Pfingsten – und wer versteht wen?
22.05.2026 RegionZwischen Sprachenvielfalt und Missverständnissen: Was das Pfingstwunder heute bedeuten kann.
Ein schwer fassbares Fest
50 Tage nach Ostern feiern Christinnen und Christen Pfingsten. Und doch gehört dieses Fest zu denjenigen, bei denen viele zuerst ...
Zwischen Sprachenvielfalt und Missverständnissen: Was das Pfingstwunder heute bedeuten kann.
Ein schwer fassbares Fest
50 Tage nach Ostern feiern Christinnen und Christen Pfingsten. Und doch gehört dieses Fest zu denjenigen, bei denen viele zuerst überlegen oder nachschlagen müssen, worum es eigentlich geht. Weihnachten: klar. Ostern: auch. Aber Pfingsten?
Die biblische Geschichte ist schnell erzählt. Menschen aus verschiedensten Ländern sind in Jerusalem versammelt. Die Jünger Jesu beginnen zu sprechen – und plötzlich versteht jeder die Jünger in seiner eigenen Sprache. Ob Parther, Meder, Römer oder Kreter: Es ist ein erstaunliches Sprachengewirr und doch gelingt Verständigung. So berichtet es die Apostelgeschichte.
Ein vertrautes Bild
Auf den ersten Blick wirkt diese Szene befremdlich. Und gleichzeitig fühlt sie sich erstaunlich vertraut an. Denn wer heute durch die Schweiz reist – beispielsweise im Zug – begegnet einer ganz ähnlichen Vielfalt. Es wird englisch gesprochen, am Telefon italienisch, zwei Sitze weiter französisch oder spanisch. In vielen Büros ist Englisch längst Alltagssprache. Und in Schulklassen sind mehrere Muttersprachen eher die Regel als die Ausnahme.
Die Schweiz war immer ein mehrsprachiges Land. Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch prägen es bis heute. Doch die sprachliche Wirklichkeit ist noch vielfältiger geworden. In den Städten – und zunehmend auch in touristisch geprägten, ländlichen Regionen – ist Schweizerdeutsch oft nur eine Stimme unter vielen – manchmal sogar die Ausnahme.
Das führt gelegentlich zu nostalgischen Klagen. «Früher hat man hier einfach nur Schweizerdeutsch gesprochen», heisst es dann.
Ganz so einfach war es allerdings nie. Schon die alte Eidgenossenschaft war ein Geflecht aus Dialekten, Sprachen und Kulturen. Verständigung war immer auch eine Aufgabe. Menschen mussten sich bemühen, einander zu verstehen.
Das eigentliche Wunder
Genau hier berührt die Pfingstgeschichte unsere Gegenwart.
Denn das eigentliche Wunder besteht nicht darin, dass plötzlich alle dieselbe Sprache sprechen. Nein, das Erstaunliche ist etwas anderes: Obwohl die Verschiedenheit bestehen bleibt, verstehen sich die Menschen.
Pfingsten erzählt von einer Kraft, die verbindet, ohne Unterschiede aufzuheben. Die christliche Tradition nennt diese Kraft den Heiligen Geist. Dieser Heilige Geist ist eine schwer fassbare Wirklichkeit – und doch eine, die bis heute Menschen bewegt. Sie zeigt sich nicht nur im Spektakulären, sondern oft im Unscheinbaren: dort, wo Verständigung gelingt, wo Vertrauen wächst, wo Menschen einander zuhören.
Pfingsten wird auch als «Geburtstag der Kirche» verstanden. Für die verunsicherten Jüngerinnen und Jünger, die den Tod und die Auferstehung Jesu von Nazareth miterlebt haben, begann etwas Neues. Die Kraft des Heiligen Geistes gab ihnen den Mut, etwas in Bewegung zu setzen. Sie bezeugten ihre Erfahrungen und gaben sie weiter, «bis an das Ende der Erde».
Eine aktuelle Herausforderung
Und diese Bewegung hat bis heute etwas zu sagen. Denn auch wir leben in einer Zeit vieler Stimmen. Unterschiedliche Sprachen, Meinungen, Perspektiven prallen aufeinander. Nicht nur sprachlich, auch gesellschaftlich. Und das macht Verständigung alles andere als selbstverständlich.
Vielleicht liegt gerade hier die Aktualität von Pfingsten. Nicht alle sprechen gleich. Aber viele verstehen mehr, als man denkt. Vorausgesetzt, sie sind bereit zuzuhören.
Das ist anspruchsvoller, als es klingt. Zuhören heisst, sich auf den anderen einzulassen. Nicht sofort zu urteilen. Fremdes nicht gleich abzuwehren. Es bedeutet auch, anzuerkennen, dass die eigene Sicht nicht die einzige ist.
Pfingsten setzt genau hier an. Es erzählt von einer Kraft, die Menschen innerlich bewegt – nicht laut und aufdringlich, sondern leise und nachhaltig. Es ist eine Kraft, die inspiriert, stärkt und tröstet.
Offen bleiben
Doch was, wenn man davon wenig spürt?
Vielleicht kann ein altes Gebet helfen, Worte zu finden. Vor über 1500 Jahren hat der Kirchenvater Augustinus es so formuliert:
Atme in mir, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist,
dass ich das Heilige nimmer verliere.
Vielleicht geht es an Pfingsten gar nicht darum, alles genau zu verstehen. Vielleicht genügt es, offen zu bleiben. Für das, was verbindet. Für das, was Menschen über Grenzen hinweg zusammenführt.
Das kleine Pfingstwunder geschieht nicht nur in grossen Bildern von Feuer und Sturm. Es beginnt oft ganz unspektakulär. Zum Beispiel dort, wo jemand zuhört – auch wenn der andere anders spricht.
PFARRERIN CAROLA WATTS
APOSTELGESCHICHTE 2,1– 4
Und als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren sie alle am selben Ort beisammen.
Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen liess sich eine nieder.
Und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

