Unterwegs im Solar-Express

  05.09.2023 Region, Saanenmöser

Es war ein Tag mit viel Symbolik. Die Solaranlage auf dem Hornberg ob Saanenmöser, die als Pilotprojekt in den nächsten zwei Jahren Daten für die Initianten von SolSarine sammeln wird, ging am letzten Donnerstag in Betrieb.

JENNY STERCHI
Viel Euphorie, weniger Kritik als vielleicht erwartet und «Gwunder» lagen in der Luft, als die Pilotanlage von Sol-Sarine offiziell in Betrieb ging. Vertreter der Schutzorganisationen, der Kantonsregierung und der Lokalpolitik sowie Fachspezialisten und die Initianten selbst bekundeten ihre Freude über die Installation der Anlage in vergleichsweise kurzer Zeit.

Pilotanlage als Datenlieferant
Die zwei Trägertischkonstruktionen mit den Solarmodulen wurden auf dem Hornberg errichtet. Sie sind Teil der geplanten SolSarine-Anlagen, die im Endergebnis bis 2030 auf einer Fläche von 100 Hektaren jährlich rund 150 Gigawattstunden Solarstrom produzieren sollen. Die derzeit priorisierten Projekte am Hornberg und in der Schneit umfassen rund 50 Hektaren. Es ist die erste Pilotanlage dieser Art im Kanton Bern. Der von ihr produzierte Strom wird im Winter vom Skilift Hühnerspiel und übers ganze Jahr von den beiden Restaurants auf dem Hornberg genutzt.

Wie hoch die tatsächliche Stromgewinnung ausfallen und wie gross der Einfluss äusserer Bedingungen auf die Konstruktion und den Ertrag der Anlage sein wird, kann schliesslich mit Hilfe der Daten ermittelt werden, die ab sofort mit dieser Pilotanlage gesammelt werden.

Der grosse Vorteil der geplanten Projekte in diesem Perimeter ist, dass kaum neue Infrastrukturen (Strassen und Transformatoren) benötigt werden. Transformatoren in näherer Umgebung und der übrige infrastrukturelle Ausbau der Gebiete ermöglichen hohe Effizienz bei vergleichsweise kleinem Eingriff.

Pilotanlage öffentlich zugänglich
Die öffentlich zugängliche Pilotanlage will auch die alpine Solartechnologie der Bevölkerung näherbringen und aufzeigen, wie die Trägertische gebaut sind und wie sie Energie produziert. Dazu wird beim Berghotel Hornberg und Hotel-Restaurant Hornfluh ein Infopoint eingerichtet, der die Anlage dokumentiert und wo auch weitere Informationsanlässe stattfinden werden.

Tierfreundlich und angepasst
Dank der Abstände zwischen den beiden Tischen – so die Bezeichnung der modulbedeckten Ständerkonstruktionen – und einer angepassten Höhe der Unterkante der Trägerkonstruktion können auch zukünftig die Tiere auf der betreffenden Weide bleiben. Scharfe kannten an den Metallträgern wurden vermieden, um das Verletzungsrisiko der Weidetiere zu minimieren.

Spurloser Rückbau möglich
Der Landschaden unmittelbar unter den beiden Tischen, der bei deren Aufbau verursacht wurde, war nicht zu übersehen. «Das ist unser ‹Lehrgeld›, das wir beim Installieren ‹gezahlt› haben», erklärte Matthias In-Albon während der offiziellen Inbetriebnahme. «Die Erkenntnisse und die Optimierung können nun in der Projektausarbeitung von der Baulogistik über den Montageprozess bis hin zur Konstruktion berücksichtigt werden.» Zukünftig werde das Setzen der Fundamentschrauben zu einem standardisierten Prozess, bei dem das schwere Gerät die Fläche gezielt und nur noch einmal befahren muss.

Schrauben mit einer Länge zwischen anderthalb und drei Metern wurden als Fundamente in den Boden geschraubt und gerammt. «Wir konnten bei der Verankerung der Konstruktion vollständig auf den Einsatz von Beton verzichten», betonte In-Albon. Dies bedeute eine komplette Rückbaubarkeit.

Bei der Behandlung der Metallträger wurde auf das Verzinken verzichtet. «Zinkrückstände hätten Verunreinigungen im Boden bedeutet. Wir haben uns für stärkeres Material entschieden. So können entstehende Rostschichten abgetragen werden, ohne dass die Stabilität leidet.»

Ausserdem wurden die Träger so ausgerichtet, dass die Angriffsfläche für die Schneelast so klein wie möglich ist und der Schutz vor Lawinenschäden somit maximiert wurde.

Hohe Effizienz gegen Winterstromlücke
Beim Platzieren der beiden Tische wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Neigung der Module liegt bei 60 Grad und ist optimal auf den Einfallswinkel der Sonne in jeder Jahreszeit ausgerichtet. Nach Süden ausgerichtet und bifazial – auch die Rückseite generiert Strom, vor allem durch Reflektionslicht vom Schnee – liefern die Module ein Drittel des Stromverbrauchs des Skilifts Hühnerspiel.

Die Sonneneinstrahlung im Berggebiet ist im Winter signifikant höher als im Unterland. (siehe Info-Box)

Und was ist mit der Aussicht, die nun versperrt wird? «Wir können ja zwei Schritte seitwärts gehen und schon wird der Blick auf die wunderbare Bergkulisse des Saanenlandes wieder sichtbar», erklärte Nationalrat Erich von Siebenthal mit einem Augenzwinkern.

Express-Tempo
Die Zeit von der ersten Idee des Projekts bis zur Inbetriebnahme der Pilotanlage betrug gerade einmal ein halbes Jahr. «Es ging alles ungewohnt schnell, was uns natürlich enorm freute», fügte der Co-Initiant Lorenz Furrer an. Auflagen und Entscheidungen der verschiedenen Behörden spielten den beiden Herren an der Spitze von SolSarine in die Hände. Das Tempo, in welchem das Pilotprojekt realisiert wurde, war am Donnerstagnachmittag ein Schwerpunkt in den Gesprächen. Regierungsrat Christoph Ammann und Nationalrat Jürg Grossen zeigten sich begeistert davon, wie schnell dieses Projekt realisiert werden konnte. «Der Kanton Bern ist beim Thema Solar-Express alles andere als langsam», versicherte Ammann. «Die Standorte auf dem Hornberg und der Schneit sind vielversprechend, die Kommunikation mit allen beteiligten Ämtern und Umweltinstitutionen verlief umfassend und auf einer Ebene. Das ermöglichte die kurzfristige Umsetzung.»

Er stellte in Aussicht, dass mindestens sechs solcher Solarprojekte bis 2025 im Kanton Bern die Stromproduktion aufnehmen werden.

«Am 13. Dezember 2022 hörten wir im Gemeinderat zum ersten Mal von diesem Projekt und heute, nur acht Monate später, stehen wir vor der fertigen Pilotanlage», wusste Toni von Grünigen, Gemeindepräsident von Saanen, zu berichten. Der Solar-Express habe Fahrt aufgenommen. Dass es ein Leuchtturmprojekt ist, das auf dem Hornberg geschaffen wurde, darüber waren sich die Anwesenden einig. Der Blick für erneuerbare Energie richte sich so auf das Saanenland. Egal, ob man jetzt dafür oder dagegen sei.

Für Matthias In-Albon, neben Lorenz Furrer Co-Initiant von SolSarine, ist die Notwendigkeit ziemlich deutlich: «Es ist an uns, für die nächste Generation zu sorgen. Klimapolitik geht nur Hand in Hand mit der Energiepolitik. Mit dem Ziel des Bundes, bis 2050 komplett auf erneuerbare Energien umzuschalten, können wir mit SolSarine unseren Beitrag leisten, indem regional kohlendioxydneutraler Strom produziert wird. Die Versorgungssicherheit wächst und die Abhängigkeit vom Ausland nimmt ab.»


TECHNISCHE DATEN DES PILOTPROJEKTS VON SOLSARINE AUF DEM HORNBERG

- Betriebsdauer der Pilotanlage: September 2023 – August 2025
- Eingesetzte Solarmodule: AE Solar
- Modulgrössen:
Tisch 1: 13 Module à 2.17 Quadratmeter (Leistung je 450 Watt), Gesamtfläche 28.3 Quadratmeter
Tisch 2: 11 Module à 2.58 Quadratmeter (Leistung je 550 Watt), Gesamtfläche 28.4 Quadratmeter
- Höhe Unterkante ab Boden: 2.7 m
- Technologie: Bifazial, das heisst Stromerzeugung auch auf der Rückseite (Nutzung der Reflektion des Lichts vom Boden)
- PERC-Technologie: Erzeugt auch bei diffusen Lichtverhältnissen in den Morgen- und Abendstunden Strom
- Verankerung im Boden: Schraubenfundamente (ohne Beton)
- Gesamtleistung der Anlage: 11.9 kWp
- Erwarteter Jahresstromertrag pro Kilowatt-Peak: 1470 kWh (ca. 35% höherer Ertrag als im Mittelland)
- Erwarteter Winterstromertrag pro Kilowatt-Peak: 620 kWh (ca. 100% höherer Ertrag als im Mittelland)
- Datenerhebung: produzierte Strommenge mit hoher zeitlicher Auflösung
- Wettereinflüsse: Windgeschwindigkeit und -richtung, Umgebungstemperatur, Feuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Albedo (Reflektion des Sonnenlichts vom Boden)
- Flächenverbrauch für Schraubenfundamente für eine Ertragsfläche von 50 Hektaren Modulfläche auf dem Hornberg und der Schneit: 300 Quadratmeter (im Durchschnitt drei Wohnungen)

SOLSARINE


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