Pralles Leben – und ein junger Strippenzieher
25.08.2026 KulturBenjamin Bernheim hat mit seinem lyrischen Tenor in «La Bohème» am Menuhin Festival verzückt. Aber nicht nur er. Und wie ist es einem 23-Jährigen gelungen, die Regiefäden im vollen Gstaader Zelt auszulegen?
SVEND PETERNELL
Normalerweise ...
Benjamin Bernheim hat mit seinem lyrischen Tenor in «La Bohème» am Menuhin Festival verzückt. Aber nicht nur er. Und wie ist es einem 23-Jährigen gelungen, die Regiefäden im vollen Gstaader Zelt auszulegen?
SVEND PETERNELL
Normalerweise wird dem Dirigenten sein Revier nicht streitig gemacht. Doch Marco Armiliato hat sich auf eine spielfreudige Truppe eingelassen. Da steigt dann auch die kokette, mindestens zweimal an diesem Abend die Garderobe wechselnde Sandra Hamaoui (33) als Musetta keck auf das Podest, um den 59-jährigen Genueser leicht abzudrängen. Später nehmen ihn auch die Künstler des Quartier Latin in die Mangel und hängen bei ihm ein – spasseshalber, versteht sich.
Armiliato nimmt das locker. Schliesslich hat er die Partitur seit Jahr und Tag auswendig im Kopf, kennt jede Textstelle und könnte jederzeit mitsingen. Wenn jemand mit Giacomo Puccini (1858–1924) und seiner «Bohème» aufs Engste vertraut ist, dann er. Das Schöne an den Opern am Menuhin Festival im Gstaader Zelt: Sie machen das Orchester und den Dirigenten sichtbar, die beide auf Augenhöhe mit den Singenden und – eben ja, Darstellenden – agieren. Sie ermöglichen noch einmal eine andere Wahrnehmung der Musik.
Ziemlich unterwegs
Und so entlockt Armiliato dem in allen Registern sehr präsenten, höchst agilen Gstaad Festival Orchestra betörende Klangströme – von feinster Streicherintimität bis hin zu metallen-gleissender Blechbläserwucht. Diese breit wogende Klangpalette: Sie darf sich hören lassen. Vor allem werden kaum einmal die Stimmen der Darstellenden bedrängt. Da hat Armiliato ein Gespür für die Balance und den natürlichen Fluss der Musik. Die Solistinnen und Solisten hat er stets im Fokus. Obwohl er sich zu Letzteren auch mal umdrehen muss. Denn ja, sie sind ziemlich unterwegs an diesem kühler gewordenen Freitagabend.
Und damit ist auch gesagt, dass wir von einer Aufführung in konzertanter Fassung, wie sie das Programmheft understatementartig umschreibt, weit entfernt sind. Für «La Bohème» hat Festivalintendant Daniel Hope dank dem einmal mehr bestens spielenden Beziehungsnetz – «Family Matters» eben – auf ein junges Talent zur Belebung der Szenerie zurückgreifen können: Der erst 23-jährige Fabio Rickenmann, Casting-Mitarbeiter und Dramaturg fürs Musiktheater beim Konzert und Theater St. Gallen, hat als Strippenzieher eine szenische Einrichtung angefertigt, die dank einfacher Griffe den vier Akten stimmungsmässig gerecht wird.
Was das Licht ausmacht
So evoziert eine einfache Staffelei schnell das Bild einer Künstlermansarde. Ein paar Tische vor der ersten Zuschauerreihe führen ins Quartier Latin und ins Bistro Momus. Kommen noch eine Reihe Ballone und ein Gewimmel an Menschen dazu – vom spielfreudigen und gesanglich vorzüglichen Chor der Bühnen Bern übernommen –, ist der Jahrmarktstrubel perfekt.
Und wie kriegt man ein Feuer im Ofen in der Mansarde sinnfällig hin, das von der Kälte in der bitterarmen Künstlergemeinschaft erzählt? Ein paar dunkelrot leuchtende Lämpchen im hinteren Teil des Orchesters bei gedimmtem Licht haben genügt. Wie überhaupt einige Lichteffekte im Bereich blau und violett Stimmungen auslösen zwischen Hoffnung, Übergang, Vergehen und Tod.
Ein Edeltenor, der berührt
Denn die «Bohème» ist bei aller Umtriebigkeit, bei allem Schabernack und bei allem prallen Leben, die Puccini veristisch abbildet, auch eine Oper der feinen Poesie, der flackernden Liebesgefühle, der Intimität und des Verlöschens. Gerade auch da entfalten sich stimmige Tableaus rund um das auf zwei Stühlen hergerichtete Sterbebett der schwindsüchtigen Mimi: Carolina López Moreno (35) gibt sie zart-verletzlich in der Tonalität, lässt ihren beweglichen, höhensicheren Sopran mit ihrer substanzreichen Tiefe richtig warm werden. Benjamin Bernheim (41) als Rodolfo, wohl der meistbegehrte Sänger der Gegenwart, zeigt seinen edel timbrierten, souverän geführten lyrischen Tenor mit einem Glanz und einer Hingebung, die berührt – auch darstellerisch in seiner Hilflosigkeit vor der sterbenden Mimi.
Im Schlussakt hat Sandra Hamaoui als ansonsten aufgebrezelte Musetta ihren zuvor eher rauh-angriffigen Sopran in weichere Zonen geführt. Nicht zuletzt, weil sich mit Marcello, ihrem früheren Liebhaber aus der Künstlerzunft, wieder etwas anbahnt. Der Mailänder Lodovico Filippo Ravizza (31) verleiht dem Maler baritonale Tiefe und sympathische Erscheinung. Als Musiker Schaunard vermag Biagio Pizzutis (39) Charakterbariton zu wärmen, während der dritte Italiener im Bunde, Gianluca Buratto, als Philosoph Colline seinen tragenden Bass in Schwingungen versetzt.
Sterben im Abendkleid
Natürlich beisst es sich optisch, wenn Solistinnen in Abendkleid oder Solisten in weissem Hemd und Smoking-Hosenbund die Armut und Kälte im Atelier beklagen. Oder Colline von seinem Mantel erzählt, den er bei der Pfandleihe einlösen will, um Mimi zu Medikamenten zu verhelfen. Obwohl er nie und auch jetzt nicht einen bei sich hat.
Der Abend hat der Fantasie aber genug Gelegenheit geboten, um die Geschichte so zu nehmen, wie sie gedacht ist. Das Fest der Stimmen und der berauschenden Klänge hat stattgefunden. Mit einem mehrfach involvierten und geforderten Dirigenten. Und mit Standing Ovations nach mehr als zweieinhalb Stunden im bestens gefüllten Festivalzelt.




