Rotary, Lions und Soroptimistinnen: die 22. Brocante Saanen im Zeichen der Solidarität
11.08.2026 SaanenKurz nach Sonnenaufgang strömten 160 Ausstellerinnen und Aussteller in den Dorfkern von Saanen. Sie verwandelten den Dorfplatz, die Dorf- und die Bahnhofstrasse in ein lebendiges Museum. Den Brocante-Besuchenden bot sich von 9 bis 17 Uhr ein wahrhaft märchenhaftes Bild. Das ...
Kurz nach Sonnenaufgang strömten 160 Ausstellerinnen und Aussteller in den Dorfkern von Saanen. Sie verwandelten den Dorfplatz, die Dorf- und die Bahnhofstrasse in ein lebendiges Museum. Den Brocante-Besuchenden bot sich von 9 bis 17 Uhr ein wahrhaft märchenhaftes Bild. Das fünfköpfige OK-Brocante-Team leistete wiederum einen hervorragenden Job, der von weit mehr als 1000 Händen beklatscht wurde. Wir sprachen dieses Mal mit Vertretern von drei gemeinnützigen Organisationen, deren Brocanteerlöse weltweiten Hilfsprojekten zugute kommen.
EUGEN DORNBIERER-HAUSWIRTH
Der Rotary Club Gstaad Saanenland und eine Käserei in Nepal
Seit den 1970er-Jahren im Saanenland vernetzt, ist der Club der geeignete Partner für den Manjushri-Verein. Deren Präsidentin Ursula Meichle, selbst eine engagierte Rotarierin, überzeugte den hiesigen Rotary Club, für ihr Projekt zu werben.
Ursula Meichle berichtet an der Brocante: «Unser Verein ist 20 Jahre alt und unterstützt Projekte in Kathmandu. Wir nehmen Projektideen der Bevölkerung auf. Diese setzen wir mit Hilfe unseres Netzwerks um.» Das Bergdorf Samagaun ist sehr abgelegen¸ ein Fussmarsch von Kathmandu dorthin dauere sieben Tage, erzählt die Präsidentin. «Ein Bewohner des Dorfes hatte die Idee, den Alpinisten, Trekking-Trägern und Sherpas Käse zu verkaufen. Also musste er lernen, wie Käse hergestellt wird. Über unsere Kontakte fand er bei Ursula und Daniel Michel die Gelegenheit, auf der Alp Turnels das Käsen von Grund auf zu erlernen.» Mit dem erworbenen Können und Wissen kehrte er in sein Dorf zurück, wo er heute Schweizer Halbhartkäse-Mutschli herstellt. «Derzeit bauen die Dorfbewohner eine Käserei auf – notabene ohne Kräne, Bagger und Maschinen», berichtet Ursula Meichle.
Lions Club Gstaad: Wenn dem Körper die Kräfte entfliehen
Die fortgeschrittenen Lebensjahre nagen am aktiven und passiven Bewegungsapparat. Die Muskelkraft schwindet und am Skelett bildet sich Patina. Der Umstand, Gehhilfen in Anspruch nehmen zu müssen, soll bei niemandem Panik aufkeimen lassen. «Der Lions-Club Gstaad engagiert sich unter anderem auch für das Projekt ‹Rollaid für Mobilität›», sagt Clubmitglied Edwin Oehrli an der Brocante gegenüber dieser Zeitung. Die Idee gewann der Lions Club aus einem Vortrag über die Werkstatt Rollaid: «In der Recycling-Werkstatt reparieren Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen ausgemusterte Rollstühle und Gehhilfen, um sie kostenlos an Hilfsorganisationen in Entwicklungsländern weiterzugeben», erzählt Oehrli.
Doch nicht nur das. Nebst dem schwächelnden Bewegungsapparat bedürfen oft auch die Augen einer Unterstützung. Der Lions Club erhielt Kenntnis davon, dass in Luzern eine Hilfsorganisation gebrauchte Brillen sammelt. Er griff, zusätzlich zum Projekt «Rollaid für Mobilität», auch diese Idee auf und entwickelte ein Sponsoringkonzept.
Die aufbereiteten Brillen werden in Länder des globalen Südens sowie in Entwicklungsländer exportiert. «Dort sind neue Sehhilfen für einen Grossteil der ärmeren Bevölkerung oft unerschwinglich», sagt Oehrli.
Das Lions-Beizli an der Brocante war das perfekte Spendengefäss. Der Service in diesem Beizli war einzigartig und lockte hungrige und durstige Brocante-Besuchende ins Festzelt. Mit jedem Schluck und jedem Bissen wurden die Gäste Teil des Projektes, fliessen doch die Einnahmen vollumfänglich in die Kasse der Hilfswerke.
Der Club Soroptimist Gstaad-Saanenland und die «neue Würde»
Die Clubgründung geht auf das Jahr 2013 zurück. Eine Frau aus Interlaken suchte damals 18 Kolleginnen, um einen Club gründen zu können. Das gelang. «Seither setzen sich die Soroptimistinnen Gstaad-Saanenland für die Stärkung und Unterstützung von Frauen und Kindern ein», sagt Präsidentin Caroline Schwenter an der Brocante im Interview mit dieser Zeitung. Unter dem weltweiten Motto «Bewusstmachen – Stellung nehmen – Handeln» engagiert sich der Club sowohl regional im Saanenland als auch in globalen Netzwerken. Dies vor allem mit grossem Eifer in sozialen Bereichen, die in unserer schnelllebigen Zeit zusehends ins Abseits zu driften drohen.
An der Brocante interessierten sich zwei jüngere Damen eifrig für die angebotenen Taschen am Stand der Soroptimistinnen. Auf die Frage, weshalb sie nach älteren Taschen Ausschau hielten, sagten sie: «Mode wiederholt sich. Es ist durchaus möglich, dass wir ein Modell finden, das unsere Mütter oder gar ältere Tanten besassen.»
Der gesamte Erlös aus dem Taschenverkauf geht laut Präsidentin Schwenter an den Berner Verein «Neue Würde». Dieser ermöglicht Frauen am Rand der Gesellschaft eine Ausbildung zur Kosmetikerin. «Das niederschwellige Angebot befähigt die Frauen dazu, ein eigenständiges Leben zu führen und eröffnet echte Perspektiven.» Dieses Projekt liegt der Präsidentin und ihren Kolleginnen sehr am Herzen, «denn Bildung ist die Grundlage für Freiheit und Selbstbestimmung», sagt die Präsidentin.
Kindheitserinnerungen beim Staubwischen
Drei Damen sassen gemütlich bei einem Getränk inmitten der Brocante. Aus ihrem Gespräch erfuhr man: «Wir erwarten nichts Besonderes an einer Brocante. Vor allem Spielsachen, Puppen und Bäbistuben erinnern an die Kinder- und Jugendzeit oder an Ferien bei unseren Grossmüttern. Eigentlich sollten wir nichts kaufen, wir haben zu Hause genügend Vasen, Tassen und andere Schmuckstücke zum Abstauben. Gerne werfen wir aber einen Batzen in die Kässeli der Hilfsorganisationen.»
Musik – der wohltuende Kontrast zum Geplauder und Gelächter rund um die Sehenswürdigkeiten.
Auf dem Dorfplatz sorgten die Blaskapelle Stadtbach Musikanten und das Schwyzerörgeli-Quartett Werner Brügger aus Adelboden für die gute Laune der Gäste. Die Stadtbach Musikanten erinnerten mit ihren böhmischen Klängen an die berühmten Radio-Hafenkonzerte «Gruss vom Bodensee». Die Brass Band «Harmonie» Saanen begeisterte das zahlreich anwesende Publikum mit klassischer Brass-Band-Musik, Konzertmärschen und bekannten Unterhaltungsstücken.
Eine Geschichte rund um die Brass Band «Harmonie» Saanen
Denis Baeriswyl, Vizepräsident der Brass Band, erzählt: «Bis 2010 war das Waldfest ein zentrales Ereignis in unserem Jahresprogramm. Im Zug des Zeitgeistes folgte eine klassische Festwirtschaft – wie heute an der Brocante. Mit dem finanziellen Erlös sichern wir die vielfältigen Aktivitäten unseres Vereins und fördern den musikalischen Nachwuchs, indem wir Instrumente zur Verfügung stellen und Familien bei den Kosten für den Musikunterricht finanziell unterstützen.» Die Festwirtschaft sei auch für die Musiker:innen ein gesellschaftlicher Anlass. Die Pflege der Kameradschaft sei sehr wichtig, weil nur gut die Hälfte der Formation einheimisch ist. «Die Übrigen leben und arbeiten auswärts, sind also Heimweh-Saaner», sagt der Vizepräsident.
Baeriswyl erinnert sich an seine eigenen musikalischen Anfänge: «Gegen Ende der 1990er-Jahre, ich war in der zweiten Klasse, besuchte ich an einem 6. Dezember mit meinen Eltern einen Auftritt der Musikschüler. Die rassige Blasmusik faszinierte mich. Ich wollte auch Musiker werden und Trompete spielen.» Heute spielt er Euphonium. «Schade, dass heutzutage nicht mehr Jugendliche den Weg in die Brassband finden, obwohl die Musik der Brassband sehr vielen Leuten gefällt. Daher bleibt die Gewinnung und Förderung des Nachwuchses eine wichtige Vereinsaufgabe»», sagt Baeriswyl.




