«Soldat Vögeli»: Die Kulisse erwacht zum Leben
04.08.2026 KulturDas Freilichttheater «Soldat Vögeli» hat am Freitag auf dem Lätzgüetli Premiere gefeiert. Mit einer detailreichen Kulisse, viel Humor und einer Geschichte über Frieden, Nächstenliebe und Zusammenhalt entführte der Freilichttheaterverein das Publikum in die Dorfwelt der ...
Das Freilichttheater «Soldat Vögeli» hat am Freitag auf dem Lätzgüetli Premiere gefeiert. Mit einer detailreichen Kulisse, viel Humor und einer Geschichte über Frieden, Nächstenliebe und Zusammenhalt entführte der Freilichttheaterverein das Publikum in die Dorfwelt der 1940er-Jahre.
MAXIME VÖGELE
Die Abendsonne taucht den Schauplatz des Freilichttheaters «Soldat Vögeli» in warmes Licht. Mit der Premiere wird das Lätzgüetli am Freitagabend für rund zweieinhalb Stunden zur Dorfwelt der 1940er-Jahre. Nach einer Militärkäseschnitte oder «Hörnli und Ghackets» in der Theaterbeiz nehmen die Besucherinnen und Besucher auf der gedeckten Tribüne Platz. Schon bevor das Stück beginnt, gibt es viel zu entdecken. Links das Pfarrhaus mit seinem Gemüsegarten, rechts der Hof Sonnegg, auf dem sogar Hühner Teil der Inszenierung sind.
Zwischen Krieg und Humor
Kaum betritt Berth Vögeli in seiner Militäruniform die Bühne, ist das Publikum mitten in der Zeit der Mobilmachung während des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum der Geschichte stehen jedoch nicht die militärischen Ereignisse, sondern die Menschen. Auf dem Hof Sonnegg verschärfen sich familiäre Spannungen und Erbstreitigkeiten durch die Mobilmachung, die Lebensmittelknappheit und unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Trotz des ernsten Hintergrunds erzählt das Stück die Geschichte mit viel Humor, zum Beispiel als Berth Vögeli den Weinkeller des Pfarrers plündert, bevor er das Munitionslager bewachen soll. Gleichzeitig wird immer wieder deutlich, dass Frieden, Nächstenliebe und Zusammenhalt gerade in schwierigen Zeiten den Kern der Erzählung bilden.
Wie ein Wimmelbild
Die grösste Besonderheit liegt in der Kulisse, in die das Publikum eintaucht. Anders als bei einem klassischen Theater beschränkt sich das Geschehen nicht auf einen einzelnen Schauplatz: Während in einer Ecke eine Szene gespielt wird, geht das Leben rundherum weiter. Ein Dutzend Statist:innen beleben den Schauplatz. Kinder spielen auf der Wiese, Bauern arbeiten, Menschen unterhalten sich oder beobachten das Geschehen. Mit der eigens errichteten Pfarrhausfassade und den angelegten Gemüsegärten vergisst man beinahe, dass sich dahinter das ehemalige Skiliftgebäude verbirgt.
Weil das ganze Gelände Teil der Inszenierung ist, können sogar historische Fahrzeuge ins Spiel eingebunden werden. Ein Motorrad mit Seitenwagen und ein Auto fahren mitten durch das Bühnengeschehen und machen die Dorfwelt noch lebendiger. Fast wie in einem Wimmelbild entdeckt das Publikum ständig neue Details.
Dialekt mit Charme
Auch die Sprache trägt zum Charme der Inszenierung bei. Ruth Domke hat den ursprünglichen Text für das Freilichttheater in den Saaner Dialekt übertragen. Das verankert die Geschichte im Saanenland, ohne dass die Verständlichkeit verloren geht. Besonders die Wortgefechte zwischen Hilfsknecht Michi und der ledigen Schwester Vreni sorgen immer wieder für Lacher. Mit ihren typisch Saaner Schimpfwörtern liefern sich die beiden einen Schlagabtausch, der den Humor des Stücks zusätzlich unterstreicht.
Die eigens für das Stück komponierte Musik von Reto Stadelmann fügt sich ebenso stimmig in die Aufführung ein. Sie begleitet das Geschehen dezent und unterstreicht die Atmosphäre.
Gelungener Auftakt
Für Regisseurin Ruth Domke weicht mit der Premiere die Anspannung der vergangenen Monate. Bereits die Hauptprobe am Mittwoch vor der Premiere sei gut verlaufen. «Ich bin immer froh, wenn es an der Hauptprobe schon gut klappt», erzählt sie dem «Anzeiger von Saanen». Da habe sie gemerkt, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler bereit seien.
Auch Sarah Iseli, die den Theaterverein als künstlerische Beraterin begleitet hat, beschreibt die besondere Atmosphäre des Freilichttheaters: «Man ist draussen. Es riecht, wie es riecht. Die Vögel, die Hühner, der Brunnen, der Garten. Man sieht Leben und schaut nicht einfach Theater.»
WORUM GEHTS IM «SOLDAT VÖGELI»?
«Soldat Vögeli» spielt zur Zeit der Mobilmachung des Zweiten Weltkriegs und führt auf den abgelegenen Hof Sonnegg nahe der französischen Grenze. Dort leben drei unverheiratete Geschwister (das vierte gilt als verschollen), deren Alltag von harter Arbeit und alten Spannungen geprägt ist. Vreni, die ältere, scharfzüngige Schwester, bestimmt mit ihrer verbitterten Art oft den Ton, während Rosa versucht, aus der Knappheit der Kriegsjahre mit heimlichem Schwarzhandel Vorteile zu ziehen. Armin, der gutmütige, aber körperlich beeinträchtigte Bruder, hält den Hof so gut er kann zusammen – doch die Konflikte sind zunehmend schwieriger zu bewältigen.
Im Zentrum der Handlung steht Berth Vögeli, der als Baby in einem Körbchen vor der Hoftüre abgelegt und von der Familie aufgenommen wurde. Er arbeitet seit jeher als Meisterknecht auf Sonnegg und trägt mit seinem Pflichtgefühl viel Verantwortung – bis er mit der Mobilmachung als Soldat an die Grenze muss. Seine Abwesenheit verstärkt die Brüche auf dem Hof spürbar. Ebenfalls zentral ist die Rolle des leicht beeinträchtigten, hochsensiblen Hilfsknechts Michi, der ebenfalls als Findelkind ein Plätzchen auf dem Hof gefunden hat und in dieser schwierigen Zeit als Kurier für brisante Informationen dient.
Neue Dynamik bringt Meieli, die beim Pfarrer aufgewachsene Tochter des verschollenen Bruders Wendel. Sie findet ihren Weg auf den Hof und wird zu einer wichtigen Verbindung zwischen den verschiedenen Lebenswelten.
Zwischen Hof, Pfarrhaus und Grenzbeiz erzählt das Stück eine vielschichtige Geschichte über Herkunft, Zusammenhalt, menschliche Schwächen und die Suche nach einem Platz im Leben. Wie sich die Familie in dieser schwierigen Zeit behauptet, zeigt der Theaterabend.
SWO








