Sommerpause und Spiritualität
26.06.2026 KircheEigentlich tut so eine Hängematte nicht viel. Sie produziert nichts, erledigt keine Aufgaben und verfolgt keine Ziele. Sie schwingt einfach sanft zwischen zwei Bäumen und wartet darauf, dass jemand sich für einen Moment hineinsetzt.
Wenn ich mich jeweils in meine ...
Eigentlich tut so eine Hängematte nicht viel. Sie produziert nichts, erledigt keine Aufgaben und verfolgt keine Ziele. Sie schwingt einfach sanft zwischen zwei Bäumen und wartet darauf, dass jemand sich für einen Moment hineinsetzt.
Wenn ich mich jeweils in meine Hängematte lege, so spüre ich zunächst meine eigene Unruhe: Da sind all die Gedanken, Pläne und tausend unerledigte Dinge… Eigentlich ist gar keine Zeit, sich nun da in diese Hängematte zu legen. Doch irgendwann geschieht etwas. Mein Blick wandert zum Himmel. Ein Windhauch streift durchs Blattwerk. Aus der Ferne klingt der Glockenschlag der Kirche oder das Rauschen der Saane. Die Zeit wird irgendwie langsamer. Einatmen – ausatmen. Schauen. Staunen.
Das ist eine der schönsten Gaben des Sommers: Neben all den vielen Aufgaben, die in der warmen Jahreszeit und während der langen Tage auf uns warten, erinnert er uns daran, wie wohltuend eine Unterbrechung sein kann. Und wie sehr wir Menschen das brauchen!
Das warme Licht am Abend, der Duft von Heu auf den Wiesen oder von sonnengewärmtem Holz an einem Berghaus laden dazu ein, für einen Augenblick durchzuatmen, stehenzubleiben. Nicht um etwas zu erreichen. Sondern einfach, um zu sein. Luft zu holen. Einatmen – ausatmen. Schauen. Staunen.
Auch die Bibel erzählt von einem Gott, der die Welt nicht rastlos erschaffen hat. Auf die Tage des intensiven Wirkens folgt der Tag der Ruhe. Gott betrachtet, was geworden ist, und sieht, dass es gut ist. Die Ruhe erscheint dabei nicht als Lücke zwischen wichtigeren Tätigkeiten. Sie gehört zum Leben selbst. Sie ist Teil davon.
Darin liegt eine tiefe Weisheit: Wir Menschen sind nicht nur zum Tun geschaffen, sondern auch zum Empfangen.
Bei Karl Barth, einem der bedeutendsten reformierten Theologen, habe ich sinngemäss einmal gelesen, dass der Mensch feiern dürfe, weil er sich sein Leben nicht selbst gegeben habe. Er müsse die Welt nicht tragen, denn sie werde bereits getragen.
Dieser Gedanke kann erstaunlich befreiend wirken: Nicht alles hängt von mir ab. Nicht alles muss in meinen Händen liegen. Ich bin getragen. Ich darf auch einmal einfach sein.
Meine Hängematte weiss das alles längst. Wer sich in sie hineinlegt, vertraut darauf, dass sie hält. Für eine Weile darf man loslassen. Die Seele baumeln lassen. Man darf sich tragen lassen von den Seilen, von den Bäumen, von der Erde unter ihnen. Das ist auch ein Bild für den Glauben.
Die Sommerzeit schenkt uns solche Erfahrungen. Beim Wandern über blühende Wiesen, beim Sitzen auf einer Bank mit Blick in die Berge, beim Lesen eines Buches auf dem Balkon oder beim Gespräch mit Menschen, für die sonst oft zu wenig Zeit bleibt. In solchen Momenten müssen wir nichts beweisen. Wir dürfen wahrnehmen: das Licht, die Wärme, den Duft des Sommers, das Lachen eines Kindes, die Schönheit der Schöpfung.
Der Berner Theologe, Schriftsteller und Dichter Kurt Marti schrieb: «Wo chiemte mer hi, wenn alli seite ‹wo chiemte mer hi› u niemer giengti für einisch z luege, wohi dass me chiem, we me gieng…» Auch das Innehalten ist eine Art des Gehens. Ein Gehen nach innen. Was entdecken wir, wenn wir nicht sofort weitergehen? Wenn wir einen Moment verweilen und schauen, was sich zeigt? Unsere vielen verschiedenen Aufgaben ertragen es nämlich, wenn wir einfach einmal dazwischen stehenbleiben und schauen. Oft begegnet uns gerade in den Unterbrechungen, was im Alltag leicht verloren geht: Dankbarkeit. Staunen. Vertrauen.
Dann hören wir zwischen dem Summen der Insekten, dem Läuten der Kuhglocken und dem Rascheln der Blätter jene leise Zusage, die durch die biblischen Geschichten hindurchklingt: Du bist getragen.
Ich wünsche Ihnen und mir einen Sommer voller Licht, voller Wärme und voller solcher gesegneter kleiner Unterbrechungen. Momente zum Luftholen und schauen, wo wir hinkommen, wenn wir schauen gehen…
IHRE MARIANNE KELLENBERGER


