Salz der Erde – Licht der Welt
27.10.2023 KircheKennen Sie die Geschichte der Salzprinzessin?
Ein alter König will sein Reich an diejenige seiner drei Töchter vererben, die ihn am meisten liebt. Jede der drei jungen Frauen versichert dem Vater ihre Liebe.
Die erste sagt: «Ich liebe dich mehr als alles Gold auf der Welt.» Die zweite meint: «Du bist mir lieber als sämtliche Edelsteine.» Die dritte hat einen ganz anderen Vergleich: «Lieber Vater, du bist mir mehr wert als Salz.»
Der König ist nicht sehr erfreut über den Liebesbeweis seiner dritten Tochter – Salz, das ist doch nun wirklich keine Kostbarkeit, in jedem ordinären Krämerladen erhältlich und so gewöhnlich, dass es in allen Küchen des Landes zu finden ist.
Wenn nun Jesus zu seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern sagt «Ihr seid das Salz der Erde» – betont er damit ihre Mittelmässigkeit?
Die Salzgewinnung lässt sich schon früh bei allen Zivilisationen nachweisen.
Der Konsum von Salz ist lebenswichtig, ohne Salz stirbt unser Körper, weil lebenswichtige Funktionen davon abhängen.
Salz ist also alles andere als gewöhnlich, sondern vielmehr eine lebenserhaltende Notwendigkeit und nicht nur das – Salz gibt dem Essen eine angenehme Würze. Ohne Salz schmeckt alles nicht so recht, das Essen ist fad, ohne interessanten Geschmack und etwas langweilig.
Salz wird auch gebraucht, um Lebensmittel haltbar zu machen. Bevor die Tiefkühltruhe erfunden wurde, war Salz eines der gängigen Hilfsmittel, um Fleisch und Gemüse für längere Zeit geniessbar zu halten.
Möglicherweise haben diese Eigenschaften des Salzes etwas mit dem Auftrag zu tun, den Jesus uns allen in der Bergpredigt erteilt, wenn er sagt:
«Ihr seid das Salz der Erde.»
Als Christinnen und Christen sind wir beschenkt mit allem, was uns und anderen Menschen hilft im Leben.
Wenn wir uns von Gottes heiliger Geistkraft beschenken lassen und unser Leben gestalten, wie Jesus Christus es uns vorgelebt hat, dann können wir aus dem Vollen schöpfen, dann sind wir «Salz der Erde».
Aus dieser göttlichen Energie speist und erneuert sich täglich unser geistliches Leben und aus diesem Überfluss dürfen wir auch andere beschenken, die unsere Hilfe nötig haben.
«Salz der Erde» sein, heisst auch, anderen zu Hilfe kommen.
Wenn wir die konservierende Wirkung von Salz auf unser Glaubensleben übertragen, kann das heissen, dass wir beauftragt sind, das Leben und den Glauben zu erhalten.
Was eingesalzen ist, verdirbt nicht – es ist durchdrungen von einem Wirkstoff, der die zersetzenden Prozesse aufhält.
Als Christinnen und Christen stehen wir auf der Seite des Lebens und des Glaubens. Zwar sind auch wir als Menschen vergänglich. Auch wir werden eines Tages sterben. Aber als Glaubende vertrauen wir darauf, dass wir dereinst auch im Tod in Gottes guten Händen bleiben. Im täglichen Leben, hier und jetzt, sind wir jedoch das Salz, das das Leben erhält. Durch unser Verhalten wird auch unser Glaube sichtbar und für Aussenstehende messbar. Wenn wir Glauben erhalten und weitergeben wollen, ist das Wichtigste, dass wir authentisch bleiben, dass wir selbst das tun, was Jesus uns vorgelebt hat.
Salz hat überdies auch eine reinigende Wirkung. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Vergleich aufnehmen soll.
Die Kategorien «Rein» und «Unrein» haben im Zusammenhang mit Glauben schon viel Unheil über die Menschen gebracht.
Ganz verkehrt wäre es, zu glauben, ich dürfte mich als «reine Christin» nicht mit der «unreinen Welt» beschmutzen.
Genau das Gegenteil soll passieren, wenn ich dem Beispiel von Jesus folgen will.
Die Unverbesserlichen, die Neunmalklugen und die Moralapostel seiner Zeit haben Jesus immer wieder vorgeworfen, dass er sich zu oft mit unreinen Menschen abgebe – mit jenen, die in der guten Gesellschaft kein Ansehen hatten.
Aber welch eine reinigende Wirkung hatten die Liebe und das Vertrauen, das Jesus gerade diesen Menschen entgegenbrachte, mit welchen sonst keiner zu tun haben wollte:
Der Zöllner und Betrüger Zachäus zum Beispiel wurde nach der Begegnung mit Jesus ein Menschenfreund und Wohltäter.
«Ihr seid das Salz der Erde.»
Wir sind rein genug, um selbst Salz der Erde zu sein. Wir brauchen nicht noch gereinigt zu werden, um dann wirken zu können.
Es steht nichts davon, dass wir noch einige Voraussetzungen zu erfüllen haben, um dann in ferner Zukunft Salz der Erde zu werden – kein Wenn und Aber – wir sind es schon!
Wir sind rein, weil Jesus uns rein gesprochen hat. Wir sind das Salz, weil Jesus das so sagt, auch wenn wir uns im Moment vielleicht nicht so fühlen und sogar dann, wenn wir uns nicht so verhalten. Diese Zusage dürfen wir für uns annehmen und auch das Leben unserer Gemeinde darauf bauen.
«Ihr seid das Salz der Erde.»
Salz hat, in Wunden gestreut, auch eine schmerzhafte Wirkung.
Christenmenschen sind aufgefordert, dort hinzusehen und den Finger draufzuhalten, wo offene Wunden sind: Ungerechtigkeiten ansprechen, Lügen aufdecken, Gewalt anprangern, für die Schwachen einstehen.
Unser Salz bleibt kräftig und wirksam, wenn wir es einsetzen zum Nutzen von allen, ganz besonders von den Schwachen.
«Ihr seid das Salz der Erde – ihr seid das Licht der Welt.»
Diese Sätze haben gewiss bei den Leuten damals, die Jesus in seiner Bergpredigt zuhörten, Verwunderung ausgelöst: «Was, meint Jesus wirklich uns?»
Und Sie, liebe Leser, liebe Leserinnen – können Sie glauben, dass Sie Salz und Licht dieser Welt sind?
Vielleicht denken Sie «Wir haben sonst schon ziemlich viel um die Ohren. Und einen durchgetakteten Alltag. Wann sollen wir auch noch Salz und Licht für die Welt sein?»
Sie sind es schon, liebe Leser, liebe Leserinnen. Jeder und jede tut nämlich das, was er oder sie gut kann, um das Gemeinwesen lebendig zu halten.
Im lebendigen Kontakt untereinander sind wir alle Salz und Licht. Wir begleiten einander auf den Wegen des Lebens, taufen Kinder, konfirmieren junge Menschen, organisieren sowohl Altersanlässe wie auch Kindergottesdienste, beerdigen Gemeindemitglieder und trösten ihre Angehörigen – wir alle tun das, was Jesus mit «Salz und Licht sein» meint – wir alle dienen dem Leben und geben den Glauben weiter – wir alle sind Kirche im allerbesten und ureigensten Sinn!
«Ihr seid das Salz der Erde – Ihr seid das Licht der Welt.»
Worte des Höchsten – gesprochen zu uns allen.
«Wer, wenn nicht ihr» – so sagt Jesus – und: «Man nimmt doch nicht ein Licht, und stülpt einen Topf darüber, nein, man stellt es auf einen Ständer, damit es allen im Haus Licht gibt.»
«Dass wir Christenmenschen sind, das kann der Welt nicht verborgen bleiben, das wird die Welt schmecken und sehen», sagt Jesus.
Schmecken und sehen musste auch der alte König, wie wertvoll das Salz ist.
Nachdem er beleidigt seine jüngste Tochter aus dem Land gejagt hatte, gab es weit und breit kein Salz mehr zu kaufen. Alle wurden krank, bis sie endlich wieder nach Hause kam, ihrem Vater verzieh und ein Säcklein Salz mitbrachte. Das Salzsäcklein wurde niemals leer und das Darben im Königreich hatte ein Ende.
Salz ist wertvoller als Gold und Edelsteine, das hatte der alte König erkannt.
«Ihr seid das Salz der Erde» – wir sind Gott so lieb und wertvoll wie das Salz. Durch unser Leben und durch unser Tun leuchten Licht und Liebe von Jesus Christus in die Welt.
MARIANNE LAUENER, PRÄDIKANTIN AUS FRUTIGEN FÜR DIE KIRCHGEMEINDE LAUENEN

