Qualzuchten und illegale Wildtiere boomen
01.05.2026 Gesellschaft79 Tierarten leben im Sikypark in Crémines. Sie kommen aus Wohnzimmern oder Industriecontainern: Wölfe, Luchse, Servale oder gekreuzte Qualzuchten – gehalten als Haustiere in der Schweiz.
Das Sikypark-Team steht im Garten eines Privathauses in der Schweiz. ...
79 Tierarten leben im Sikypark in Crémines. Sie kommen aus Wohnzimmern oder Industriecontainern: Wölfe, Luchse, Servale oder gekreuzte Qualzuchten – gehalten als Haustiere in der Schweiz.
Das Sikypark-Team steht im Garten eines Privathauses in der Schweiz. Es holt Wildtiere ab: 18 Erdmännchen aus dem Privatbesitz eines verstorbenen Erdmännchen-Spezialisten. Diese leben bis dahin immerhin draussen, in einem Gehege im Garten. Es geht aber auch anders, sagt Marc Zihlmann, Direktor des Sikyparks. Er zeigt ein Video, aufgenommen in einer Stadt in Italien, nahe der Schweizer Grenze. Ein Passant geht mit einem Erdmännchen Gassi, wie mit einem Hund, an der Leine.
Ausserhalb der Stadt gibt es einen Zoohandel, Zihlmann fährt hin. Hier gibt es alles zu kaufen: von geschützten Sperlingskäuzen über Weisskopfseeadler bis zu Zebras. Und eben Erdmännchen. Für etwas über 100 Euro pro Tier. Diese Szenen hat er für eine SRF-Dok aufgenommen.
Der Weg in die Schweiz sei ein kurzer, der Schmuggel über die Grenze relativ leicht, sagt Zihlmann. Das spürte er im Sikypark, der sich nicht als klassischer Zoo, sondern als Tierrettungspark versteht. «Wir haben tonnenweise Erdmännchen.» Und sie bräuchten noch viel mehr Platz, um alle aufnehmen zu können. Die Leute würden sich nicht mit den Haltungsbedingungen auseinandersetzen. Und wenn ein Tier nach einiger Zeit in Einzelhaltung durchdreht, seien sie überfordert. Bei Erdmännchen, die in Gruppen mit strengen Hierarchien leben, passiere das häufig.
Der Brandbeschleuniger Social Media
Grund für diese Erdmännchen-Überschwemmung sei Social Media. «Wenn ein Tier online trendet, ist es ein Jahr später bei uns», sagt Zihlmann. Ein anderes Beispiel dafür sind Flughörnchen, kleine Eichhörnchen mit einer dehnbaren Flughaut zwischen den Vorder- und Hinterbeinen, sodass es kurze Strecken durch die Luft gleiten kann. Es hat riesige schwarze Augen und sieht süss aus. Und die Augen verraten auch, weshalb es als Haustier ungeeignet ist: Die Tiere sind nachtaktiv und brauchen spezielle Nahrung.
Zihlmann steht am Terrarium, in dem zwei dieser Hörnchen leben. Zu sehen sind sie nicht, es ist ja Tag. Darunter gehen grosse Sporenschildkröten gemächlich im Sand umher. «Zuerst siehst du hier einen Zoo, dann merkst du: Das waren alles Haustiere», sagt Zihlmann. 79 Tierarten beherbergt der Sikypark hier – alle aus privaten Haltungen.
Er zündet sich eine Zigarette an, geht ein paar Schritte in Richtung eines Geheges und ruft mit leicht erhobener Stimme: «Aska, Asgard. Kaos, Karma, kommt!» Als würde er seine Hunde im Wald zurückrufen. Sofort bewegt sich an mehreren Stellen etwas im Gehege. Zwei schwarze, ein weisser und ein grauer Wolf rennen zur Glasscheibe, wedeln mit den Schwänzen und winseln Zihlmann zur Begrüssung an. Dieser wechselt ein paar beruhigende Worte mit den Tieren, und als sie merken, dass er nichts zu essen dabei hat, legen sie sich wieder hin, alle in den Schatten kleiner Tannen.
Arktische Wölfe, versteckt im Hundepelz
Die beiden schwarzen Tiere sind Hybride, also Mischlinge aus Wolf und Hund, mit hohem Wildtieranteil. Sie sind Teil von einem von zwei Rudeln im Sikypark. Im anderen sind zwei weisse Wölfe, zu 100 Prozent Wildtiere: Es handelt sich um arktische Wölfe, eine weisse Unterart des Wolfes. Das Schockierende: Alle sieben Tiere im Park hatten einen Heimtierpass und einen Chip, wie jedes Schosshündchen. Obschon es Wölfe sind. Als Welpen seien sie süss, aber: «Ab neun Monaten drückt der Wolf durch. Dann sind die Leute überfordert und sperren ihn ein.» Einer der schwarzen Wolfshybriden, Asgard, streifte vier Monate lang alleine durch die Wälder von Genf, ehe er eingefangen werden konnte. Seit «Game of Thrones» habe die Wolfshaltung zugenommen, alle wollten einen «Schattenwolf» wie John Schnee im Serienhit. Die Branche spricht vom «Nemo-Effekt», sagt Zihlmann. Leute wollen das, was sie in Filmen sehen. Also einen Wolf zum Kuscheln – auch wenn das gemäss Zihlmann völlig unrealistisch ist.
Ein solcher Wolf ist Aska. Sie war vor einiger Zeit schweizweit in den Medien. Das Veterinäramt Aargau fand sie in einer Wohnung, alleine. Die Bilder zeigen Kot und Urin am Boden, Windeln liegen herum. Die Kantonstierärztin nimmt sie direkt mit – auch, weil sie vermutet, Aska habe Wolfsgene. Wegen der schwarz-grauen Fellfarbe und den auffälligen Augen sowie des Gangs. Alles sehe bei Aska mehr nach Wolf als nach Hund aus.
Im Sikypark zeigt sich: Dass Aska alleine gehalten wurde, war nicht gut. Sie ist zutraulich gegenüber Menschen, allerdings zeigt sie sofort Verhaltensstörungen und Stresssymptome, sobald sie alleine gelassen wird. Zihlmann baute ein Rudel für sie auf, da sie nicht in das bestehende integriert werden konnte. Traurigerweise fanden sich schnell weitere Wölfe und Wolfshybride aus Privathaltung im Sikypark ein. Oder eben Asgard aus einer Auffangstation. So konnte – zu Askas Glück – schnell ein Rudel gebildet werden.
Fast alle Wildtiere können privat gehalten werden
Die Schweiz unterscheidet zwischen Haustieren, Nutztieren und Wildtieren. Wildtiere sind mit einigen wenigen Ausnahmen allesamt bewilligungspflichtig. Halter:innen müssen eine artgerechte Haltung garantieren. Je nach Tierart braucht es einen Sachkundenachweis oder eine fachspezifische Ausbildung. Bei der Ausstellung des Bewilligungsgesuches überprüft das Veterinäramt, ob die Gehege gross genug und gut genug eingerichtet sind.
Bei Kreuzungen, aus denen sogenannte Hybridtiere entstehen, ist es komplizierter: Grundsätzlich ist die Kreuzung von Wildtieren in der Schweiz verboten. Kreuzt man allerdings Wildtiere mit Haustieren, und dann weiter mit Haustieren, so gelten diese ab der dritten Nachkommensgeneration als Haustiere. Also bis 25 Prozent Wildtieranteil. Und: Der Import und die Haltung von Hybridtieren sind nicht verboten, nur die Zucht.
Der Karakal mit Swarovski-Halsband
Das Geschäft floriert: Vor anderthalb Jahren kamen zehn neue Katzen in den Sikypark. Reine Servale und Rotluchse. Aber auch Kreuzungen zwischen Servalen und Hauskatzen, sogenannte Savannah-Katzen. Für diese Züchtung wird eine Hauskatze von einem sehr viel grösseren Servalkater gedeckt – oft endet das tödlich für die Katze, spätestens bei der Geburt, so Zihlmann.
Auch eine Fischkatze und eine Sandkatze, Wildkatzenarten aus Asien und Afrika, sind Teil des Rudels. Alle aus privater Haltung. «Die Tiere sind für die Leute oft ein exklusives Statustier für zu Hause.» Der Serval sei in einem dunklen Industriecontainer für die Zucht benutzt worden, sagt Zihlmann. Für Laien sei es relativ einfach, ein Wildtier wie einen Serval zu bestellen. «Das Internet ist unser grösster Feind.» Der Markt habe deswegen extrem zugenommen.
Oft würden die Tiere einfach mit Katzenfutter gefüttert, was zu weichen Knochen führt. Einer der Servale ist kleinwüchsig und hinkt, genauso wie eine der Savannah-Katzen. Zihlmann liess sie trotz Missbildung leben, da sie sich in das Rudel integrieren konnten.
Zwei Jahre nach der Eröffnung kamen die ersten beiden Raubkatzen aus illegalem Privatbesitz in den Park: Miro, ein Serval, der aus einer illegalen Zucht ausgebrochen und wochenlang quer durch die Schweiz gestreift war, ehe er eingefangen werden konnte. Und Marte, ein Karakal, der «in einer Villa, mit Swarovski-Halsband» gehalten wurde, so Zihlmann.
Erst ausgelacht, jetzt selbst schockiert
Die Behörden hätten damals von einem Einzelfall gesprochen. «2017 wurde ich ausgelacht, als ich den Park eröffnete. Heute erschrecke sogar ich darüber, wie viele Tiere bei uns ankommen.» Er fügt an: «Unsere Kapazität ist längst erreicht.» Und es werde jedes Jahr extremer, sagt Zihlmann. Viele Tiere müssten sie ablehnen.
Aber so fanden zumindest die rund 1250 aktuellen Bewohner des Sikyparks ein Zuhause. «Früher hat man solche Tiere euthanasiert», sagt Zihlmann. Laut ihm müssten die Gesetze angepasst werden: Die Tierschutzverordnung sei nicht mehr zeitgemäss. «Gewisse Tierarten dürften privat nicht gehalten werden, Hybride sollten ganz verboten werden.» Sowohl die Kreuzung als auch die Haltung. Dass heute Hybride ab der vierten Generation erlaubt seien, findet er «bireweich».
Bei illegaler Haltung sei es mit einer Busse nicht getan, denn es müsse sich dann ja trotzdem jemand um das Tier kümmern. «Man müsste Unterhaltskosten auf Lebenszeit verlangen.» Und bei Tieren, die sehr alt werden können, eine geregelte Nachfolgelösung, falls der Besitzer verstirbt.
Letztlich sei aber die Kommunikation wichtig. Dass den Menschen bewusst werde, was sie einem Wildtier antun. Und dass sich Behörden und Menschen bei Zihlmann melden, etwa wenn der Nachbar ein verdächtiges Tier an der Leine führt. «Kaminfeger und Rettungssanitäter sind mir am liebsten», sagt der Tierparkleiter und lacht. Dank ihnen rücken er und sein Team 20- bis 25-mal pro Jahr aus, um Tiere zu retten. Jede und jeder könne aber mithelfen: «Wer schon nur Beiträge auf Social Media liked, unterstützt den illegalen Wildtierhandel.» In diesen Beiträgen sehe man nie, was das Tier tatsächlich durchmachen muss. Grundsätzlich rät Zihlmann dringend von Tierkäufen im Internet ab. Er bekämpft diesen Handel auch aktiv: «Wir sind die Tierpolizei im Internet.»
Aska hat jetzt eine Patchwork-Familie
Wolfshündin Aska hat jetzt ein Wolfsrudel im Sikypark. Sie lebt mit Asgard, auch ein Wolfshybrid mit hohem Wildtieranteil, und den beiden arktischen Wölfen zusammen und ist wesentlich ruhiger als bei ihrer Ankunft. Hier hat sie trotzdem noch Kontakt mit Menschen. Etwas, was in einem normalen Zoo kaum möglich wäre. Moderne Zoos versuchen, Tiere zunehmend ohne oder mit möglichst wenig direktem Kontakt zu Menschen zu halten. Und da sich Zoos als Artenschutzbotschafter für Wildtiere sehen, sind hybride Haustiere für sie nicht interessant. «Während in anderen Zoos die Tiere Botschafter für ihre wilden Artgenossen sind, sind meine Tiere Botschafter für die Leidensgenossen bei Privaten.»
Wenn er und sein Team ihren Job weiterhin erfolgreich erledigen, werde er irgendwann arbeitslos, so Zihlmann. Aber danach sehe es derzeit überhaupt nicht aus.
NICOLAS GEISSBÜHLER/BIELER TAGBLATT
Die SRF-Dok «Wildtiere fürs Wohnzimmer – von Qualzucht und illegalem Handel» wurde am 9. April ausgestrahlt und ist unter playsuisse.ch abrufbar.







