Saanenland aufwachsen.
Vorerst stellte sich dem frischgebackenen Ehepaar aber die Frage nach einer Berufslaufbahn in der Schweizer Heimat von Elisabeth. Nach ergänzenden Studien in Bern war es 1960 so weit: James Karnusian trat eine Vikariatsstelle in Unterseen bei Interlaken an. 1966 wurde er eingebürgert und ein Jahr später zum Pfarrer der Kirchgemeinde Saanen-Gstaad gewählt – ein Amt, das er fast ein Vierteljahrhundert bis zu seiner Pensionierung innehatte.
Der Armenische Weltkongress: Kampf gegen das Vergessen
Das tragische Schicksal seines Volkes hatte James Karnusian früh geprägt. Sein Leben lang kämpfte er gegen das Vergessen des armenischen Genozids – und für dessen Anerkennung. Bereits in den 1960er-Jahren hielt er Vorträge, schrieb Artikel sowie Bücher – und drehte 1968 mit dem bekannten Journalisten Heinrich von Grünigen sogar einen Dokumentarfilm in der damaligen Sowjetrepublik Armenien, allen Widerständen zum Trotz. Ausserdem gab er jahrelang die Zeitschrift «Die Stimme Armeniens» für die deutschsprachige Diaspora heraus.
Auch auf internationaler Ebene aktiv, präsidierte Karnusian 1979 in Paris den ersten Armenischen Weltkongress, der die Diaspora vereinen und die internationale Anerkennung des Genozids vorantreiben sollte. 1983 folgte in Lausanne ein zweiter Kongress mit Vertretern aus 17 Ländern zum 60. Jahrestag des Vertrags von Lausanne, wo die Westmächte den versprochenen Staat für die Armenier in Ostanatolien aufgrund des türkischen Drucks fallen gelassen hatten.
Dieser enorme ausseramtliche Einsatz trug schliesslich zu den Spannungen bei, die in der denkwürdigen Unterschriftensammlung gegen Karnusians Wiederwahl als Pfarrer von Saanen-Gstaad gipfelten.
Das Misstrauensvotum – oder kein Prophet gilt im eigenen Lande
Bereits im Frühling 1978 war der Konflikt mit dem Saaner Kirchgemeinderat, der die Initiative gegen James Karnusian unterstützte, eskaliert: Unter anderem wurde ihm ein «Vorprellen im Alleingang ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl» vorgeworfen, wie im «Anzeiger von Saanen» zu lesen war. Und das Initiativkomitee kritisierte, ein Pfarrer könne nicht gleichzeitig «Armenier-Betreuer», Geschäftsmann und Manager sein, ohne sein Amt zu vernachlässigen.
Tatsächlich hatte sich Karnusian auch in Saanen weit über die Kanzel hinausgelehnt: 1970 gründete er die Musikschule Saanenland mit und wurde deren erster Präsident. 1975 eröffnete er als Teilhaber die Buchhandlung Pharos in Gstaad, 1977 konnte das von ihm vorangetriebene, längst überfällige Kirchgemeindehaus eingeweiht werden. Zugleich übernahm der Musikliebhaber die Verwaltung der von Yehudi Menuhin begründeten International Menuhin Music Academy (IMMA). Und neben der Seelsorge organisierte er unermüdlich Anlässe – von Bibelabenden über Altersstubeten bis hin zu Seniorenreisen –, initiierte Konfirmationslager, engagierte sich sozial.
Ein beträchtlicher Teil der Gemeinde dankte es ihm trotz aller Anfechtungen, wie schliesslich seine Wiederwahl an der Kirchgemeindeversammlung vom 17. Mai zeigte. Am Ende signalisierte selbst der Kirchgemeinderat die Bereitschaft, mit seinem «initiativen» Pfarrer das «abgebrannte Haus» neu aufbauen zu wollen – eine Chance für alle, wie man hoffte.
Die Asala und das Dilemma der Gewaltlosigkeit
In den 1980er-Jahren verübte die Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (Asala) tödliche Attentate gegen türkische Diplomaten, um die Anerkennung des Genozids durch die Türkei und die Schaffung eines armenischen Staates in Ostanatolien herbeizuführen. James Karnusian distanzierte sich nicht von diesen Terroraktionen, was ihm Kritik einbrachte. Nach seinem Tod Jahre später wurde sogar behauptet, unter anderem von der NZZ, der Gstaader Pfarrer sei an der Gründung der Organisation im Libanon beteiligt gewesen. Die Wahrheit konnte nie zweifelsfrei aufgedeckt werden, da er das Geheimnis mit ins Grab nehmen sollte. Laut Manuschak Karnusian hat sich dieser Verdacht nach der Überprüfung seiner Reisepässe nicht erhärtet. Ihr Vater sei jedoch überzeugt gewesen, dass die Anschläge die Ungerechtigkeit gegenüber seinem Volk – die durch die Leugnung des Völkermords fortbestand – einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen würden.
Frei von militanter Polemik blieb Pfarrer Karnusian auch sonst nicht. Anfang der 1990er-Jahre äusserte er sich im «Bund» zum kriegerischen Konflikt mit Aserbaidschan um die armenische Enklave Bergkarabach: Allein die Hand zum Frieden ausstrecken genüge nicht – «wäre ich jünger, ich würde sofort hinfahren, um Armenien zu verteidigen». Zugleich warnte er vor einer islamischen Welle und bezeichnet Bergkarabach als letzte Bastion des Christentums gegen Osten.
(Un-)Ruhestand: Erdbeben, Unabhängigkeit und Spätfrüchte
Auch nach einem weiteren überstandenen Misstrauensvotum 1984 und seiner Pensionierung 1991 sowie dem Wegzug nach Moosseedorf setzte sich James Karnusian mit aller Kraft für die armenische Sache ein. 1988, nach dem verheerenden Erdbeben mit Zehntausenden Todesopfern im Norden des Landes, sammelte er Spenden – ebenso in den Wirren nach dem Zerfall der Sowjetunion, der Unabhängigkeit Armeniens 1991 sowie insbesondere ein Jahr später während des Krieges um die Region Bergkarabach, die ihm besonders am Herzen lag. Mehrfach bereiste er in diesen Jahren das Konfliktgebiet, um persönlich Hilfe zu organisieren. Zu diesem Zweck gründete er die Gesellschaft Schweiz-Armenien mit, die sich auch für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern einsetzte.
James Karnusian – von seinen Landsleuten respektvoll «Werabadveli» (auf Armenisch Pfarrer) genannt – starb 1998 unerwartet im Alter von 72 Jahren an einem Nierenleiden. Das armenische Aussenministerium würdigte ihn in einem Pressekommuniqué als eine jener Persönlichkeiten, «die wie ein Wunder nach dem Völkermord» hervorgetreten seien. Es war ihm jedoch nicht vergönnt, die späten Früchte seines lebenslangen Wirkens zu geniessen, denn erst fünf Jahre später wurden die Massaker an den Armenierinnen und Armeniern von 1915–17 auch vom Schweizer Nationalrat als Genozid anerkannt – nicht aber vom Bundesrat.
Quellen: Menk: «Abschied von James Karnusian» (Sarkis Shahinian), Ausgabe Mai–Juni 1998; Der Bund, 15.8.1992: «Die Armenier sind fast wie die Oberländer Bergbauern» (Marc Lettau); BZ-Zeitpunkt, 28.3.2015: «Wie die Armenierin in mir zum Leben erwachte» (Manuschak Karnusian); Migros Magazin, 20.4.2015: «Ein Leben mit Leerstellen» (Andrea Freiermuth); Manuschak Karnusian/Jürg Steiner: Unsere Wurzeln, unser Leben. Stämpfli Verlag AG, Bern 2015; Anzeiger von Saanen: diverse Artikel Mai 1978 und 1984.
CHRONOLOGIE EINES SYSTEMATISCHEN GENOZIDS
Bereits um 300 n.Chr. wurde die armenische-apostolische Kirche im damaligen Königreich Armenien als erste Nationalkirche der Welt gegründet. Später lebte die Mehrheit der Armenier jahrhundertelang als Minderheit im muslimischen Osmanischen Reich, wozu als Kernland auch die heutige Türkei gehörte. Sultan Abdülhamid II. liess die christliche armenische Bevölkerung schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts verfolgen. Die sogenannten Jungtürken – radikale Politiker, die in seiner Regierung die Mehrheit an sich gerissen hatten – wollten gewaltsam einen ethnisch türkischen Nationalstaat schaffen.
Der Erste Weltkrieg, in dem das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreichs stand, verschärfte die Lage der Armenier, da sie pauschal als Verbündete des Kriegsgegners Russland galten. 1915 begann demnach der systematische Völkermord: Führende Intellektuelle wurden verhaftet, Männer ermordet, Frauen, Kinder und Alte deportiert. Todesmärsche durch die Wüste, Hunger, Krankheiten und Gewalt führten zum Tod von bis zu 1,5 Millionen Menschen (auf dem Foto: Deportationszug in Anatolien).
VERGELTUNG UND RINGEN UM ANERKENNUNG
Das Osmanische Reich zerfiel nach der Niederlage am Ende des Ersten Weltkriegs, das Regime der Jungtürken stürzte. Das führende Triumvirat – Enver, Talaat und Cemal Pascha (von links) – floh ins Exil, nachdem Urteile gegen die Verantwortlichen des Völkermords verhängt worden waren. In Armenien und der Diaspora entstanden Organisationen, die Vergeltung als moralische Pflicht betrachteten. 1921 ermordeten Mitglieder der Operation «Nemesis» Talaat Pascha in Berlin. Weitere tödliche Anschläge folgten, darunter auch auf Enver und Cemal.
Währenddessen gründete der neue Machthaber Mustafa Kemal Atatürk 1923 – nach der Absetzung des Sultans – die Republik Türkei. Im gleichen Jahr beendete er durch den Vertrag von Lausanne den armenischen Traum eines eigenen Staats in Ostanatolien. Von da an wurde der Genozid von der türkischen Regierung verleugnet – bis heute. Ab 1976 verübte die Asala (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia) gezielt Terrorakte gegen türkische Diplomaten und hinterliess Dutzende Tote. In der Zwischenzeit haben weltweit viele Staaten den Völkermord offiziell anerkannt.
KRIEG UM DIE REPUBLIK BERGKARABACH
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das verbliebene Armenien in die kommunistische Sowjetunion einverleibt. Mit deren Zusammenbruch 1991 erlangte es seine Unabhängigkeit. Gleichzeitig entbrannte aber der Konflikt um Bergkarabach, eine überwiegend armenische Enklave innerhalb Aserbaidschans. Jahrelange Spannungen, ethnische und religiöse Ansprüche – Christen gegen Muslime – führten 1992 zum Krieg zwischen den beiden postsowjetischen Staaten. Russland stellte sich hinter Armenien, während die Türkei die Gegenseite unterstützte. Daraus ging die Gründung der international nicht anerkannten Republik Bergkarabach hervor – ein Pyrrhussieg für die armenischen Nationalisten. Denn trotz eines Waffenstillstands 1994 blieb das Problem politisch ungelöst. 2023, nach einer neunmonatigen Blockade, welche die Menschen in Bergkarabach aushungerte, setzten die aserbaidschanischen Streitkräfte der Enklave mittels einer Blitzoffensive ein brutales Ende. Schätzungsweise über 100’000 Menschen flohen in kurzer Zeit nach Armenien. Die russische Schutzmacht griff nicht ein und zog 2024 ihre Truppen ganz ab.
Quelle: friedensbildung-bw.de









