Aus Breitensport wird Spitzensport
28.10.2024 SportAm vergangenen Wochenende wurde die Turnhalle Ebnit von einem elfköpfigen OK und schier unzähligen Helferinnen und Helfern in eine Wettkampfarena für die besten Gerätturner der Schweiz verwandelt. Über 200 Turner begeisterten rund 2000 Zuschauende am Samstag im ...
Am vergangenen Wochenende wurde die Turnhalle Ebnit von einem elfköpfigen OK und schier unzähligen Helferinnen und Helfern in eine Wettkampfarena für die besten Gerätturner der Schweiz verwandelt. Über 200 Turner begeisterten rund 2000 Zuschauende am Samstag im Einzelwettbewerb und am Sonntag bei den Teamwettkämpfen.
JENNY STERCHI
«Good luck, Lucien» und «Good luck, Bänz» – so die Aufschrift auf zwei Plakaten, die neben Sponsorenbannern und anderen Fantransparenten an der Wand hingen. «Es ist toll, wenn wir als Gastgeber der Schweizermeisterschaften zwei Turner aus unserem Verein in den Wettkampf schicken dürfen», so die Verantwortlichen vor Ort. Und Martin Hebeisen, Mitglied des Zentralvorstandes des Schweizerischen Turnverbands (STV), fand die passenden Worte, um das Wettkampfgeschehen und beeindruckendes turnerisches Können an diesem Wochenende zu beschreiben: «An diesen Schweizermeisterschaften sehen wir, wie aus Breitensport Spitzensport entstehen kann.»
Turner aus der ganzen Schweiz
221 Turner kamen ins Saanenland, um am Samstag in vier Kategorien um die Höchstpunktzahl zu kämpfen. Und die meisten hatten ihre Fanblocks mitgebracht.
In der Königsklasse K7 setzten zwei Herren vom TV Rickenbach den Massstab. Mit fünf Hundertsteln hatte Stefan Meier die Nase vorn und liess sich zum Schweizermeister im Geräteturnen krönen. Für seinen Vereinskollegen Simon Stalder gab es die Silbermedaille, für den Aargauer Severin Ender (TSV Rohrdorf) Bronze.
Severins jüngerer Bruder Linus Ender (TSV Rohrdorf), der im letzten Jahr seine erste SM bestritt, klassierte sich in der Kategorie K5 mit über 47 Punkten vor dem Zweitplatzierten Olivier Reginald Molyneaux vom TV Wettingen. Auf Rang 3 folgte Mika Köble vom TV Kloten.
Auf dem Podest der Kategorie K6 waren die Berner in Überzahl. Dennoch gelang es dem St. Galler Andrin Büsch (TSV Engelburg), sich auf Rang 2 und damit zwischen den Sieger David Lüdi vom TV Lyss und den Drittplatzierten Kim Alain Dössegger (TV Orpund) zu drängen.
In der Kategorie der Herren holte sich Christian Hofstetter (STV Ettiswil) den Sieg. Dominik Dobmann (TV Grüningen) folgte auf Rang 2 und Florian Süess vom TV Wettingen wurde Dritter.
Das beste Team der Schweiz
In den Mannschaftswettkämpfen der Kategorien A und B kämpften die Turner am Sonntag um die Platzierungen ihres Kantons. Die Leistungen am Vortag waren bei der Zusammenstellung der Teams nicht unwesentlich. Stefan Meier, Simon Stalder, Christian Hofstetter, Janis Fasser und Mario Meier sorgten für den Triumph des Teams Luzern/Obwalden/Nidwalden in der Kategorie A. Sie verwiesen die Teams aus dem Aargau und aus Bern auf die Ränge 2 und 3.
In der Kategorie B setzte sich die Aargauer Turnmannschaft mit Luca Kaufmann, Linus Ender, Luis Harder, Florian Süess und Florian Felix Dörflinger gegen die Teams aus Zürich und St. Gallen durch.
Und zwei von hier
Lucien von Grünigen, TV Saanen-Gstaad, hatte sich im Laufe der Wettkampfsaison mit durchwegs sehr guten Resultaten in der Kategorie K5 für die diesjährigen Schweizermeisterschaften daheim im Saanenland qualifiziert. Für den ebenfalls für den TV Saanen-Gstaad turnenden Bänz Sterchi stand die Entscheidung noch lange aus. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mehrerer Berner Athleten in der Kategorie Herren und die Entscheidung im vorletzten Wettkampf der Saison gingen dann zugunsten Sterchis aus.
Für Lucien von Grünigen resultierte nach einem gelungenen Wettkampf mit Rang 11 eine Platzierung, die mit einer Auszeichnung belohnt wurde und ihm am Sonntag einen Startplatz im Berner Team einbrachte. Bänz Sterchi klassierte sich auf Rang 27.
Kollektiver Effort
Die Zuschauerränge waren an beiden Wettkampftagen sehr gut besetzt. Unzählige Helferinnen und Helfer waren bereits ab Donnerstagabend mit dem Einrichten der Tribünen mit 1200 Sitzplätzen beschäftigt. Eine vollständig eingerichtete Gastroküche stellte die Verpflegung der Turner, Betreuenden, Familien, Fans und Helfenden sicher, ergänzt durch köstliches Backwerk vieler Vereinsmitglieder. Zwei grosse Festzelte boten Raum für die Party am Samstagabend, das Racletteessen und das Gala-Dinner.
Die Equipe der Helferinnen und Helfer, die zum Abbau am Sonntagabend bereitstand, war noch ein wenig grösser. Die Siegerehrung war noch nicht ganz zu Ende, als der Abbau der Infrastruktur begann. Nur zwei Stunden später war die Turnhalle wieder leer.
«Ich war auf jeden Fall mega nervös!»
Lucien von Grünigen, auf einer Skala von eins bis zehn – eins bedeutet «alles kein Problem», zehn bedeutet «man kann nichts essen» – wie nervös waren Sie am Samstagmorgen?
Ich war auf jeden Fall mega nervös! Aber bei zehn war ich nicht, denn ich konnte immerhin etwas essen zum Frühstück.
Wie ist es, wenn das Publikum den eigenen Namen ruft und jede Übung am Schluss bejubelt? Haben Sie das während des Turnens überhaupt mitbekommen?
Am Samstag habe ich tatsächlich nicht viel davon mitbekommen. Da war die Nervosität dann wohl doch höher als angenommen. Ich war wie in einem Tunnel unterwegs, war komplett aufs Turnen fokussiert. Am Sonntag, im Teamwettkampf, habe ich dann doch hier und da meinen Namen gehört. Und in den Videos, die am Samstag entstanden sind, habe ich den Jubel im Nachhinein auch noch mitbekommen. Das ist sehr cool!
Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Platzierung?
Überaus zufrieden! Ich hätte nicht gedacht, dass es für eine Platzierung so weit vorne reicht. Ich konnte meine Leistungen abrufen, hatte keine groben Fehler und konnte mein Programm uneingeschränkt turnen. Ich hatte zwar keine super Bewertungen, dafür waren es sehr konstante Resultate.
Wie intensiv haben Sie sich auf diesen Wettkampf vorbereitet?
Schon während der Sommerferien, als sich abzeichnete, dass ich an der SM dabei sein werde, habe ich mich darauf eingestellt – mit höherer Trainingsdisziplin und Verzicht auf Alkohol. Gerade in den letzten Wochen habe ich mir noch mehr Zeit genommen, um an den einzelnen Übungselementen verstärkt zu feilen. Beim SM-Training konnte ich extrem profitieren, denn dort waren viele Leiter und unbekannte Turner, von denen viel zu erfahren und zu lernen war.
Werden Sie auch im nächsten Jahr um eine Qualifikation kämpfen, auch wenn die Titelkämpfe dann nicht im Saanenland sind?
Natürlich ist es besonders reizvoll, an der Schweizermeisterschaft dabeizusein, wenn sie daheim stattfindet. Aber gemeinsam mit meinem Trainingskollegen Diego Marti werden wir auf jeden Fall wieder um die Qualifikation kämpfen. Hoffentlich versucht es auch Bänz, egal wo die nationalen Titelkämpfe sein werden. Ich starte dann in der nächsthöheren Kategorie K6. Von daher muss ich zunächst schauen, welche Elemente gefordert sind. Aber meine Motivation ist natürlich nach diesem Wochenende enorm gross! Besonders der Teamwettkampf war eine tolle Erfahrung, die ich gerne wiederholen würde.
An welchem Gerät turnen Sie am liebsten? Und welches würden Sie lieber weglassen?
Ich kann gar nicht sagen, an welchem Gerät ich am liebsten turne, denn eigentlich mache ich alles im Geräteturnen sehr gerne. Ich kann es nur anhand meiner Aufregung sortieren. Demnach bin ich am Barren und an den Ringen am nervösesten. Und dennoch mag ich es sehr, am Barren zu turnen. Auch das Gefühl, an den Ringen durch die Luft zu gleiten, finde ich sehr faszinierend. Aber nervös bin ich deswegen trotzdem. Am Boden dagegen bin ich am ruhigsten. Dann gehts natürlich etwas einfacher.
«Mein Favorit ist mit Abstand das Reck»
Bänz Sterchi, eine Reihe von Athleten aus dem Kanton Bern hatte in der Kategorie Herren einen Startplatz an den nationalen Titelkämpfen angestrebt, und am Ende war die Entscheidung ziemlich eng. Wie gross war die Freude, als Sie von Ihrer Qualifikation erfuhren?
An den Wettkämpfen im Sommer zeichnete sich ab, dass die Entscheidung zwischen Sandro Guinand (TV Brienz) und mir knapp werden würde. Am Ende reichte es für mich. Mitte September erhielt ich eine Einladung in die Whatsapp-Gruppe der Berner Athleten, die an der SM turnen würden. Mein Startplatz war somit bestätigt und die Freude bei mir und meiner Familie riesig.
Sie starteten in der Kategorie Herren und sind mit 47 Jahren einer der älteren Teilnehmer. Wie viel haben Sie in der Vorbereitung auf diesen Wettkampf trainiert?
Wenn man mein Resultat betrachtet: zu wenig! Doch als arbeitender Familienvater ist der Zeitplan ziemlich strukturiert. Dennoch habe ich jeden möglichen Moment genutzt und versucht, an meinen Leistungen zu arbeiten. Am Ende waren es dann Schmerzen in der Schulter, die mich ein wenig zurückgebunden haben, vielleicht tatsächlich altersbedingt (schmunzelt).
Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Resultat?
Mit Rang 27 bin ich mittelmässig zufrieden. Zumal ich Zehntel habe liegen lassen, die durchaus im Rahmen des Möglichen lagen. Vor dem Hintergrund des Trainingspensums hatte ich jedoch mein Wettkampfziel nicht an der Platzierung festgemacht. Vielmehr konnte ich den Wettkampf geniessen und hatte enorm Spass – nicht zuletzt dank des furiosen heimischen Publikums. Angenehmer Nebeneffekt dabei: Die Nervosität war nicht übermächtig und ich konnte befreit turnen.
An welchem Gerät turnen Sie am liebsten? Und welches würden Sie lieber weglassen?
Mein Favorit ist mit Abstand das Reck. Am Barren turne ich grundsätzlich auch gern, aber für höhere Noten müsste ich definitiv mehr trainieren. Die Schaukelringe fordern mich fortwährend heraus. Im Kunstturnen, wo ich meine turnerischen Wurzeln habe, sind die Ringe nicht in Bewegung während der Übung. Das Timing für die Elemente muss auf den Punkt stimmen für eine optimale Ausführung. Es gab einige Athleten an diesem Wochenende, die das eindrücklich präsentiert haben.