Quo vadis Kultur?
31.07.2026 KulturThe Summit ist ein neues Format des Menuhin Festivals – ein Think Tank, der Führungskräfte und interessiertes Publikum zum gemeinsamen Nachdenken und Austauschen über die Zukunft der Kultur vereinigt. Während drei Tagen wurde im Grand Chalet in Rossinière zu ...
The Summit ist ein neues Format des Menuhin Festivals – ein Think Tank, der Führungskräfte und interessiertes Publikum zum gemeinsamen Nachdenken und Austauschen über die Zukunft der Kultur vereinigt. Während drei Tagen wurde im Grand Chalet in Rossinière zu diesem Thema auf hohem Niveau vorgetragen und diskutiert.
ÇETIN KÖKSAL
Die Inspiration von Daniel Hope zu diesem neuen Format geht auf eine Idee von Yehudi Menuhin zurück, die er während seiner letzten Konzerttournee 1999 hatte. In einer «Confederation of Music Lovers» wollte er möglichst viele Akteur:innen in diesem Segment zusammenbringen, um sich mit vereinten Kräften für die Musik in ihrer enormen Vielfältigkeit einzusetzen. Leider kam es damals nicht mehr dazu, weil Menuhin während besagter Tournee jäh in Berlin verstarb. Die Idee jedoch lebte in Daniel Hope weiter, reifte über die Jahre und wartete auf eine Gelegenheit, in passender Form in die Tat umgesetzt zu werden. Die 2005 zur Unesco-Künstlerin für den Frieden ausgezeichnete Setsuko Klossowska de Rola öffnete dazu Räumlichkeiten ihres legendären Grand Chalet in Rossinière. Die Witwe des Malers Balthus betonte, dass ihr Mann und Yehudi Menuhin Freunde waren und die Überzeugung teilten, dass die Künste durch die Musik verbunden seien. Diese seit Langem existierende Verbindung zur Menuhin-Familie – auch im erweiterten Sinne – war eine grosse Motivation für sie, Teil der dreitägigen «Confederation of Music Lovers» zu sein. Auf die Frage von Moderator Hope, wie sie, Setsuko Klossowska de Rola denn Kunst definieren würde, antwortete sie: «Es geht darum, seine Seele zu teilen und philosophische Tiefen zu ergründen.»
Publikum und Finanzierung
Nach diesem poetischen Statement der Gastgeberin als Schlusspunkt der Einführung ging es mit ganz konkreten Fragen zur Zukunft der Kultur weiter. Ilona Schmiel, Intendantin des Tonhalle Orchesters Zürich und Matthias Schulz, Intendant des Zürcher Opernhauses, unterhielten sich mit Moderator Daniel Hope über die Rolle der Kultur in Europa, die Jugendförderung sowohl aufseiten des Publikums als auch aufseiten der Künstler. Einig waren sich alle, dass es ebenso zu den Aufgaben der Kulturinstitutionen gehört, sich um ein neues, junges Publikum aktiv zu bemühen, indem man die Institutionen öffnet und auch mit speziellen Angeboten und Veranstaltungen auf potenzielle Besuchende zugeht. Wünschenswert wäre natürlich ebenso eine politische Elite, welche weiterhin Verantwortung für dieses reiche kulturelle Erbe übernimmt, und die Wichtigkeit der Kultur für die Identität und den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaften erkennt und dementsprechend gewichtet. Beispielsweise durch eine gute Kunst-Grundausbildung an den Schulen oder das Einplanen von angemessenen Budgets öffentlicher Gelder für qualitativ hochstehende Kulturinstitutionen aller Art. Im Gegensatz zu den USA werden traditionell in Europa wichtige Kulturinstitutionen zum überwiegenden Teil durch die öffentliche Hand finanziert, was eine gewisse Planungssicherheit insbesondere bei den Fixkosten ermöglicht. Die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Finanzierung von Kultur mit ihren Steuergeldern ist in der Schweiz und im überwiegenden Teil Europas noch immer vorhanden. Dennoch gibt es zunehmend politische Richtungen, welche die Wichtigkeit von Kultur für eine Gesellschaft wieder vermehrt in Frage stellen. Aufgabe der Kulturschaffenden ist es, die Bevölkerung mit dem Vermitteln von Freude und bewegenden Erlebnissen und Erfahrungen stetig davon zu überzeugen, dass Kultur essenziell für den Erhalt unserer Zivilisation, also systemrelevant ist.
Junge Talente
Was die Zukunft der jungen Künstler betrifft, so kristallisierte sich klar heraus, dass beispielsweise gerade von jungen Musikern zunehmend mannigfache Fähigkeiten gefordert werden. Selbstverständlich bleibt die Grundkompetenz einer exzellenten Beherrschung des Instruments wie auch einer Entsprechung in musikalischen Belangen die wichtigste Voraussetzung für eine Karriere. Kommunikative Fähigkeiten und das Herausarbeiten von Alleinstellungsmerkmalen, die einen unterscheiden, sind heute und in Zukunft jedoch unabdingbar. Das Angebot an hervorragenden Instrumentalisten übersteigt schlicht die Marktnachfrage. Umso erfreulicher war es zu erfahren, dass dagegen die Nachfrage nach kompetenten Fachkräften im Betrieb von Kulturinstitutionen das Angebot übertrifft. Eine gute Chance für all jene Instrumentalisten, welche einer diesbezüglichen Weiterbildung oder Spezialisierung offen gegenüberstehen. Flexibilität ist auch in dieser Branche oftmals das Zauberwort zur Findung des eigenen Platzes in diesem Branchenuniversum. Viele erfolgreiche Führungskräfte – auch beim Menuhin Festival – sind diesen Weg gegangen.
KI und New Tech
Unter der Moderation von Klaus Fiala, Chefredakteur von «Forbes» Schweiz, beschäftigte sich die Runde mit den digitalen Möglichkeiten, unter anderem auch von KI, in der Kulturbranche. Dazu präsentierten die eingeladenen Speaker Jakub Fiebig und Pawel Jablonski das neueste Produkt ihrer Start-up-Firma Orfeon. Ihre Software ist in der Lage mithilfe von KI die Videoaufnahmen verschiedener Kameras bei Konzerten, Proben, Aufführungen zu koordinieren, den besten Aufnahmewinkel auszuwählen und so in Echtzeit, natürlich synchron mit der Tonaufnahme, wiederzugeben. Das erspart ein zeitintensives – und nachträgliches – Zusammenschneiden der verschiedenen Kameraaufnahmen. Wofür ursprünglich insgesamt sechs bis zehn Personen benötigt wurden, seien mit dieser Software noch eine bis zwei Personen erforderlich. Auf eine kritische Frage aus dem Publikum in Bezug auf die Originalität der Ton- und Videoaufnahmen antworteten die Jungunternehmer wie folgt: «Es ist uns äusserst wichtig zu betonen, dass unsere benutzte KI nichts am Originalton oder an den Bildaufnahmen verändert. Es werden also keine ‹Verbesserungen› am Klang oder an der Frisur der Auftretenden vorgenommen. Die KI dient lediglich als sehr effizientes Hilfsmittel und als Beschleuniger im Aufnahmeprozess.»
Dr. Clemens Trautmann, Präsident des traditionsreichen Labels Deutsche Grammophon, unterstrich den rasanten Wandel von Physisch zu Digital mit beeindruckenden Zahlen. Sein Label machte noch vor zehn Jahren 80 Prozent des Umsatzes mit physischen Produkten, also CDs usw., und den Rest mit digitalen Angeboten. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. 80 Prozent werden mit Streaming-Produkten erwirtschaftet und noch 20 Prozent mit physischen Produkten. Das Geschäftsmodell des Streamings funktioniere dabei so, dass je mehr Anwender (Abonnenten) den Stream herunterladen, desto höher sind die Einnahmen. Das bedeutet natürlich auch, dass Künstler:innen mit einer grossen Anhängerschaft erfolgreicher sind. Das wiederum wirft die kritische Frage auf, ob es Ziel eines Künstlers oder einer Künstlerin sein sollte, möglichst beliebt für eine möglichst breit diversifizierte «Fan-Gemeinde» zu sein. Nun, der Markt funktionierte natürlich auch schon vor dem digitalen Zeitalter auf diese Weise… Abschliessend referierte Dr. Patricia Ernst noch über die rechtlichen Herausforderungen und Fallstricke von Urheberrechten im Zusammenhang mit KI-generierter Kunst.
Gegenpol
Germinal Roaux bezeichnet sich als «Cineaste», startete seine berufliche Laufbahn aber als Pressefotograf. Diese Tätigkeit führte ihn nach Paris in die mondäne Modeszene, wo er ab einem gewissen Zeitpunkt auch mit sehr lukrativen Angeboten konfrontiert wurde. Eindrücklich erzählte er davon, wie er sich plötzlich an einem Scheideweg fühlte, wo das glamouröse Leben als Modefotograf eines bekannten Labels lockte. Roaux entschied sich für den anderen Weg, seinen Weg. Er wagte das existenziell unsichere Leben eines Filmemachers, der immerzu auf der Suche ist. Nach Authentizität und Wahrheit. Er steht den sozialen Medien, der Effizienzsteigerung zwecks kommerzieller Optimierung und der beschleunigten Welt kritisch gegenüber und empfindet beispielsweise KI-Hilfen als Hindernis für uns Anwender:innen, die Dinge wirklich und gründlich zu lernen und zu verstehen. Langsamkeit empfindet er als Chance in die Tiefe gehen zu können und den Entstehungsweg bewusst zu erleben. Nach den Vorträgen und Diskussionen über die Errungenschaften und Möglichkeiten der «modernen» Welt ein sehr erfrischender Blickwinkel, wie man die Dinge auch anders sehen kann. Germinal Roaux forderte uns auf, für einen Augenblick innezuhalten und das heute Selbstverständliche in Frage zu stellen. Sein letzter Film «Cosmos» lädt zur Kontemplation ein und läuft noch in einigen Schweizer Kinos.
Stradivari und Co.
Als Abschluss dieser ersten Summit-Gespräche lud Daniel Hope den renommierten Experten für historische Streichinstrumente, Prof. Marco Malagodi, zu einem Vortrag ein. Er erzählte über die Stadt Cremona, die im 16. Jahrhundert in ihrer Blüte stand und von da an die bekannten Geigenbau-Dynastien Amati, Guarneri, Bergonzi oder Stradivari hervorbrachte. Bis Ende des 18. Jahrhundert wurden sämtlich Höfe Europas mit den hervorragenden Instrumenten aus Cremona beliefert. Durch die geopolitischen Veränderungen verlor dann diese einst so einflussreiche Stadt massiv an Glanz und die verbliebenen Geigenbauer mussten in andere Länder ausweichen. Erst 1937 beschlossen die Faschisten, die ehemalige Geigenbautradition von Cremona wieder aufleben zu lassen. Doch woher das Fachwissen nehmen, wenn keine Aufzeichnungen existierten? Das wertvolle Fachwissen wurde nämlich aus Angst vor der ausländischen Konkurrenz von den damaligen Geigenbau-Familien ausschliesslich mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Alles, was man zur Eruierung des einstigen Fachwissens zur Verfügung hatte, waren die Instrumente selbst, und das war die Geburtsstunde der wissenschaftlichen Untersuchungen an den Instrumenten. Auch Professore Malagodi hat ursprünglich Chemie studiert. Anhand von verschiedenen, im Laufe der Zeit immer moderneren Methoden, konnte die Beschaffenheit und Verarbeitung der verwendeten Hölzer und – ganz wichtig – Lacke ermittelt werden. Interessant zu erfahren war zudem, dass für verschiedene Kunstwerke teilweise dieselben Materialien verwendet wurden. Beispielsweise benutzten Kunstmaler dieser Zeit ein spezielles Pigment, um eine besondere Farbe anrühren zu können. Dasselbe Pigment wurde jedoch ebenso von Geigenbauern für ihre Lackmischung verwendet. Eine unerwartete Verbindung verschiedener Künste auch in «materieller» Hinsicht.
Laut Daniel Hope besagt eine Legende über Winston Churchill, dass er mitten im Zweiten Weltkrieg seinen Regierungsmitgliedern, welche ihm nahelegten, das Kulturbudget zugunsten der dringend benötigten Kriegskasse zu opfern, folgendes entgegnete: «Wenn wir die Kultur eliminieren, wofür kämpfen wir dann?»
Die tiefer gehende Auseinandersetzung über Kultur ist wichtig und passt hervorragend in den Rahmen des Menuhin Festival Gstaad und zur Grundüberzeugung seines Namensgebers. Mögen viele weitere Summits eine etablierte Plattform dafür werden!

