Reise in die Vergangenheit
21.11.2025RANDNOTIZ
SONJA WOLF
Hatten Sie schon mal Ferien, in denen Sie jeden Tag geweint haben? Und trotzdem glücklich waren?
Genau das ist mir passiert! Glücklicherweise waren es keine Tränen der Trauer, sondern der Rührung. Tränen der ...
RANDNOTIZ
SONJA WOLF
Hatten Sie schon mal Ferien, in denen Sie jeden Tag geweint haben? Und trotzdem glücklich waren?
Genau das ist mir passiert! Glücklicherweise waren es keine Tränen der Trauer, sondern der Rührung. Tränen der Erinnerung an die wunderbaren 15 Jahre, die ich als junge Frau in Griechenland verbringen durfte.
Eine ganze Woche lang während unserer Novemberferien zwang ich nun also meinen Mann, alle Stätten abzuklappern, die früher zu meinem Alltag gehörten. Und glauben Sie nicht, dass ich da besonders nachlässig war! Akribisch wollte ich alles sehen, was mich in irgendeiner Weise an damals erinnerte. Durch den dichten Athener Grossstadtverkehr, der immer kurz vor dem Kollaps steht, steuerten wir meine Sprachschule an, in der ich viele Jahre lang griechischen Schülern Deutsch beigebracht habe oder die romantische orthodoxe Agios-Nikolaos-Kirche, in der wir geheiratet haben. Andächtig wanderten wir über den Spielplatz, auf dem sich unsere Kinder als Vierjährige ausgetobt hatten. Und stopp, auch hier bitte schnell noch ein Selfie vor dem Fotoladen, bei dem ich damals zu Filmentwicklungszeiten die beste Kundin war. Schliesslich musste ich die vielen Fotos unserer beiden Kleinen für alle Omas, Tanten und die Familie in Deutschland unendlich oft vervielfältigen... Und an jeder der Stationen kullerten sie, die kleinen Tränen der Rührung.
Aber besonders stark erwischte es mich in der Wohnung der inzwischen verstorbenen Schwiegereltern. In jedem Zimmer ein erneuter Heulanfall. Jede Karaffe, jede Vase, jede Ikone an der Wand, der Schreibtisch des Schwiegerpapas, die Kommode der Schwiegermama – als würde ich sie dort sitzen sehen... Ich musste mich richtig sammeln, denn es war, als hätte sich die Zeit für einen Moment zurückgebogen.
Von Athen aus führte uns unser Erinnerungsweg weiter zu Freunden in Patras, wo wir an einem lauen Novemberabend bei 18 Grad in der Taverne bei griechischer Musik und Tsipouro direkt am Meer frischen Fisch verspeisten: Es war überwältigend und die Gefühle zwischen Rührung und unbändiger Freude und Dankbarkeit gingen abwechselnd mit mir durch.
Sollte mich jemals das Schicksal der Demenz ereilen, bringt mich doch bitte einfach nach Griechenland! Wenn meine Erinnerung auch dort nicht aktiviert wird mit all den Gefühlen, die dazugehören, dann weiss ich auch nicht...
sonja.wolf@anzeigervonsaanen.ch
